: Langsam aber sicher wendet sich das Blatt

von Christian Mölling und András Rácz
23.11.2022 | 21:13 Uhr
Russlands ursprüngliche militärische Pläne sind fast vollständig gescheitert. Die unterschätzte Ukraine befreit immer mehr Gebiete, doch die Zivilbevölkerung leidet extrem.
Ukrainische Soldaten in der Region Charkiw. (Archivbild)Quelle: dpa
Der Krieg in der Ukraine dauert seit neun Monaten an. Russische Truppen hatten am 24. Februar mit einer Invasion im Nachbarland begonnen. Damals gingen viele davon aus, dass die Ukraine der russischen Offensive nicht lange würde standhalten können. Ironischerweise begingen viele im Westen, Politiker wie Analysten, die gleichen Fehler wie Russland: Sie unterschätzten die Fähigkeit und Bereitschaft der Ukraine zum Kampf, während sie die Kampfkraft der russischen Armee überschätzten.
Tatsächlich verlief der Krieg selten nach den Plänen Russlands. Die letzten neun Monate könnten durchaus als eine lange Reihe von Plänen Russlands charakterisiert werden, die entweder ganz oder teilweise am starken Widerstand der Ukraine scheiterten.

Russlands Angriff und Kiews Gegenoffensive: Sehen Sie im Zeitraffer-Video, wie sich der Frontverlauf in der Ukraine entwickelt hat.

24.11.2022 | 00:22 min

Russland wollte die Ukraine schnell erobern

Der russische Offensivplan zielte auf die rasche Eroberung von Kiew und Charkiw, der Hauptstadt und der zweitgrößten Stadt der Ukraine im Norden und Osten des Landes. Im Süden wollte der Kreml die Ukraine sowohl vom Asowschen als auch vom Schwarzen Meer abschneiden.

Einen Krieg zu beginnen, dafür braucht es nicht viel: Eine Idee, einen Kriegstreiber und eine gehorsame Armee. Ungleich schwieriger ist es, einen Krieg zu beenden.

20.11.2022 | 03:02 min
Wäre es Russland gelungen, auch die Grenze zwischen der Ukraine und Moldau zu erreichen, hätten russische Streitkräfte die separatistische Region Transnistrien nutzen können, um Moldau zu destabilisieren und die reformorientierte, pro-westliche Regierung in Chisinau zu stürzen.

Moskau glaubte nicht an westliche Hilfe

Moskau hat einen weiteren Faktor außer Acht gelassen: das Engagement des Westens; die politische, finanzielle und vor allem militärische Unterstützung der Ukraine. Zwar zögerten viele westliche Regierungen in den ersten Tagen des russischen Angriffs, sich für Kiew einzusetzen, weil sie einen unvermeidlichen Zusammenbruch der ukrainischen Verteidigung befürchteten.
Seitdem jedoch klar geworden ist, dass Russlands Blitzkriegs-Pläne gescheitert sind, hat der Umfang und die Intensität der westlichen Unterstützung für die Ukraine ständig zugenommen. Dies war ein entscheidender Faktor für die militärischen Erfolge der Ukraine.

Dr. Christian Mölling ...

Quelle: DGAP
... ist Forschungsdirektor der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) in Berlin und leitet dort das Programm Sicherheit, Verteidigung und Rüstung. Er forscht und publiziert seit über 20 Jahren zu den Themenkomplexen Sicherheit und Verteidigung, Rüstung und Technologie, Stabilisierung und Krisenmanagement. Für ZDFheute analysiert er regelmäßig die militärischen Entwicklungen im Ukraine-Konflikt.

Dr. András Rácz ...

Quelle: DGAP
... ist Associate Fellow im Programm Sicherheit und Verteidigung der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) in Berlin. Er forscht und publiziert zu Streitkräften in Osteuropa und Russland und hybrider Kriegsführung.

Frühe Misserfolge Russlands: Kiew und Charkiw

Der erste große ukrainische Erfolg war die Verhinderung des Zusammenbruchs des Landes unter den anfänglich heftigen russischen Angriffen. Die politische und militärische Führung blieb funktionsfähig, und die Streitkräfte waren in der Lage zurückzuschlagen. Sie stoppten den russischen Angriff sowohl auf die Hauptstadt als auch auf Charkiw.
Am 29. März gab Russland bekannt, dass es seine Streitkräfte aus Kiew und anderen nördlichen Regionen zurückgezogen hat; die Gefahr eines Sturzes der ukrainischen Hauptstadt war damit gebannt.

