: Was vom Krieg gegen den Terror bleibt

von Nina Niebergall
10.09.2021 | 21:20 Uhr
20 Jahre sind die Terroranschläge des 11. September nun her. Von den Kriegen gegen den Terror, in Afghanistan und im Irak, bleiben viele Rückschläge - und viel Schmerz.
Laut Verteidigungsministerium wurden in Afghanistan und im Irak rund 50.000 US-Soldat*innen verwundet. Quelle: Reuters
Jed Morgan war 11 Jahre alt, als die zwei Flugzeuge ins World Trade Center in New York flogen, ein weiteres ins Pentagon in Washington D.C. und fast 3.000 Menschen starben. Er sollte, so wie viele US-Amerikaner*innen diesen Tag nie wieder vergessen. Gut acht Jahre später schloss er sich den US-Marines an.
Als Kind habe ich nicht wirklich verstanden, was am 11. September passiert ist. Aber als ich älter wurde und verstand, was an diesem Tag passiert war, hat es definitiv meine Entscheidung beeinflusst, zum Militär zu gehen. Ich wollte etwas machen, das größer ist als ich selbst.
Jed Morgan, Veteran Afghanistan-Krieg
Als Morgan erfuhrt, dass sein zweiter Einsatz in Afghanistan sein würde, heiratete er seine damalige Freundin, mit gerade mal 21. "Man weiß nie, was passiert", erzählt er heute.

Verletzt im Afghanistan-Krieg

Was kurze Zeit später passierte, verändert sein Leben völlig. Er war mit auf Patrouille, wie so oft, irgendwo in der Helmand Provinz, an der Grenze zu Pakistan. Von einem Hügel sollten sie ein Tal beobachten, durch das die Taliban Drogen und Waffen schmuggelten. Als er sich auf den Boden kniete, sein Gewehr im Anschlag, aufs Tal hinabschaute, war es nur eine falsche Bewegung. Und eine Sprengfalle der Taliban explodierte.
Ich erinnere mich, wie ich aufgewacht bin, auf dem Rücken, Staub überall. Ich dachte, es wäre ein Traum und ich wäre eingeschlafen.
Jed Morgan, Afghanistan-Veteran
Beide Beine mussten amputiert werden. Seine rechte Hand kann er bis heute nur eingeschränkt nutzen.
Jed Morgan und Jeremiah Montell nehmen teil an einer Reise, die sich an traumatisierte Afghanistan- und Irak-Veteranen richtet.Quelle: privat

Tote und Verletzte in Kriegen nach 9/11

Etwa 7.000 US-Soldat*innen starben laut Verteidigungsministerium in Afghanistan und im Irak, gut 50.000 wurden verwundet. Bei mehr als einer halben Million wurde eine Posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert. Über 30.000 Männer und Frauen begingen nach ihrer Rückkehr Selbstmord.
Jed Morgan verlor in Afghanistan seine Unterschenkel durch eine Bombe der Taliban. Trotz allem hat sich der Einsatz gelohnt, findet er.
Die Kriege in Afghanistan und im Irak werden in den USA häufig unter der Kategorie "Post-9/11" zusammengefasst. Kriege nach dem 11. September, jenem Datum, das die USA verändern sollte und die Anti-Terror-Bekämpfung auf ein völlig neues Level heben sollte.  
Dies waren Akte eines Krieges. Das ist ein monumentaler Kampf Gut gegen Böse, aber das Gute wird siegen.
George W. Bush, US-Präsident am 12. September 2001
Die US-Regierung unter George W. Bush rechtfertigte viele Mittel, um diesen Krieg zu kämpfen - im Namen des Guten, der Freiheit und Sicherheit. Die USA marschierten in den Irak ein, Terrorverdächtige wurden misshandelt und gefoltert, verbündete Staaten ausgespäht.
Knapp zwanzig Jahre dauert der internationale Militäreinsatz in Afghanistan. Jetzt heißt es: Ende der Mission. Doch schon bevor die letzten Truppen das Land verlassen haben, übernehmen die radikal-islamischen Taliban die Macht im Land. Ein Desaster, militärisch, menschlich, politisch.Aus dem Krieg gegen Terror als Reaktion auf 9/11 wird mit „Resolute Support“ ein Einsatz zur Demokratisierung des Landes. Verfassung, freie Wahlen, Bildung für alle und eine eigene Armee werden zu Wegmarken in diesem Prozess. Doch wie und wann soll der kostspielige Einsatz der ausländischen Truppen beendet werden? Der politische Druck - insbesondere in den USA aber auch in Afghanistan selbst - wächst.phoenix plus Afghanistan – Chronik eines Scheiterns blickt zurück zu den Wurzeln des Konflikts und verfolgt die wichtigsten Etappen des internationalen Militäreinsatzes in dem zentralasiatischen Land am Hindukusch.

