: Abgeordnete fordern Homöopathie-Reform

von Nils Metzger
21.01.2022 | 13:08 Uhr
Alternativmedizin wie Homöopathie profitiert von gesetzlichen Ausnahmeregelungen. Parlamentarier mehrerer Fraktionen fordern ein "Ende der Kassenfinanzierung von Pseudomedizin".
Globuli, kleine Zuckerkügelchen, sind beliebte homöopathische Arzneimittel. Nachweisbar ist lediglich eine Placebo-Wirkung. (Archivbild)Quelle: imago
In kaum einem Land der Welt ist Homöopathie so beliebt wie in Deutschland. Was häufig als "sanfte Alternative" zu regulären Medikamenten vermarktet wird, hat jedoch keine wissenschaftlich nachweisbare Wirkung über den Placebo-Effekt hinaus.
Studien deuten zudem darauf hin, dass sich eine hohe Verbreitung von Homöopathie negativ auf die Impfbereitschaft auswirkt. Dennoch rechnen die meisten gesetzlichen Krankenkassen homöopathische Leistungen ab. Und Homöopathie profitiert wie andere Alternativmedizin von Ausnahmeregelungen etwa im Arzneimittelgesetz oder im Sozialgesetzbuch.

Ria Schröder: "Klares Bekenntnis zu Medizin und Wissenschaft"

Abgeordnete verschiedener Parteien fordern die Bundesregierung deshalb zum Handeln auf. Die frühere Bundesvorsitzende der Jungen Liberalen, Ria Schröder (FDP), sagt gegenüber ZDFheute:
Ich empfinde es als Hohn, wenn wir als aufgeklärte Gesellschaft naturwissenschaftliche Erkenntnisse und evidenzbasierte Heilmethoden genauso behandeln wie Homöopathie, die rein auf Glauben basiert.
Ria Schröder, FDP-Bundestagsabgeordnete
Erwachsene Menschen müssten selbst entscheiden können, was sie einnehmen, aber es brauche eine klare Abgrenzung, so Schröder, die 2021 erstmals in den Bundestag einzog. Sie sieht auch die Apotheken in der Verantwortung: "Wenn Apotheken homöopathische Mittel anbieten und Krankenkassen die Kosten übernehmen, machen sie Pseudowissenschaft salonfähig."
Wissenschaftsfeindlichkeit und Schwurblerei haben in der Corona-Pandemie Konjunktur, umso dringender plädiere ich für ein klares Bekenntnis zu Medizin und Wissenschaft sowohl von politischen Akteuren als auch von den Krankenkassen.
Ria Schröder, FDP-Bundestagsabgeordnete

Kathrin Vogler: "Beratungsgespräche angemessen honorieren"

Kathrin Vogler, Obfrau der Linken im Gesundheitsausschuss des Bundestags, kritisiert gegenüber ZDFheute, dass Homöopathie auch deshalb so beliebt sei, weil homöopathisch Behandelnde oft längere Beratungszeiten mit Patienten abrechnen könnten.
"Dass sie bei Patient*innen beliebt ist, hat viel mit der Zuwendung zu tun, die diese dabei erfahren. Es ist nicht hinnehmbar, wenn homöopathische Behandler*innen diese Zeit für Zuwendung von Krankenkassen finanziert bekommen, während bei wissenschaftlich arbeitenden Mediziner*innen das so wichtige Gespräch mit den Patient*innen nicht angemessen honoriert wird", sagt Vogler.
Auch Vogler fordert, dass aus Pflichtbeiträgen finanzierte Krankenkassen ihre Mittel nur für nachgewiesen wirksame Therapien ausgeben dürfen.

Die Homöopathie ist hierzulande die beliebteste alternative Heilmethode. Eine sanfte Medizin, die keine Nebenwirkungen hat. Aber auch keine erklärbare Wirkung? Sicher ist: Die Homöopathie ist ein riesiges Geschäft.

16.01.2019 | 04:43 min

Verschwörungserzählungen und Pseudomedizin: "Gigantische Gefahr für unser aller Gesundheit"

Lange mit ihrer Position zu Homöopathie gerungen haben die Grünen. Vor der Bundestagswahl einigte man sich schließlich auf einen Kompromiss. Die "Privilegierung der besonderen Therapierichtungen" in Gesetzestexten und Arzneimittelrichtlinien solle verändert werden und die Kosten homöopathischer Gesundheitsleistungen nicht mehr auf alle Beitragszahler umgelegt werden.
Die grüne Bundestagsabgeordnete und Ärztin Paula Piechotta will, dass dieser Beschluss nun auch umgesetzt wird:
In der Pandemie kann auch der letzte sehen, dass Verschwörungserzählungen, Impfgegner und Pseudomedizin keine harmlose Schwurbelei, sondern eine gigantische Gefahr für unser aller Gesundheit und den gesellschaftlichen Zusammenhalt sind.
Dr. Paula Piechotta, Grünen-Bundestagsabgeordnete

Paula Piechotta: "Ende der Kassenfinanzierung nur Frage der Zeit"

Der Kampf gegen sie sei eine zentrale politische Aufgabe für die nächsten Jahre, so Piechotta zu ZDFheute. Die Finanzierung von Homöopathie sei dabei nicht das drängendste Problem, aber:
Wer ernsthaft alle Ursachen für Wissenschaftsfeindlichkeit, Impfmythen und gefährlich niedrige Impfquoten angehen will, der muss natürlich auch die Finanzierung von Pseudomedizin durch die Krankenkassen infrage stellen.
Dr. Paula Piechotta, Grünen-Bundestagsabgeordnete
Frankreich ging diesen Schritt Anfang 2021. Auch deshalb glaubt Piechotta, dass "das Ende der Kassenfinanzierung von Pseudomedizin nur eine Frage der Zeit ist".

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11.01.2022 | 13:29 min

Krankenkassen wollen an Finanzierung festhalten

Im Dezember hatte ZDFheute die gesetzlichen Krankenkassen zu ihrer Haltung bei der Homöopathie-Finanzierung befragt. Alle Kassen, die aktuell solche Leistungen abrechnen, gaben an, daran auch weiterhin festhalten zu wollen.
Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) forderte hingegen eine Reform:
Wer homöopathische Mittel haben möchte, soll sie auch bekommen. Dann aber bitte als Selbstzahler und keinesfalls auf Kosten der Solidargemeinschaft.
Kassenärztliche Bundesvereinigung
Die Krankenkassen sollten "grundsätzlich keine Leistungen der Alternativmedizin finanzieren dürfen, solange der Nutzen nicht nachgewiesen ist", so die KBV zu ZDFheute.

Was sind die Pläne der Bundesregierung?

Kritik an der rechtlichen Stellung der Homöopathie gibt es seit Langem - ebenso wie heftigen Widerstand von Homöopathie-Anhängern gegen eine Reform. Als Gesundheitsminister legte Jens Spahn (CDU) das Thema 2019 zu den Akten, da er niemanden vor den Kopf stoßen wolle. Die jährlichen Kassen-Ausgaben von rund 20 Millionen Euro seien "so okay", sagte Spahn damals.
Der aktuelle Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) ist eigentlich als Homöopathie-Gegner bekannt, bezeichnete sie als "Humbug". Dennoch wollte sich sein Ministerium auf mehrfache Anfrage hin jetzt nicht in der Sache äußern. Im Koalitionsvertrag kommt das Thema Alternativmedizin nicht vor. Aus Koalitionskreisen heißt es, man wolle sich zunächst auf die Bekämpfung der Corona-Pandemie konzentrieren.

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