: Wie viel russisches Gas braucht Deutschland?

von Frank Bethmann
04.09.2020 | 18:04 Uhr
Nach dem Nawalny-Anschlag wird über die Zukunft von Nord Stream 2 diskutiert. Ein Stopp könnte teuer werden - doch Experten zufolge brauchen wir künftig ohnehin weniger Gas.
Raus aus der Kohle. Raus aus der Atomkraft. In den kommenden Jahren wird Deutschland unweigerlich sehr viel abhängiger vom Gas sein, um seinen Energiebedarf zu decken. Das ist unstrittig. Gestritten wird aber kräftig, woher das Gas künftig kommen soll. Und damit verbunden ist die Frage, wie gefährlich es für die Gasversorgung Europas und Deutschlands wäre, käme es tatsächlich zu weiteren Sanktionen gegen die neue Ostsee-Pipeline Nord Stream 2.

USA drohten bereits mit Stopp für Nord Stream 2

Bereits vor einem halben Jahr haben die USA durch Androhung von Sanktionen das Bauvorhaben gestoppt. Vorübergehend. Droht nun kurz vor der Fertigstellung sogar das endgültige Aus für das gut 2.400 Kilometer lange Milliardenprojekt?
Der versuchte Mord an Alexej Nawalny belastet die deutsch-russischen Beziehungen erneut stark. Das Projekt Nord Stream 2 steht wieder zur Diskussion.
Ein Desaster wäre das vor allem für die beteiligten Firmen, unter ihnen die deutschen Unternehmen Uniper und Wintershall Dea. Für beide Projektpartner geht es um hohe Summen. Insgesamt wurden die Investitionen für die Unterwasserpipeline auf 9,5 Milliarden Euro veranschlagt.
Einen Löwenanteil der Kosten übernimmt der Eigentümer Gazprom, der weltgrößte Gasproduzent. Die westlichen Partner sind mit jeweils 950 Millionen Euro dabei. Gelder, die im Fall Uniper bereits ganz geflossen sind. Wintershall Dea hat nach eigenen Angaben bisher 730 Millionen ausbezahlt. Würde die Pipeline tatsächlich nicht fertiggestellt, wären diese Summen weg - im wahrsten Sinne des Wortes "sunk costs", versunken auf dem Boden der Ostsee.
So verläuft die umstrittene Pipeline Nord Stream 2. Quelle: ZDF

Der Nordsee geht das Erdgas aus

Bei Uniper in Düsseldorf versucht man sich die Sorgen nicht anmerken zu lassen. Ein Sprecher sagte, dass man nach wie vor von der Notwendigkeit des Projekts überzeugt sei, zumal die europäischen Produktionsmengen zurückgehen würden. Tatsächlich gehen die Gas-Vorkommen in der Nordsee zur Neige, dies gilt insbesondere für die Niederlande. Nicht unwichtig ist dabei zu wissen, dass unser westlicher Nachbar nach den Russen der zweitgrößte und zweitwichtigste Lieferant deutschen Gases ist.
In Russland dagegen, insbesondere in Sibirien, schlummern unvorstellbar hohe Bestände an Erdgas. Und so will Gazprom über Nord Stream 2 künftig weitere 55 Milliarden Kubikmeter jährlich anliefern. Die gleiche Menge, die bereits über Nord Stream 1 Jahr für Jahr nach Europa transportiert wird.

Notwendigkeit der neuen Pipeline umstritten

Aus Sicht des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) braucht man diese zusätzliche Pipeline gar nicht. Sie würde sich nur rechnen, wenn sie Jahrzehnte lang betrieben werden würde. Claudia Kemfert, die Energieexpertin des DIW, verweist auf die EU-Klimaziele. Demnach würde der Verbrauch von Gas in den kommenden Jahren in der Europäischen Union sinken.
Es gibt ausreichend Pipeline-Kapazitäten, die man nutzen kann, es gibt auch in vielen Ländern Flüssiggasterminals, die hinzugebaut wurden.
Claudia Kemfert, Energieexpertin DIW
Insbesondere wenn der Bedarf in der Zukunft abnehme und man existierende Transportrouten ausgenutzt hätte, hätte man keinen neuen Strang gebraucht, so Kemfert weiter.

Alternativen zu russischem Gas

Auch Norwegen könnte noch mehr Gas liefern. Zudem drängen die USA mit Flüssiggas auf den europäischen Markt, was nicht zuletzt die amerikanischen Sanktionen gegen Nord Stream 2 erklärt.
Nicht zu klären ist derweil, welchen Anteil das Gas künftig tatsächlich an der deutschen Energieversorgung haben wird. Wenn die EU ernst macht mit der angestrebten CO2-Neutralität, muss auch Deutschland seine Gas-Nachfrage drosseln. Es würde Berlin unabhängiger vom russischen Gas und damit auch von möglichen weiteren Sanktionen gegen Nord Stream 2 machen - aber es würde auch die Frage aufwerfen, woher die fehlende Energie künftig kommen soll?
Frank Bethmann ist berichtet als ZDF-Korrespondent von der Börse

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