: Das Comeback der Nawalny-Mitstreiter

von Thomas Dudek
09.10.2022 | 10:39 Uhr
Das Team des inhaftierten Putin-Kritikers Alexej Nawalny ist trotz Repression wieder aktiv. Am Donnerstag gab es den ersten großen Coup. Nächstes Ziel: die Mobilmachung stören.
Putin-Kritiker Alexej Nawalny sitzt weiter im Straflager. Seine Mitstreiter werden wieder aktiv in Russland. (Archivbild)Quelle: Dmitry Serebryakov/AP/dpa
Eine Meeresküste, ein Golfplatz, ein Drohnenflug durch eine Stadt und dazu ein landender Privatjet. Alles untermalt mit Flamencomusik. In den ersten Sekunden wirkt das am Donnerstag auf YouTube veröffentlichte Video wie ein Werbeclip der spanischen Tourismusbehörde.
Doch in dem Video geht es um das Vermögen der russischen Vize-Ministerpräsidentin Tatjana Golikowa und ihres Ehemannes, dem ehemaligen Minister für Handel und Industrie, Wiktor Christenko. Und das ist nicht ohne. Auf rund 50 Milliarden Rubel, umgerechnet rund 840 Millionen Euro, wird deren Vermögen von den Machern des Videos geschätzt. Fast 1,5 Millionen Klicks hat das knapp eine Stunde dauernde Video bereits erzielt.

Luxusvilla und Jet dank Pharma-Reichtum

Verantwortlich für das Video ist das Team des seit 2021 in einem russischen Straflager inhaftierten Putin-Kritikers Alexej Nawalny. Und das ist unübersehbar. Wie man das schon aus den früheren Videos des Nawalny-Teams kennt, sind nicht nur die Luxusimmobilien von Kreml-Politikern zu sehen. Auch die Quellen ihres Reichtums werden beleuchtet.
Im Fall von Golikowa, die als Vize-Ministerpräsidentin unter anderem für Gesundheit und Sozialpolitik verantwortlich ist, unter anderem durch Beteiligungen an russischen Pharmaunternehmen und somit auch indirekt an dem russischen Covid 19-Impfstoff Sputnik V. Viele russische Experten werfen ihr vor, eine der Hauptschuldigen für eine Million Coronatote - so die inoffiziellen Zahlen - in Russland zu sein .
Der Reichtum ermöglicht Golikowa und ihrem Ehemann nicht nur den Unterhalt eines Privatjets, sondern auch Villen und einen Golfplatz in Spanien oder ein Hotel an der Cote d’Azur.

Aktivismus gegen Mobilisierung und Ukraine-Krieg

Doch trotz der vertrauen Muster, ist dieses neue Video besonders. Erst am Dienstag kündigten in einer Videobotschaft enge Vertraute von Nawalny an, ihre Büros in Russland wiederzueröffnen.
Es ist Zeit, unser Netzwerk zum Kampf gegen Mobilisierung und Krieg wiederherzustellen.
Iwan Schdanow, prominenter Nawalny-Mitstreiter
Am Donnerstag folgte nun mit dem Video über Vize-Ministerpräsidentin Golikowa nun der erste aufsehenerregende Coup. Die große Frage ist nur, ob dieses Unterfangen auch erfolgreich sein wird.

Unter den diesjährigen Friedensnobelpreisträgern sind Menschenrechtsorganisationen aus Russland und der Ukraine sowie der belarussischen Menschenrechtsanwalt Ales Bjaljatzki.

07.10.2022 | 03:29 min

Nawalny-Netzwerk liegt in Trümmern

Denn von dem landesweiten Netzwerk, mit dem man es immer wieder schaffte, Menschen zu Protesten zu mobilisieren, ist seit seit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine und der damit noch stärker gewordenen Repression des Kremls nicht mehr viel übriggeblieben.
Viele Mitstreiter haben sich zurückgezogen, sind im Gefängnis oder, so wie die Nawalny-Vertrauten Iwan Schdanow und Leonid Wolkow, ins Ausland geflohen. Doch nicht nur die Arbeit aus dem Exil könnte für Schdanow, Wolkow und weitere Nawalny-Mitstreiter zu einem Problem werden. Jan Matti Dollbaum von der Universität Bremen sagt ZDFheute:
In den vergangenen Wochen haben sie zwar neue Strukturen aufgebaut, aber sie haben keine Erfahrung mit der Untergrundarbeit.
Jan Matti Dollbaum, Universität Bremen
"Ihre Arbeit war bisher offen, transparent und trotz aller Repressionen im Rahmen der russischen Gesetze", erläutert der Politikwissenschaftler, der Co-Autor eines im vergangenen Jahr erschienen Buches über Alexej Nawalny ist.

"Es gibt durchaus Kritik am Vorgehen des russischen Militärs, auch hier im Land, von einflussreichen Männern", so ZDF-Korrespondentin Phoebe Gaa. Diese richte sich jedoch gegen den Generalstab.

05.10.2022 | 03:04 min

Experte sieht Radikalisierung der Aktivisten

Dennoch hält es Dollbaum nicht für unwahrscheinlich, dass das Nawalny-Team mit seiner Arbeit Menschen erreichen könnte. Nicht nur wegen des Krieges, der durch die Mobilmachung auch immer mehr in den Alltag der russischen Familien drängt, sondern auch durch die stärker gewordenen Repressionen des Staates.
"Das ist eine Eskalationsspirale. Ein sehr kleiner Teil der Bevölkerung könnte sich radikalisieren", so Dollbaum. Und es ist eine Radikalisierung, die sich offenbar auch in den Ansichten des Nawalny-Teams beobachten lässt. "Bisher setzte man auf friedlichen Widerstand. Doch zuletzt zeigte Wolkow Verständnis für Sabotageakte wie Brandanschläge auf Rekrutierungsbüros. Das ist ein Novum", so Dollbaum.
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