: So steht es um die LGBTQ-Community

von Lukas Wilhelm
23.06.2021 | 17:10 Uhr
Münchens Stadion in Regenbogenfarben wäre ein Zeichen für ein tolerantes Land gewesen. Doch die Lage der LGBTQ-Community in Deutschland ist von buntem Glück teils weit entfernt.
Um Toleranz gegenüber der LGBTQ-Community ist eine neue Debatte entfacht. ArchivbildQuelle: Lino Mirgeler/dpa
Trotz mancher Erfolge bei der Gleichstellung und gesellschaftlichen Akzeptanz der Community kritisieren Oppositionspolitiker und LGBTQ-Aktivisten soziale und politische Ungleichheiten in Deutschland.

Was bedeutet LSBTI?

LSBTI ist die gängigste deutschsprachige Bezeichnung für Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche Menschen.

Was bedeutet LGBTQ?

LGBTQ ist die gängigste internationale Bezeichnung für Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender and Queer. Hierbei gibt es zahlreiche Varianten, unter anderem mit LGBTQ+, LGBTQ* oder LGBTQIA*. Eine einheitliche Sprachregelung für die Begriffe gibt es nicht. In diesem Artikel werden die beiden gängigsten Varianten genutzt. Personen, die sich der Community angehörig, durch diese Abkürzung jedoch nicht berücksichtigt fühlen, sind explizit nicht durch die Verwendung des Begriffs LGBTQ ausgeschlossen.

Gewalt gegen Lesben und Schwule bleibt ein Problem

Das Jahr 2020 in Berlin:
  • Ein homosexueller 14-Jähriger wird von Gleichaltrigen bespuckt und als "Schwuchtel" beschimpft.
  • Zwei Männer bedrohen homosexuelle Männer nach einer Party mit dem Tod, stellen sich den Männern als "Gay-Killer" vor.
  • Ein Mann und seine Transfreundin werden von zwei Jugendlichen mit einem Gürtel geschlagen und beschimpft.
Vorfälle wie diese dokumentiert das schwule Anti-Gewalt-Projekt Maneo in Berlin. "Zwar haben wir eine überwiegend tolerante Gesellschaft, aber wir haben es noch immer mit zu vielen Menschen zu tun, die vorurteilsmotiviert Menschen im Kontext von LSBTI-Feindlichkeit angreifen", berichtet Bastian Finke, Leiter des Projekts.
In den vergangenen fünf Jahren sei die Zahl der dokumentierten Übergriffe gestiegen, so Finke. Das liege vor allem auch daran, dass Projekte wie Maneo durch Notrufhotlines immer mehr Fälle aufdecken, erklärt er.
"Wir gehen von einem sehr großen Dunkelfeld aus", sagt Finke und warnt:
Wir haben, was LSBTI-Feindlichkeit angeht, wirklich ein Problem in Deutschland.
Bastian Finke, Leiter Anti-Gewalt-Projekt Maneo

LGBTQ-Solidarität als Werbezweck?

Nutzen deutsche Konzerne die Pride-Bewegung zu Werbezwecken? Dieser Vorwurf wird in sozialen Netzwerken heiß diskutert. Prominentestes Beispiel soll der deutsche Automobilkonzern BMW sein. Anlässlich des Pride-Monats Juni färbte der Konzern sein Logo in sozialen Netzwerken in Regenbogenfarben.
Während das BMW-Logo auf dem deutschsprachigen Account des Unternehmens bunt war, verzichtete BMW unter anderem auf seiner ungarischen, russischen und saudi-arabischen Instagram-Seite auf die Aktion.
Daraufhin warfen Nutzer dem Unternehmen vor, Solidarität mit der Pride-Bewegung nur in Ländern zu zeigen, wo Lesben und Schwule gesellschaftliche Akzeptanz erfahren.

Regenbogenfarbe BMW - Instagram

Auf dem internationalen und dem deutschen Instagram-Account erstrahlt das BMW-Logo in Regenbogenfarben.

