Zwischen "schneller Kontrolle" und "Anarchie"

von Ulrich Stoll und Christian Rohde
31.03.2020 | 18:35 Uhr
Ein 17-seitiges internes Papier des Innenministeriums empfiehlt deutlich mehr Tests und die konsequente Isolierung von Virusträgern zur Eindämmung der Coronakrise.
Wie weit geht die Corona-Krise?Quelle: DPA
Über 57 Millionen mit Corona infizierte Deutsche und 1,15 Millionen Tote – das ist das düsterste von drei Szenarien, die Experten des Bundesinnenministeriums aufgeschrieben haben - sollte die Ausbreitung des Corona-Virus nicht gestoppt werden. So steht es in einem internen Papier, das Bundesinnenminister Seehofer am 18. März in Auftrag gab und das dem ZDF-Magazin Frontal21 vorliegt. Die Beamten sprechen im "Worst Case"-Szenario von einer "Kernschmelze" der deutschen Wirtschaft, einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts um 20 Prozent:
Es droht, dass dies die Gemeinschaft in einen völlig anderen Grundzustand bis hin zur Anarchie verändert.
Internes Papier des Bundesinnenministeriums

Bis 200.000 Tests täglich nötig

Um hohe Todeszahlen und den Niedergang der Wirtschaft zu vermeiden, empfiehlt das Papier des Innenministeriums (BMI) deutlich mehr Virustests bei gleichzeitigen "scharfen Ausgangsbeschränkungen über mehrere Wochen". Im Verlauf von zehn Tagen seien pro Tag 100.000 bis 200.000 Tests nötig, um einen Großteil der Infizierten Fälle zu entdecken und isolieren zu können. "Getestet werden sollten sowohl Personen mit Eigenverdacht als auch der gesamte Kreis der Kontaktpersonen von positiv getesteten Personen", heißt es in dem Papier.
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Die höhere Testdichte würde kurzfristig zu einem Hochschnellen der Fallzahlen führen. Auch wenn derart massiv getestet würde, rechnet das Ministerium erst ab Mitte April mit einer Abnahme der Infiziertenzahlen. Großflächiges Testen würde "den von Ausgangsbeschränkungen betroffenen Bürgern ein aktives Krisenhandeln des Staates" vermitteln, so das BMI-Papier. Bislang testen Labore in Deutschland deutlich weniger. Für einen zweiwöchigen Zeitraum bis 22. März bestätigte das Robert-Koch-Institut lediglich 483.295 Proben, die insgesamt getestet worden seien. Aktuell würden 500.000 Tests pro Woche durchgeführt, schätzt der Berliner Virologe Christian Drosten.

Ortung von Kontaktpersonen "unumgänglich"

Die Autoren des Papiers fordern neben Massentests eine effiziente Kontaktsuche von positiv getesteten Personen. Dabei sei "längerfristig der Einsatz von Big Data und Location Tracking unumgänglich". Damit ist die Ortung von Kontaktpersonen mit Hilfe von Mobilfunkdaten gemeint – ein für Datenschützer problematisches Verfahren.
In Deutschland wird über den möglichen Einsatz von Handydaten diskutiert, um potenzielle Kontaktpersonen von Infizierten zu finden und zu warnen. Allerdings gibt es datenschutzrechtliche Bedenken.
Das BMI rät zu einer offensiven Kommunikationstrategie: "Es ist wichtig, gleich von Anfang an klarzustellen, dass erfolgreiche Maßnahmen sich erst mit erheblicher Verzögerung auf die Anzahl gefundener Neuinfektionen und die Anzahl der Todesfälle auswirken werden (...) Um die gesellschaftlichen Durchhaltekräfte zu mobilisieren, ist das Verschweigen des Worst Case keine Option."

"Worst Case Szenario"

57,4 Millionen Infizierte (69,3 Prozent der Bevölkerung)

1,159 Millionen Tote (2 Prozent der Infizierten)

Szenario "Dehnung"

17,4 Millionen Infizierte (21,1Prozent der Bevölkerung)

221.914 Tote (1,27 Prozent der Infizierten)

Szenario "Hammer and Dance"

1 Million Infizierte (1,2 Prozent der Bevölkerung)

11.777 Tote (1,17 Prozent der Infizierten)

Mittlere Fallsterblichkeitsrate in Europa von 1,8 Prozent

Die Autoren des vertraulichen Papiers gehen für Europa von einer "mittleren Fallsterblichkeitsrate von 1,8 Prozent bei bester Krankenhausversorgung" aus.  Diese Abschätzung bezieht sich auf Daten aus Südkorea. Dort sei vor allem durch effizientes Testen und Isolieren der Ausbruch des Virus erfolgreich unter Kontrolle gebracht worden. In Südkorea seien außerdem durch die systematische Kontaktsuche sehr viele Personen getestet worden, die überhaupt keine Symptome hatten. Daher sei in Südkorea mit einer sehr kleinen Dunkelziffer zu rechnen.
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"Die Fallsterblichkeitsraten pro Altersgruppe können daher als gute Referenz betrachtet werden", heißt es. Außerdem seien die Zahlen mit denen aus China außerhalb Hubei kohärent, wo noch viel intensiver getestet wurde. Für Südkorea errechne sich so eine mittlere Fallsterblichkeitsrate von momentan 1,1 Prozent. Da in Europa mehr ältere Menschen lebten, sei hier mit einer höheren Sterblichkeitsrate zu rechnen.

Schlussfolgerungen des BMI

Die auf dem Papier zunächst niedrig erscheinenden  Zahlen führen laut BMI- Papier zu einer "unerheblich klingenden Fallsterblichkeitsrate, die vor allem die Älteren betrifft" und zu falschen Schlussfolgerungen vor allem bei Jüngeren.
Viele – so heißt es im Papier – würden möglicherweise unbewusst und uneingestanden denken: "Naja, so werden wir die Alten los, die unsere Wirtschaft nach unten ziehen, wir sind sowieso schon zu viele auf der Erde, und mit ein bisschen Glück erbe ich so schon ein bisschen früher". Diese Mechanismen hätten in der Vergangenheit sicher "zur Verharmlosung der Epidemie beigetragen".

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