: Geflohene Russen in Georgien nicht willkommen

von Sebastian Ehm
31.10.2022 | 11:05 Uhr
"Grüße an die Deserteure" - mit solchen Plakaten werden geflohene Russen in Tiflis empfangen. Von wütenden Georgiern, die ihnen die Schuld an immer höheren Preisen geben.

Es sind vor allem junge Russen, die vor Putins Teilmobilmachung fliehen - sie wollen nicht kämpfen und suchen in Georgien neue Sicherheit. Doch was sagen die Menschen in Georgien dazu?

27.10.2022 | 10:21 min
Auf dem Aufkleber, den Badri auf sein Plakat klebt, steht in fetten Buchstaben "FUCK PUTIN". Wobei statt dem U und dem C eine georgische und eine ukrainische Flagge zu sehen sind. Der 22-Jährige will Russen damit am Flughafen gleich "empfangen", wie er es nennt. Die Unzufriedenheit mit der Situation wächst. So wie er reagieren viele Georgier und Georgierinnen auf die zunehmende Anzahl russischer Geflüchteter.

Seit Teilmobilmachung: Russen "laufen weg"

Badri ist Teil der politischen Jugendorganisation "Girchi", die in der Hauptstadt Tiflis aktiv ist. Sie sind strikt antirrussisch und treten für Solidarität mit der Ukraine ein. Während er mit einem roten Filzstift die Buchstaben auf seinem Plakat nachzieht, redet er sich in Rage. Er kritisiert vor allem die Russen, die Putin all die Jahre gestützt und geduldet haben.

Wie verändert der Ukraine-Krieg die Welt?

Was macht der Ukraine-Krieg mit uns und der Welt? Menschen und Staaten blicken mit großer Sorge auf den kommenden Winter – nicht nur wegen der kalten Temperaturen. Das ZDF auslandsjournal berichtet darüber in der Dokumentation-Reihe "Winter is coming“ – Korrespondentinnen und Korrespondenten aus der ganzen Welt zeigen, wie sich dieser Krieg mitten in Europa auf scheinbar alles auswirkt. Alle Teile können Sie in der ZDF-Mediathek und auf dem ZDFheute YouTube-Kanal sehen.
Dass sich seit der Teilmobilmachung so viele junge Männer aus Russland absetzen, macht ihn wütend.
Erst als ihr Leben in Gefahr war, haben sie sich entschieden wegzulaufen und in Georgien Schutz zu suchen.
Badri
Darauf will er aufmerksam machen. Badri rollt sein Plakat ein, steigt mit seinen zwei Mitstreitern in einen grünen Kleinwagen und macht sich auf den Weg zum Flughafen.
Der Georgier Badri empfängt geflohene Russen am Flughafen mit kritisierenden Plakaten.Quelle: ZDF/Sebastian Ehm
Seit der Verkündung der Teilmobilmachung durch Putin am 21. September dieses Jahres sind über 70.000 Russen nach Georgien gekommen, so das georgische Innenministerium. Seit Beginn der Kämpfe in der Ukraine waren es Schätzungen zufolge sogar über 300.000. Im Land herrscht Misstrauen. Denn noch ist vielen Georgiern sehr präsent, dass im Kaukasuskrieg 2008 russische Panzer nur 40 Kilometer vor den Toren Tiflis‘ standen. Hinzu kommt, dass russische Truppen nach wie vor in Südossetien und Abchasien stationiert sind. Diese Teile Georgiens haben sich einseitig abgespalten, gehören allerdings völkerrechtlich zu dem Land.

Explodierende Mieten durch immer mehr Russen in Georgien?

In Georgien wächst die Kritik daran, dass es die Regierung Russen vergleichsweise einfach macht, ins Land zu kommen - sie bekommen hier als Touristen eine einjährige Aufenthaltsgenehmigung. Im internationalen Vergleich ist das ungewöhnlich. Die wachsende antirussische Stimmung in Georgien könnte auch Putin in die Karten spielen. Denn es nährt das Narrativ, das er schon in der Ukraine versucht anzuwenden: Die Nato und der Westen versuchen Russlands Nachbarländer unter ihre Kontrolle zu bekommen und bedrohen damit Russlands Existenz.