Quelle: Instagram

Das sagt BMW zu den Vorwürfen:

"Die Schaffung eines Bewusstseins für Respekt, Gleichheit und für die Bedeutung von Vielfalt gehört zu unseren Grundwerten. Wir schätzen alle Formen von Gemeinschaften, die sich durch Werte wie Respekt, Toleranz und Inklusion definieren. In diesem Sinne ändert die BMW Group während des LGBT Pride Month bis Ende Juni die Logos ihrer Marken auf vielen ihrer internationalen Kommunikations- und Marketingkanäle. Wie bei solchen Kommunikations- und Marketingaktivitäten üblich, liegt es dabei im Ermessen unserer Vertriebsgesellschaften und freien Importeure selbst zu entscheiden, ob sie sich zentral initiierten Kommunikations- und Marketingkampagnen anschließen oder nicht. Das ist eine Abwägung und geübte Praxis bei der BMW Group, bei der auch auf marktspezifische gesetzliche Regelungen und landesspezifische kulturelle Aspekte Rücksicht genommen wird", antwortet eine Unternehmenssprecherin auf ZDF-Anfrage.

Politischer Kontrast zwischen Abstimmungen und Bekundungen

Ebenfalls auf Instagram bekundete Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) seinen Unmut über das Regenbogen-Verbot der UEFA. Schon seit ein paar Jahren liebäugelt Söder mit der LGBTQ-Community. Liebe sei "per se segnenswert", sagte er vor einigen Jahren in einem Podcast.
Söder zur Arena-Debatte:
Söders LGBTQ-Unterstützung steht im Kontrast zu seiner Landesgruppe im Bundestag. 2017 stimmten die meisten CSU-Abgeordneten gegen die gleichgeschlechtliche Ehe ab. Sämtliche CSU-Größen im Bundestag gaben die Richtung vor: Dorothee Bär, Andreas Scheuer, Alexander Dobrindt und die damalige CSU-Landesgruppenchefin Gerda Hasselfeldt stimmten geschlossen gegen die Gleichstellung.

Opposition kritisiert Koalition bei Blutspende und Selbstbestimmung

Seit langem wird im Bundestag um die Rechte homosexueller Männer bei der Blutspende gestritten. Grüne und Liberale kritisieren Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) seit Monaten dafür, die bestehenden Regelungen nicht aufzuweichen.
Homosexuelle und bisexuelle Männer dürfen nur dann Blut spenden, wenn Sie mindestens ein Jahr lang sexuell enthaltsam gelebt haben. "Blut ist nicht schwul oder hetero. Ein mögliches Infektionsrisiko geht nicht von einer sexuellen Identität aus, sondern von persönlichem Risikoverhalten. Das gilt für alle Menschen gleichermaßen", sagt der FDP-Abgeordnete Jens Brandenburg im Interview mit ZDFheute.
Die Ein-Jahres-Regel sei "völlig überzogen" und diskriminiere die betroffenen Männer, so Brandenburg weiter. Der FDP-Politiker fordert, die Regel vollständig abzuschaffen. Heute jedoch hat die Große Koalition im Bundestag mit ihren Stimmen eine Änderung des Blutspendeverbots verhindert.

Änderungen beim Transsexuellengesetz scheiterten

Grüne und FDP bemühten sich im Bundestag ebenfalls um Änderungen beim Transsexuellengesetz - scheiterten jedoch. FDP-Politiker Brandenburg übt Kritik an aufwändigen Begutachtungen, die Transsexuelle durchlaufen müssen, bevor ihr Geschlecht in amtlichen Dokumenten geändert wird. Dabei werden Transsexuellen teils äußerst intime Fragen gestellt.

Der Fußball-Podcaster Lucas Vogelsang sagt, dass es wichtig sei, ein Zeichen zu setzen. Ungarn hätte den Zeitpunkt für das Gesetz ja auch anders wählen können. "Man hat es genau inmitten dieses Turniers gemacht."

23.06.2021 | 02:25 min

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