: Die feministische Linke und der Realo

von Patricia Wiedemeyer
29.01.2022 | 22:03 Uhr
Die Grünen haben eine Doppelspitze. Mit Ricarda Lang und Omid Nouripour will sich die Partei inhaltlich breiter aufstellen - und dabei auch sanften Druck auf die Koalition ausüben.

Annalena Baerbock und Robert Habeck geben wegen ihrer Ministerämter den Parteivorsitz bei den Grünen ab. Die Bundestagsabgeordneten Ricarda Lang und Omid Nouripour übernehmen.

29.01.2022 | 01:54 min
Es wirkt alles genau durchgeplant, ja geradezu inszeniert, erst um 13:15 Uhr am zweiten Tag des Parteitages, betritt der neue Grünen-Vorsitzende Omid Nouripour die Halle des Velodrom in Berlin. Umringt von zahlreichen Kamerateams, die ihn auch danach nicht mehr in Ruhe lassen.
Den Vorgängern nicht die Show stehlen, oder brauchte er Zeit für die Vorbereitung auf seine Rede? Nein, es ist ganz einfach, bisher war er nur einfaches Partei-Mitglied, in Zeiten von Omikron ist nur der Bundesvorstand persönlich anwesend, alle Delegierten nehmen digital teil.
 

Nouripour skizziert Ziele, keine Visionen

Omid Nouripour hat zwei Gegenkandidaten, wirklich gefährdet war sein Sieg jedoch nicht. 82,5 Prozent stimmen für ihn - ein sehr gutes Ergebnis. Er lobt die Ergebnisse der Koalitionsverhandlungen, verspricht die Partei noch größer zu machen als sie eh schon ist, spult seine Ziele runter, ohne wirkliche Visionen für die Zukunft zu entwickeln - anders als sein Vorgänger Robert Habeck es immer wieder getan hat. 

Ricarda Lang und der Außenpolitik-Experte Omid Nouripour – die Neuen bei den Grünen: vor welchen Herausforderungen sie stehen, berichtet ZDF-Korrespondentin Patricia Wiedemeyer.

29.01.2022 | 01:43 min

Kein überragendes Ergebnis für Lang

Seiner Co-Vorsitzenden Ricarda Lang fehlt diese ohnehin schon Corona-bedingt kleine Bühne. Sie ist erkrankt, ist positiv, und kann nur digital teilnehmen, bitter für sie.
In einer leidenschaftlichen Rede wirbt sie vor allem für mehr soziale Gerechtigkeit, sie will auch die Themen weiter voran treiben, bei denen die Grünen kein Ministerium besetzen, zum Beispiel die Verkehrswende. Die Grünen sollen eine Mitmachpartei sein, die Politik bleibe nicht der Fraktion und Regierung überlassen, sie wolle nicht am Katzentisch sitzen, sondern bei allen Entscheidungen eingebunden sein, so Ricarda Lang.
75,93 Prozent der Delegierten stimmen für sie, kein wirklich überragendes Ergebnis, dafür dass es keine Gegenkandidatin gab.
 

Ricarda Lang sieht bei vielen Themen in der Grünen-Politik noch Verbesserungspotential. "Wir müssen weiter wachsen", so Lang in ihrer Rede auf dem Grünen-Parteitag.

29.01.2022 | 11:43 min

Linke und Realo

Die Erwartungen an das neue Führungsduo sind groß, vor allem an Ricarda Lang als Vertreterin des linken Flügels. Sie müssen nun das Profil der Grünen schärfen, weiter für grüne Themen kämpfen, Konzepte entwickeln, nicht nur beim Thema Klima, sondern vermehrt auch bei sozialen Themen.
Die Partei öffnen, breiter aufstellen, das ist vor allem der Wunsch des linken Flügels, der Wunsch zahlreicher neuer junger Parteimitglieder. Lang, mit 28 Jahren die bisher jüngste Parteivorsitzende, ist eine feministische Linke, aufgewachsen bei einer alleinerziehenden Mutter. Und Nouripour, der Frankfurter mit iranischen Wurzeln, im Alter von acht Jahren kam er mit seinen Eltern aus dem Iran nach Deutschland, erinnert in vielem an Joschka Fischer, also Realo, na klar.

Unterschied zum Duo Baerbock/Habeck

Beim Vorgängerduo Baerbock/Habeck gab es diese Unterschiede nicht, mit ein Grund, warum die Doppelspitze in den letzten vier Jahren so einig und geschlossen agierte.
Der Regierung keine Knüppel zwischen die Beine werfen, aber trotzdem weiter Ziele formulieren, für Druck von der Basis sorgen, die grüne Idee vorantreiben, das wird die Aufgabe sein der neuen Parteiführung, neben einem starken Minister*innen-Duo Baerbock und Habeck und neben einer starken Doppelspitze an der Fraktion, die jedoch eher dafür sorgen muss, dass die Arbeit in der Koalition gut läuft.

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