: Weniger Gas: Nur ein Wartungsproblem?

von Karl Hinterleitner
14.06.2022 | 18:35 Uhr
Der russische Energiekonzern Gazprom schickt weniger Gas durch seine Leitung nach Europa. Grund zur Beunruhigung?

Weil eine notwendige Turbine nach der Wartung in Kanada wegen der Sanktionen nicht zurückgeliefert wird, hat der russische Energielieferant Gazprom seine Lieferungen deutlich zurückgefahren.

15.06.2022 | 01:18 min
Am Dienstagnachmittag wirkte es für manche wie der lange befürchtete Schock: Russland dreht den Gashahn zu. Zwar drosselt der Staatskonzern Gazprom den Gasfluss nur um 40 Prozent, aber dies könnte ja die erste Eskalationsstufe sein, so die Befürchtungen.
Bei genauerer Betrachtung stellt sich die Lage vielschichtig und scheinbar weniger beunruhigend dar.

Was steckt wirklich hinter dem Schritt von Gazprom?

Jedes Jahr im Juli stehen Wartungsarbeiten an Nord Stream 1 an - ganz regulär und geplant, und dann ist der Gasfluss sogar teilweise auf Null. Das allerdings ist Routine und kein Problem, seit Jahren schon.
Heikel ist diesmal, dass niemand genau weiß: Handelt es sich um diese Wartungsarbeiten, nur um einige Wochen vorgezogen? Oder steckt doch etwas anderes dahinter? Die Bundesnetzagentur und das Wirtschaftsministerium prüfen das zur Zeit - im Moment können beide noch kein abschließendes Urteil abgeben, heißt es gegenüber dem ZDF.
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In einer ersten Lageanalyse betont die Bundesnetzagentur, dass die Gasversorgung in Deutschland derzeit stabil und die Versorgungssicherheit gewährleistet sei. Die Speicher seien mit über 55 Prozent deutlich besser gefüllt als in den Jahren zuvor. Zudem folgten "rückläufige Flüsse aus Nord Stream 1 dem Markgeschehen und Händlerverhalten", seien also nichts Ungewöhnliches.   

Begründung Russlands könnten stichhaltig sein

Die Begründung Russlands, es käme zu Verzögerungen, weil Siemens-Gasturbinen zu spät aus der Reparatur gekommen seien, bzw. bei einigen gebe es Fehlfunktionen der Motoren, könnte stichhaltig sein.
Diese Bauteile lässt das Münchner Unternehmen in Kanada überholen - und nach dem kanadischen Sanktionsgesetz darf Siemens Energy die gewarteten Turbinen nicht an Russland liefern. Das Unternehmen erklärte gegenüber dem ZDF, man arbeite gemeinsam mit der deutschen und kanadischen Regierung an einer "tragfähigen Lösung". 

Weil Polen und Bulgarien sich geweigert hatten, Gas in Rubel zu bezahlen, hat Russland im April die Gaslieferungen eingestellt.

27.04.2022 | 01:38 min
Das Problem gilt übrigens nicht für Teile, die aus Deutschland kommen, denn das Sanktionsregime der Kanadier unterscheidet sich vom hiesigen: Der Gasbereich wird nicht sanktioniert - ein Unternehmen, das Teile an der Pipeline in Deutschland reparieren lässt oder auch von hier neue Teile liefert, darf das jederzeit tun.

Für Entwarnung zu früh

Fazit: Ein Routinevorgang, ein Missverständnis oder eine gezielte Verunsicherung seitens Russland - alles ist möglich. Auch wenn es im Moment nach einer rein technischen Erklärung aussieht, ist es für Entwarnung zu früh, denn die Entscheidung über eine spätere Wiederaufnahme der vollen Liefermenge liegt allein in der Hand Russlands.
Behörden und zuständige Ministerien arbeiten derzeit mit Hochdruck daran, weitere  Informationen zu sammeln und Licht ins Dunkle zu bringen.

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