: IAEA: Vorerst keine Gefahr für Atomkraftwerk

06.06.2023 | 16:35 Uhr
Eine Explosion hat den Kachowka-Staudamm bei Cherson zerstört. Moskau und Kiew reagieren mit Vorwürfen. Für das AKW Saporischschja bestehe vorerst aber keine "unmittelbare Gefahr".
Im von Russland besetzten Teil der südukrainischen Region Cherson ist nach Angaben der Kriegsparteien der Kachowka-Staudamm nahe der Front schwer beschädigt worden. Das angrenzende Wasserkraftwerk ist nach Angaben beider Kriegsparteien komplett zerstört. Kiew und Moskau machten sich gegenseitig für den Vorfall mit potenziell gravierenden Folgen verantwortlich.
Für die Sicherheit des nordöstlich gelegenen Atomkraftwerkes Saporischschja besteht nach Einschätzung der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) derzeit keine direkte Gefahr durch die Situation rund um den Kachowka-Staudamm. Auch laut der ukrainischen Atomenergiebehörde Energoatom sei die Lage in dem AKW gegenwärtig unter Kontrolle.
Experten der IAEA beobachten die Lage:
Tweet der IAEA

Staudamm schadet AKW-Kühlung langfristig

IAEA-Chef Rafael Grossi gibt trotzdem keine Entwarnung. In "ein paar Tagen" könne der Pegel des Stausees so niedrig sein, dass das Wasser nicht mehr zum Kraftwerk gepumpt werden könnte, sagt er. Falle der Pegel unter 12,7 Meter, könne das Wasser nicht mehr in die Kühlkreisläufe des Kraftwerks eingespeist werden.
Die Karte zeigt die Lage des beschädigten ukrainischen Staudamms "Nowa Kachowka".Quelle: ZDF
Die IAEA wolle deshalb prüfen, ob ein großer Kühlteich in der Nähe des Kraftwerks geeignet wäre, Wasser zur Kühlung zu liefern. "Da die Reaktoren seit mehreren Monaten abgeschaltet sind, könnte es ausreichen, um ein paar Monate lang Wasser zu liefern", sagte Grossi. Es sei von "entscheidender Bedeutung, dass dieser Kühlteich intakt bleibt".

Ukrainische Behörde: Lage gegenwärtig unter Kontrolle

Das AKW Saporischschja ist das größte in Europa und steht seit Längerem unter Kontrolle des russischen Militärs, wird aber weiterhin von ukrainischem Personal betrieben. "Wasser aus dem Kachowka-Stausee ist notwendig, damit die Anlage Strom für die Turbinenkondensatoren und Sicherheitssysteme des Kernkraftwerks erhält", erklärt Energoatom.
Derzeit ist das Kühlbecken der Anlage voll: Um 08 Uhr beträgt der Wasserstand 16,6 Meter, was für den Bedarf der Anlage ausreicht.
Mitteilung von Energoatom

Selenskyj ruft Dringlichkeitssitzung ein

Wegen des Vorfalls hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj eine Dringlichkeitssitzung des Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrates der Ukraine einberufen. Selenskyj teilte auch ein Video, das den beschädigten Staudamm zeigt:
Wolodymyr Selenskyj auf Twitter
Selenskyjs Berater Andrij Jermak bezeichnete die Zerstörung des Kachowka-Staudammes als "Ökozid" und machte dafür Russland verantwortlich. Die ukrainischen Behörden arbeiteten daran, die Sicherheit der Anwohnerinnen und Anwohner zu gewährleisten.

Sorge vor Hochwasser - Evakuierungen am Dnipro

Das ukrainische Einsatzkommando Süd teilte mit, die russischen Besatzer hätten den Damm in der Stadt Nowa Kachowka selbst gesprengt. Der Militärgouverneur des Gebiets, Olexander Prokudin, warnte, innerhalb von fünf Stunden könne der Wasserstand eine kritische Höhe erreichen.
Auf der linken Seite des Flusses Dnipro, wo auch die von den Ukrainern befreite Gebietshauptstadt Cherson liegt, sei mit Evakuierungen begonnen worden, so Angaben der Ukraine.
Das Ausmaß der Zerstörung, die Geschwindigkeit und Menge des Wassers sowie die wahrscheinlichen Überschwemmungsgebiete werden gerade bestimmt.
Olexander Prokudin
Die russischen Besatzer hingegen machten ukrainischen Beschuss für die Schäden am Kachowka-Staudamm verantwortlich. "Das Wasser ist gestiegen", sagte der von Moskau eingesetzte Bürgermeister in Nowa Kachowka, Wladimir Leontjew, staatlichen russischen Nachrichtenagenturen zufolge.

Rund 300 Häuser in Nowa Kachowka evakuiert

In der von Russland besetzten Stadt Nowa Kachowka sind nach Behördenangaben bislang rund 300 Häuser evakuiert worden. Ein Teil der Stadt sei aus Sicherheitsgründen von der Stromversorgung abgeschnitten worden.
Der Staudamm und das Kraftwerk von Nowa Kachowka waren bereits letzten Oktober in den Fokus der Aufmerksamkeit geraten, als sich die russischen Truppen vor der Gegenoffensive der Ukraine im Gebiet Cherson zurückziehen wollten.
Schon damals hatte der ukrainische Präsident Selenskyj davor gewarnt, dass der Damm gesprengt oder beschädigt werden könnte, um den Rückzug zu decken. Parallel dazu verbreitete Moskau das Narrativ, dass die ukrainische Armee beabsichtigt, den Staudamm und das Kraftwerk zu sprengen. Allerdings handelte es sich hierbei wohl aller Wahrscheinlichkeit nach um ein gezielt gestreutes Gerücht, um eine "false flag"-Aktion vorzubereiten.
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Quelle: dpa, Reuters

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