Folter und Misshandlung von Terrorverdächtigen

Michael Hayden war erst Direktor des Auslandsgeheimdienstes NSA, später der CIA. Bei der NSA war er für die weltweiten Abhörmaßnahmen verantwortlich. All das bereut er nicht. Aber der Umgang mit Terrorverdächtigen, etwa im Gefangenenlager von Guantanamo - das schon.
Wir haben bei der NSA und CIA Dinge getan, von denen die Leute sagen, das hätten wir nicht tun sollen. Vor 15 Jahren haben wir was anderes gesagt. Jetzt haben wir dazugelernt. Und ich glaube, dass die CIA so etwas nie wieder tun wird.
Michael Hayden, NSA-Direktor 1999-2005, CIA-Direktor 2006-2009
Für den ehemaligen CIA-Chef ist die Welt heute ein Stück sicherer durch den gemeinsamen Kampf gegen den Terror. Und es gab Siege, zum Beispiel die Tötung von Osama bin Laden 2011.

Neuer Terror - auch in Europa

Aber der Anti-Terrorkampf, angeführt von den USA, erschuf auch neuen Terrorismus. Nicht nur in Afghanistan und im Irak - auch in Europa. Die Anschläge von Paris, Brüssel, Berlin zeugen davon.
Es geht mehr um Eindämmen und Abschwächen des Terrorismus als um das Besiegen. Weil wir mehr wollten, haben wir einige Maßnahmen ergriffen, die sehr negative Folgen hatten. Und deshalb waren wir am Ende nicht erfolgreich mit dem, was wir eigentlich erreichen wollten.
Trisha Bacon, Terrorismusexpertin
20 Jahre nach dem 11. September sind die Kriege im Irak und in Afghanistan beendet. Afghanistan fiel nur wenige Wochen vor diesem Jahrestag in die Hände der Taliban. Kurz darauf erschütterte ein Terroranschlag des sogenannten "Islamischen Staat" die Hauptstadt Kabul. Dabei wurden fast 100 Menschen getötet, darunter 13 US-Soldat*innen.
Ich denke, es hat sich gelohnt für die Zeit, die wir dort waren. Wir wissen nicht, wie es den Kindern in Afghanistan unter den Taliban gehen wird. Aber als wir dort waren, haben wir die Kinder herumlaufen und spielen sehen, sie konnten Kinder sein. Sie waren vor den Taliban in Sicherheit, es gab eine Art Frieden. Ich würde es wieder tun.
Jed Morgan, Afghanistan-Veteran
Trotz allem würde Jed Morgan die Zeit nicht zurückdrehen wollen. Trotz all der seelischen, körperlichen Verletzungen – für ihn und so viele andere.
Wer New York am 11. September 2001 erlebte, hat meist minutiöse Erinnerungen. Manche überlebten den Terroranschlag nur knapp, viele verloren geliebte Menschen.

Afghanistan, Terror und die Taliban