: Woher sollen Putins neue Soldaten kommen?

von Jan Schneider
23.09.2022 | 16:33 Uhr
Putin braucht für seinen Krieg in der Ukraine dringend frische Soldaten an der Front und hat eine "Teilmobilisierung" verkündet. Doch wen betrifft das eigentlich?
Die Mobilisierung ist im Gange: Ein Hallenstadion in Jakutsk wurde zu einem Sammelzentrum für Wehrpflichtige umfunktioniert. Quelle: dpa
Am Morgen des 21. September kündigte Russlands Präsidenten Wladimir Putin den Beginn der "Teilmobilisierung" in Russland an.
Es geht hier konkret um eine Teilmobilisierung, das heißt, nur Bürger, die sich derzeit in der Reserve befinden, werden zum Militärdienst einberufen, und zwar vor allem diejenigen, die in den Reihen der Streitkräfte gedient haben und über bestimmte militärische Fachkenntnisse und einschlägige Erfahrungen verfügen.
Wladimir Putin
Das Dekret, das wenig später auf der Website des Kremls veröffentlicht wurde, besagt, dass nun die Einberufung von Bürgern der Russischen Föderation zum Dienst in den Streitkräften beginnen kann.
Seit der Ankündigung machen dramatische Abschiedsszenen in Russland in sozialen Medien die Runde. Es kursieren Videos von Männern, die von Angehörigen umarmt werden, bevor sie in Busse stiegen. Es gibt Berichte, dass Studenten direkt aus ihren Vorlesungen rekrutiert wurden und auch dass festgenommene Demonstranten zum Dienst an der Waffe gezwungen werden sollen.
Doch wen betrifft die Mobilmachung eigentlich? Woher sollen die neuen Soldaten für Putin kommen?

Was ändert sich durch die Mobilmachungen für russische Bürger?

Der Erlass zwingt Russen zur Kriegsteilnahme, die bislang - zumindest theoretisch - freiwillig war. Eingezogen werden sollen 300.000 Reservisten, und zwar ab sofort. Laut Angaben des Verteidigungsministeriums sind ehemalige Wehrpflichtige sowie Zeitsoldaten mit Mannschaftsdienstgrad im Alter bis 35 Jahre und Reserveoffiziere der unteren Dienstgrade bis 45 Jahre betroffen. In erster Linie sollen demnach Männer mit Kampferfahrung und einer militärischen Spezialausbildung in den Krieg geschickt werden.
Russland-Experte Gerhard Mangott von der Universität Innsbruck geht jedoch davon aus, dass auch ältere Bürger bis 60 einberufen werden. Das liege zum einen daran, dass es in Russland gar nicht so viele junge Männer gebe - die Geburtenrate liegt seit 1992 mit Ausnahme der Jahre 2014 und 2015 immer unter der Sterberate.
Zum anderen auch daran, dass viele junge Männer qualifizierte Fachkräfte seien, die man sonst "aus den Betrieben herausreißen müsste und die auch deswegen spärliche rekrutiert werden".

Woher sollen die Soldaten kommen?

Offiziell soll es in allen 85 Provinzen - in Russland Föderationssubjekte genannt - feste Quoten geben, die erreicht werden müssen, um die Mobilmachung von 300.000 Soldaten zu gewährleisten. Die Quoten selbst werden jedoch nicht veröffentlicht, daher ist unklar, ob aus manchen Gebieten mehr Personen einberufen werden, als aus anderen. Es sei möglich, dass aus den Städten wie Moskau und St. Petersburg weniger Soldaten mobilisiert werden, da es dort "eine signifikante Minderheit gibt, die mit der Regierung nicht einverstanden ist". Offiziell werden jedoch alle Regionen gleich stark belastet.
Es sei jedoch zu beobachten, dass die Rekrutierung in ländlichen Gebieten sehr viel schneller angelaufen ist:
Man kann beobachten, dass die Mobilisierungen in strukturschwachen, ärmeren Gebieten, wo es auch eine signifikante Zahl von nicht ethnischen Russen gibt, sehr viel intensiver betrieben wird. 
Gerhard Mangott

Warum gibt es in ländlichen Gebieten mehr Reservisten?

Reservisten in Russland haben - ähnlich wie in Deutschland - nach ihrer aktiven Zeit beim Militär einen Vertrag abgeschlossen, weiter als Reserve bereitzustehen.
Russland-Experte Mangott geht davon aus, dass in den strukturschwachen Gebieten in Sibirien und im Fernen Osten Russlands für viele junge Männer das Militär eine der wenigen Karriereperspektiven für einen sozialen Aufstieg bietet. Dieser Umstand sorge auch dafür, dass sich nun aus diesen Gebieten mehr Männer für den Einsatz im Krieg melden. Als Vertragssoldaten verdienen Sie etwa 2.500 US-Dollar pro Monat, das sei etwa das Fünffache des Durchschnittseinkommens in den Regionen, so Mangott.

Was passiert mit den Soldaten, die bereits in der Ukraine kämpfen?

Die Russische Invasion in die Ukraine läuft bereits seit über 200 Tagen. Experten gehen davon aus, dass viele der russischen Soldaten seitdem ohne Unterbrechung im Einsatz sind. Vertragssoldaten, deren Verträge bald enden, werden nach der Mobilmachung jedoch nicht entlassen, sondern müssen - so sieht des das Dekret des Kremls vor - weiter in der Ukraine kämpfen. Das werde sich nicht positiv auf die ohnehin fragliche Moral der russischen Streitkräfte auswirken, so Mangott.
Ähnlich sieht das auch Patrick Sensburg, Präsident des Verbandes der Reservisten der Deutschen Bundeswehr:
Putins Problem ist: Die Kräfte sind aufgerieben. Die Verträge laufen aus. Auch die Motivation der Soldaten ist niedrig.
Patrick Sensburg

Kann die Mobilmachung Russland zum Sieg verhelfen?

Da die neuen Truppen nach dem Wunsch des Kremls so schnell wie möglich an die Front sollen, sieht Sensburg jedoch erhebliche Probleme für das russische Militär. Man müsse die Soldaten ausstatten, trainieren und in bestehende Verbände integrieren - und das dauere Wochen bis Monate. "Untrainierte Reservisten, die nicht in bestehende Strukturen integriert werden, enden aber eher als Kanonenfutter", so Sensburg:
Wenn man die Menschen einfach irgendwo hinschickt, dann richtet das eher mehr Schaden an, als es Nutzen bringt.
Patrick Sensburg
Besonders brisant ist die Mobilmachung im Zusammenhang mit den Scheinreferenden, die zum Anschluss der besetzten Gebiete zu Russland führen sollen. Sollten die Regionen im Donbass tatsächlich zu russischem Territorium erklärt werden, darf die Regierung keinen einzigen Quadratmeter der Gebiete aufgeben. Die neuen Soldaten wären verpflichtet, jeden Meter russischen Boden zu verteidigen.

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Quelle: ZDF
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Wie arbeitet das Aktionsbündnis?

Das Aktionsbündnis Katastrophenhilfe hilft Menschen in der Ukraine und auf der Flucht. Gemeinsam sorgen die Organisationen Caritas international, Deutsches Rotes Kreuz, Diakonie Katastrophenhilfe und UNICEF Deutschland für Unterkünfte und Waschmöglichkeiten, für Nahrungsmittel, Kleidung, Medikamente und andere Dinge des täglichen Bedarfs. Auch psychosoziale Hilfe für Kinder und traumatisierte Erwachsene ist ein wichtiger Bestandteil des Hilfsangebots.
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