Russlands bedeutsame Eroberungen im Süden: Cherson und Schwarzmeerküste

Die einzige Region, in der die russische Offensive erfolgreich war, war der Süden. Russische Truppen, die aus der besetzten Krim ausströmten, übernahmen schnell die gesamte Küste des ukrainischen Asowschen Meeres. Die wichtigste Stadt der Region, Mariupol, fiel am 16. Mai nach fast dreimonatiger russischer Belagerung. Damit verlor die Ukraine ihren Zugang zum Asowschen Meer.

Etwa acht Monate stand die ukrainische Stadt Cherson unter russischer Besatzung. Nach dem Abzug der Truppen deuten Spuren nun auf Kriegsverbrechen hin.

17.11.2022 | 01:54 min
An der südwestlichen Frontlinie überrannten die russischen Streitkräfte rasch Cherson, wobei der Verrat einiger ukrainischer Beamter eine wichtige Rolle spielte. Dies ist bisher der einzige bekannte Fall, in dem die russische Infiltration zu groß angelegten operativen Erfolgen bei der Durchbrechung der ukrainischen Verteidigungslinien führte.
Nach der Eroberung Chersons versuchte Russland auch Mykolajiw einzunehmen. Allerdings gelang es Ukrainern hier, die Invasion aufzuhalten und bis Ende März die Frontlinie westlich von Cherson zu stabilisieren. Mit der Versenkung des Kreuzers Moskwa am 14. April durch Anti-Schiffs-Raketen war die Gefahr eines vom Meer ausgehenden russischen Angriffs auf Odessa und Mykolajiw weitgehend gebannt.

Cherson: Jüngster von vielen ukrainischen Erfolgen

Zuletzt gelang der Ukraine dann die Rückeroberung der Stadt Cherson und des westlichen Teils der Region. Diese Siege sind nicht nur wegen der Bedeutung der Region selbst wichtig, sondern auch, weil Cherson einen wichtigen Brückenkopf der russischen Streitkräfte am Westufer des Dnipro darstellte.
Jetzt, da Cherson wieder in ukrainischer Hand ist, ist die Gefahr eines künftigen russischen Bodenangriffs auf Mykolajiw und Odessa und damit einer Abschneidung der Ukraine vom Schwarzen Meer gebannt. Dies war eine reale Gefahr, als die groß angelegte Eskalation vor neun Monaten begann.

Ostukraine: Bis heute am schwersten umkämpft

Auch die von der Ukraine seit 2014/2015 befestigte Donbass-Frontlinie konnte weitgehend gehalten werden und zwang Russland seit Februar zu langsamen, kostspieligen Kämpfen in den Städten. Dennoch gelang es Russland durch die Verlegung seiner Streitkräfte aus den nördlichen Regionen, am 25. Juni und am 3. Juli mit Sewerodonezk und Lyssytschansk zwei wichtige ukrainische Städte in der Region einzunehmen.
Russland versuchte, die ukrainischen Streitkräfte im Donbass einzukesseln, indem es von Norden, also von den besetzten Teilen der Region Charkiw aus, angriff. Die umfassende Gegenoffensive der Ukraine bei Charkiw Ende September verhinderte dies jedoch. Seitdem ist die Frontlinie im Donbass von sehr schweren, aber weitgehend positionsbezogenen Kämpfen geprägt.

Ein Ziel der russischen Angriffe ist die Energieinfrastruktur in der Ukraine. Im Dorf Pryschyb in der Nähe von Cherson ist die Versorgung schon seit Monaten unterbrochen.

18.11.2022 | 01:40 min
Die von Russland Anfang Oktober verkündete Annexion der vier ukrainischen Regionen hat an den militärischen Realitäten nichts geändert, macht aber eine künftige politische Lösung sehr viel komplizierter.

Russland begeht schwerste Kriegsverbrechen

Abgesehen von den Kämpfen an der Front hat der Krieg der ukrainischen Zivilbevölkerung extremes Leid zugefügt. Mehr als zehn Millionen Ukrainer waren gezwungen, aus ihrer Heimat zu fliehen; viele von ihnen in die EU. Die systematischen Angriffe Russlands auf die kritische zivile Infrastruktur werden wahrscheinlich weitere Hunderttausende von Menschen dazu zwingen, im Ausland Schutz vor dem bevorstehenden Winter zu suchen.
Die russischen Streitkräfte haben in allen besetzten Gebieten schwerwiegende und massive Menschenrechtsverletzungen begangen. Die Massaker von Butscha und Irpin sind keine Einzelfälle, sondern stellen offensichtlich ein systematisches Phänomen des Moskauer Krieges gegen die Ukraine dar.
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