Wehrfähige Männer, denen die Mobilmachung droht, setzen sich in Scharen nach Georgien ab. Da sind sie nicht willkommen, denn die Georgier fühlen sich eher der Ukraine verbunden.

27.10.2022 | 02:28 min
Im zweiten Stock eines Einkaufszentrums in Tiflis hat Mamuka Khazaradze seine Büroräume eingerichtet. Der 56-Jährige spricht langsam und bedächtig, in perfektem Englisch. Er hat in Harvard studiert und war jahrelang ein erfolgreicher Investment-Banker. Vor zwei Jahren hat er die Oppositionspartei Lelo mitbegründet. Mit ihr will er Korruption bekämpfen und das Land Richtung EU steuern. Im Besprechungsraum der Partei stehen dementsprechend drei Flaggen. Die georgische, die europäische und die der Ukraine. Khazaradze hat nicht viel Zeit: Es sei viel zu tun, es herrsche gerade viel Unruhe im Land.
Er tritt für eine härtere Gangart gegenüber Russen ein. "Aserbaidschan zum Beispiel gibt nur eine 90-tägige Aufenthaltsgenehmigung", sagt er.
Unsere Partei will ein Gesetz im Parlament einbringen, um die Regelung in Georgien zu ändern.
Mamuka Khazaradze, georgische Oppositionspartei Lelo
Die Regierung hat sich dazu noch nicht geäußert, aber der Druck steigt.
Vor allem der Wohnungsmarkt in der Hauptstadt steht kurz vor dem Kollaps. Russen, die hierherkommen, haben oft mehr Geld und können mehr bezahlen. Die Folge: Mieten in Tiflis sind explodiert. Seit Juli sind sie um knapp 40 Prozent gestiegen. Zu leiden haben darunter oft die Einheimischen, deren Budget nicht so üppig ausfällt.

Willkommensbotschaft: "Grüße an alle russischen Deserteure"

So wie Georgi. Der 19-jährige Student ist erst vor einer Woche aus einem kleinen georgischen Bergdorf nach Tiflis gezogen. Doch er hat nur eine Wohnung gefunden, die man eigentlich nicht als solche bezeichnen kann. Im Treppenhaus fehlt jegliche Beleuchtung, es ist feucht und riecht nach Urin. Eine Eingangstür zur Wohnung fehlt und von der Decke hängen Elektrokabel.
Warmwasser gebe es hier nicht, sagt Georgi, eine Toilettenspülung auch nicht. Trotzdem verlange der Vermieter 300 Lari, umgerechnet 110 Euro. Für Georgi ist das eine Menge Geld. Er muss fünf Tage die Woche auf dem Markt arbeiten, um sich das irgendwie leisten zu können. Für sein BWL-Studium bleibt da nicht mehr viel Zeit.
Schuld seien die vielen Russen in der Stadt, da ist sich Georgi sicher.
Klar bin ich wütend, ich finde erst sollte man sich um die Georgier kümmern, dann um alle anderen wie die Russen.
Georgi
Wenn sich die Situation nicht bessere, müsse er wohl wieder zurück zu seiner Mutter ziehen. Dann wäre sein Studium beendet. In den Straßen von Tiflis spürt man, dass vielen die Anwesenheit der Russen missfällt.
Zurück zu Badri, der mittlerweile am Flughafen angekommen ist. Er will, dass die Russen, die hier ankommen, sofort wissen, dass Georgien kein Land ist, das sie mit offenen Armen empfängt. Und so stellt er sich direkt in die Ankunftshalle. Schweigend hält er sein Schild in die Höhe. Darauf steht: "Grüße an alle russischen Deserteure."
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