: Reemtsma: Wachstum macht Welt "ungerechter"

von Felix Rappsilber
12.04.2023 | 06:13 Uhr
Der "Zwang zu Wirtschaftswachstum" sei ein Wohlstandsrisiko, warnt Klimaaktivistin Carla Reemtsma bei "Lanz". Versandhauskönig Michael Otto plädiert für "qualitatives Wachstum".

Zur Zukunftsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts Deutschland, wie Produktions- u. Vertriebsabläufe nachhaltiger gestaltet werden könnten, wie sich die Arbeitswelt im Zuge der Digitalisierung verändern wird

11.04.2023 | 75:32 min
100 Unternehmen, die für 71 Prozent der weltweiten Emissionen verantwortlich sind, darunter das Mineralöl- und Erdgasunternehmen Shell, dessen alleiniger Anteil gar bei zehn Prozent liegt - für die Klimaaktivistin Carla Reemtsma ließen diese Fakten am Dienstagabend bei Markus Lanz vor allem einen Schluss zu: Die oft bemühte Eigenverantwortung hilft im Kampf gegen den Klimawandel nicht weiter.
Reemtsma stellte sich gegen einen "sehr, sehr neoliberalen" Gedanken: "Wir können es alle schaffen. Deswegen können wir alle ganz, ganz alleine die Klimakrise aufhalten, indem wir noch eine Bambuszahnbürste kaufen." Das sei eben viel zu einfach.

Reemtsma: Haben systemisches Problem

Zwar könne man wichtige Konsumentscheidungen treffen, die sich wiederum über eine Gesellschaft als Ganzes summieren würden. Aber wenn es beispielsweise keinen öffentlichen Nahverkehr gebe, könne man sich gar nicht für die klimafreundlichere Art der Fortbewegung entscheiden. Reemtsma schlussfolgerte: "Das zeigt, dass die Verantwortung eben mehr ist als Einzelverantwortung bei Bürgerinnen und Bürgern, was uns so oft erzählt wird, sondern dass wir ein systemisches Problem haben, was auch systemische Lösungen braucht."
Dennoch werden in diesem Zusammenhang immer wieder Verzichtsdebatten laut. Ein Begriff, den die Journalistin Kathrin Hartmann als ein "sehr vergiftetes Wort" bezeichnete. Zum einen, weil es individuell benutzt werde: "Der Einzelne soll verzichten und der Einzelne kann auf viele Dinge gar nicht verzichten. Und wenn er verzichten würde, hat es gar nicht den Markteinfluss, den es haben sollte."

Kampfbegriff Verzicht?

Zum anderen, weil Verzicht "zu einem Kampfbegriff geworden ist, weil man Menschen damit Angst macht", weil vor dem letzten Bundestagswahlkampf "wahnsinnig" Politik damit gemacht worden sei: "Wie wir unsere Lebensgrundlagen und unsere Zukunft schützen, ist letztlich umgedeutet worden zu einer Bedrohung für Wohlstand, zu einer Freiheitseinschränkung, zu etwas Aggressivem."
Michael Otto, Aufsichtsratsvorsitzender der Otto Group, stellte klar:
Wir müssen weg von der Wegwerfgesellschaft.
Michael Otto
Sein Unternehmen wolle "nicht davon leben, dass man schlechte Produkte hat, die man häufig ersetzen muss", sondern: "Im Grunde wollen wir vor allen Dingen qualitatives Wachstum haben. Das heißt, dass wir immer bessere Produkte anbieten oder auch Geräte, die reparaturfähig sind, recyclingfähig sind."

Otto will "absolut klimaneutral" werden

Zudem habe sich die Otto Group verpflichtet, bis 2045 "absolut klimaneutral" zu sein. Michael Otto zeigte sich überzeugt davon, "dass in einigen Jahren nur noch die Unternehmen, die nach solchen Kriterien ihre Produkte anbieten, dauerhaft erfolgreich sein werden".
Bisher sei zwar "keine Bereitschaft da, für Nachhaltigkeit mehr zu zahlen". Aber: "Wenn Sie vergleichbare Preise haben und bieten dann nachhaltige Produkte an, dann entscheiden sich die Kundin und der Kunde dafür." "Mit gewissen Umwelt- und Sozialstandards" wolle man "über bessere Qualität Wachstum machen und nicht über Niedrigpreise".

Reemtsma: Zwang zu Profitmaximierung

"Das Wohlstandsrisiko ist genau dieser Profitdrang, dieser Zwang zu Profitmaximierung, zu einem angeblichen Wirtschaftswachstum, was angeblich Dinge besser macht", entgegnete Reemtsma. Wirtschaftswachstum würde "gar nichts besser", sondern die Welt "ungerechter" machen und "Lebenschancen für mich und kommende Generationen" verschlechtern. Sie sagte:
Es gibt bis heute kein Land der Welt, was es geschafft hat, dass das Bruttoinlandsprodukt weiterwächst und man aber sagt, man verbraucht weniger Ressourcen und man stößt weniger CO2 aus.
Carla Reemtsma
Während der Corona-Pandemie sei der DAX gewachsen, "obwohl klar war: Den meisten Menschen geht es überhaupt nicht gut". Trotz des Ukraine-Krieges würden Unternehmenskurse wachsen und Energiekonzerne Milliardengewinne machen "und substanziell geht es Menschen schlechter". Reemtsma sagte: "Da sehen wir, dass ein rein zahlenmäßiges Wachstum überhaupt gar nicht verknüpft ist mit einem tatsächlichen Wohlstand für Menschen."

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