: Kirchentag als Digital-Check für Fast-Kanzler

von Kristina Hofmann
15.05.2021 | 18:44 Uhr
Kirchentage sind immer politisch. In Wahljahren besonders. Drei, die im Herbst ins Kanzleramt wollen, waren vielleicht deswegen diesmal dabei. Doch digital ist es nicht so einfach.
Klimawandel, soziale Gerechtigkeit, die Pandemie – all das sind Themen auf dem Ökumenischen Kirchentag. Katholiken und Protestanten diskutieren auch über die Missbrauchsskandale der Kirchen. Und sie feiern gemeinsam Gottesdienste.
Eigentlich stand er gar nicht auf dem Programm. Armin Laschet war erst plötzlich in der Personendatenbank zum dritten ökumenischen Kirchentag zu finden, als er Kanzlerkandidat der Union geworden war. Doch so richtig passte es nicht.

Sieben Minuten für Armin Laschet

"Markt, Macht, Moral" hatte man für ihn als Veranstaltung ausgedacht, wo er als eine der wenigen bei diesem vorwiegend digitalen Kirchentag live ins Kirchentagsstudio dazu geschaltet wurde. Gesetzt hatte man ihn vors CDU Logo, damit auch niemand vergisst, in welcher Funktion er spricht. Was er dann sagte, hatte nur ein bisschen mit dem Thema zu tun.
Es ging um die Corona-Pandemie, die er auch als "Entsolidarisierung" erlebt habe. Zum Beispiel beim Thema Impfen. Sie sei eine "harte Bewährungsprobe für das Land", sagte Laschet. Jetzt, am Ende, fordert er mehr Solidarität mit dem globalen Süden, um auch dort die Pandemie zu bekämpfen. In der Klimapolitik lobte Laschet die Bundesregierung für das neue Klimaschutzgesetz nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts und sagte: "Wir müssen unsere Hausaufgaben machen."
Kirchentag: dezentral und digitalQuelle: oekt.de
Und dann wurde er noch gefragt, ob sich etwas ändert, wenn er als "strammer Katholik" nach der protestantischen Pfarrerstochter ins Kanzleramt einziehen würde. Laschet:
Da ändert sich erst einmal gar nichts. Weihrauch wird nicht ins Kanzleramt einziehen.
Armin Laschet
Er werde wie die Kanzlerin Politik auf Grundlage eines christlichen Menschenbildes machen, aus christlicher Verantwortung heraus. "Daran ändert sich nichts", sagt Laschet. Wenn er im Herbst denn gewählt würde.

Baerbock bekommt Zeit zu werben

Sieben Minuten dauerte dieser Auftritt. Man ahnt, dass sich mehr ändern könnte, wenn Annalena Baerbock (Grüne) im Herbst ins Kanzleramt einziehen würde. Sie selbst bezeichnete sich als "nicht so ganz gläubig". Sie schätze aber, die christlichen Werte und die Gemeinschaft der Gläubigen. Und sie redet definitiv mehr und schneller als Laschet.
Die Grünen sind im Stimmungshoch. Seitdem Annalena Baerbock als Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl feststeht, wächst die Zustimmung weiter an. Störfeuer kommen aber aus der Partei. Wie umgehen mit Boris Palmer? Welche Machtoptionen hat die Partei?
"For Future. Wege aus der Klimakrise" hieß die Diskussion, die vorher aufgezeichnet und für alle ab Samstag online abrufbar war. Baerbock bekam freundliche Fragen der Moderatorin und so die Gelegenheit, das grüne Wahlprogramm vorzustellen. Da ging es um den CO2-Preis, den vorgezogenen Kohlausstieg, das Ende des Verbrennermotors, die sozialen Komponenten dieser Klimapolitik und der Appell an die Umsetzung.
"Man kann die hehrsten Klimaziele auf dem Papier und in Sonntagsreden haben", sagte Baerbock. Würden diese nicht umgesetzt, "schützen wir weder das Klima noch sorgen wir für unsere Kinder und Enkelkinder."

Merkels Abschied: Lob für Fridays for Future

Die Mitdiskutanten kamen wenig zu Wort. Corona-bedingt fehlt diesem Kirchentag das, was sonst sein besonderer Reiz ist. Dass nämlich Politikerinnen und Politiker nur Gäste und Teil des gesellschaftlichen Diskurses sind. Das Publikum kann immer die auf dem Podium kritisch befragen. Digital geht das natürlich schlecht, Chats wurden nicht immer einbezogen.
Etwas besser gelang zumindest der Austausch der Argumente beim Gespräch zwischen Kanzlerin Angela Merkel und Luisa Neubauer von Fridays for Future zum Thema "Warum Klimaschutz alle Generationen braucht". Selbst wenn, wie Merkel kritisch bemerkte, auch in ihrer Runde niemand dabei war, der Klimaschutz für völlig unnötig hält.
Familie Backsen hat vor dem Bundesverfassungsgericht für besseren Klimaschutz geklagt. Als Landwirte auf der Nordseeinsel Pellworm sieht sie ihre Zukunft durch den steigenden Meeresspiegel und den Klimawandel gefährdet.
Merkel kam in ihrer Amtszeit fast immer zu den Kirchentagen. Zum Abschluss gab es nicht nur Friedliches. Neubauer warf Merkels Regierung "Vertrauensbruch" vor. Weil diese jahrelang nichts gegen den Klimawandel getan habe, habe man vor dem Bundesverfassungsgericht klagen müssen. Und das neue Klimaschutzgesetz "klingt nicht danach, was nach Karlsruhe notwendig wäre", so Neubauer.
Merkel lobte Fridays for Future als “Tempomacher” der Politik. Mahnte aber, dass in der Demokratie immer der Konsens nötig sei. Es sei Aufgabe der Politik, so Merkel, "die Gesellschaft nicht auseinanderfliegen zu lassen":
Das ist noch ein Stück Arbeit.
Angela Merkel

Scholz stellt sich Fragen - und kriegt was zurück

Arbeit, die sich Olaf Scholz gerne machen würde. Der SPD-Kanzlerkandidat musste sich gut eine halbe Stunde den Fragen aus dem Chat zum Thema "Wer zahlt die Kosten der Corona-Pandemie?" stellen. Scholz findet, der Soli für die Gutverdienenden müsse bleiben, die Vermögenssteuer wieder eingeführt werden: "Wir werden aus der Krise herauswachsen", sagte Scholz.
Die Pandemie hat den Pflegenotstand besonders in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Am Tag der Pflege fordern Beschäftigte nun faire Bezahlung und bessere Arbeitsbedingungen.
Das trieb viele im Publikum um. Müssten die Coronahilfen nicht an Auflagen gebunden werden? Etwa an klimagerechte Bedingungen? Scholz findet das nicht. Der klimagerechte Umbau der Wirtschaft werde ohnehin die "größte Investitionsoffensive in den nächsten Jahren". Und höhere Mindestlöhne und den Tarifvertrag in der Pflege, den die SPD noch durchsetzen will und sich darüber mit der Union streitet, brachte er auch noch unter.
Aber so ist das, wenn man das Publikum fragt. Dann kommt meistens auch etwas zurück: "Wenn Herr Scholz Defizite sieht", schreibt jemand, "dann kann er das Problem jetzt doch noch angehen, oder?"

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