: "Schicksal der Ukraine in deutschen Händen"

von Andreas Stamm
19.01.2023 | 22:14 Uhr
Großbritannien verspricht der Ukraine als erstes Land Kampfpanzer. 14 Challenger 2. Nicht kriegsentscheidend. Aber es soll eine Lawine lostreten. Und eigene Schwächen kaschieren.
Großbritanniens Ankündigung, Kampfpanzer in die Ukraine zu schicken, setzt Deutschland unter Druck. Noch ist allerdings unklar, ob sich Berlin dadurch gedrängt sieht, auch Kampfpanzer zu liefern. 

Druck auf Berlin aus London

Das erklärt einer, der sowohl im Militär als auch in der Verteidigungspolitik zu Hause ist: Oberst Harmish de Bretton-Gordon, kommandierender Offizier einer Panzerbrigade im ersten Golf-Krieg. Und als Chemiewaffenexperte auch im Ruhestand angesehener Gesprächspartner für britische Politiker.
Das Schicksal der Ukraine, ob das Land die Fähigkeit erlangt, sich selbst zu verteidigen und diesen Krieg zu gewinnen, liegt gerade in deutschen Händen.
Oberst Harmish de Bretton-Gordon
Und die Offerte der Briten, erklärt er, folge dem klaren Muster, den Druck auf die deutsche Regierung zu maximieren, endlich die Lieferung von Leopard-2-Panzern zu erlauben.

Vor dem Treffen der Ukraine-Kontaktgruppe hält Verteidigungsminister Boris Pistorius eine Lösung in der Kampfpanzer-Frage für möglich. Aktuell würden noch offene Punkte geklärt.

20.01.2023 | 07:12 min

"Deutschland steht nicht allein"

In dieselbe Kerbe schlägt auch der britische Verteidigungsminister. "In Deutschland wird gerade darüber diskutiert, ob ein Panzer eine Offensiv- oder Defensivwaffe ist. Wenn man es benutzt, um sein eigenes Land zu verteidigen, würde ich es als Defensivwaffensystem einstufen", so Ben Wallace vor dem Parlament. Er wisse, dass Deutschland keinen Alleingang hinlegen möchte. "Nun, ihr seid nicht allein."
Hundert westliche Panzer brauche die Ukraine, um einen entscheidenden Vorteil im Kriegsgeschehen zu erlangen, so Experten in London. Die britische Armee, fordert Oberst de Bretton-Gordon, solle deshalb alle ihre funktionsfähigen Challenger in die Ukraine senden. Was wiederum eher zeigen würde, wie fest entschlossen das Vereinigte Königreich an der Seite der Ukraine steht. Denn kaum mehr als 40 der rund 230 Challenger 2 seien einsatzfähig und könne man entbehren, erklärt der Ex-Militär.

Britische Armee runtergewirtschaftet

Die britische Armee befinden sich wie die Deutsche in einem erbärmlichen Zustand, was das Material angehe. Nach dem Ende des Kalten Krieges galten Panzer als Waffengattung der Vergangenheit. Ein konventionell geführter Landkrieg schien unmöglich. Dazu Sparrunden beim Budget. Das räche sich nun.
"Wir Briten sollten trotzdem jeden Panzer, der einsatzbereit ist, nach Kiew schaffen. Was sollen die auf unserer Insel rumstehen?", ergänzt de Bretton-Gordon.
Denn die Ukrainer tun das, was die Kernaufgabe der Nato ist. Verhindern, dass Russland in Europa einfallen kann.
Oberst Harmish de Bretton-Gordon

London, das Sprachrohr Kiews

Da die britisch-russischen Beziehungen schon vor dem 24. Februar 2022 auf einem Nullpunkt angekommen waren - spätestens nach dem Biowaffenanschlag mit dem Nervengift Nowitschok in Salisbury 2018 - fiel es der britischen Regierung leicht, als größter europäischer Unterstützer im militärischen Bereich aufzutreten. Mit schneller Hilfe, die Kiew vor allem in den ersten Kriegswochen enorm half.
Der damalige Premierminister Boris Johnson war als erster G7-Regierungschef nach Kiew gereist und wurde begeistert empfangen. Wurde dabei zum engsten Vertrauten von Präsident Wolodymyr Selenskyj im Westen. Und von Anfang an war die britische Regierung ein Sprachrohr für dessen Forderung nach mehr und schneller militärischer Hilfe. Daran hat sich auch unter Nachfolger Rishi Sunak nichts geändert.
Aber gleichzeitig gelte, so Oberst de Bretton-Gordon, dass man in London wisse, ohne die Nato-Verbündeten gehe es nicht - allen voran die USA. Aber in Sachen Panzer sei eben Deutschland das Zünglein an der Waage. 2.300 Leopard 2 stehen im Dienst der Nato-Länder. Das mindeste, was die Bundesregierung tun könne, sei wenigstens den Verbündeten zu erlauben, ihre Panzer aus deutscher Produktion zu liefern.

Deutsche Befindlichkeiten

Natürlich weiß man in London um die besonderen Befindlichkeiten, den historischen Ballast bei solch weitreichenden Entscheidungen in Sachen Krieg und Frieden. Über das Problemfeld "deutsche Panzer gen Osten". "Historische Gründe hin oder her, das ist ein Krieg vor Deutschlands Haustür, ausgelöst von einem Aggressor, der auch die Sicherheit Deutschlands bedrohe. Mit aller militärischen Macht die Ukraine unterstützen, wann dann, wenn nicht jetzt?" Das ist eine Frage, die sich in britischen Militärkreisen nicht nur Oberst de Bretton-Gordon stellt.
Am schnellsten ginge es mit deutscher Hilfe. Berlin solle sich schütteln, das Richtige tun und Kampfpanzer liefern. Das sei das Gebot der Stunde. Wenn es dafür noch das Feigenblatt brauche, dass auch die USA Panzer schicke, dann solle das so sein.
An Britannien werde es nicht scheitern, so der einhellige Tenor in London. Und die große Hoffnung ist, dass das Treffen der Ramstein-Gruppe schon bald als ein Wendepunkt des Krieges angesehen wird. Als ein Tag, der zur Befreiung der Ukraine viel beigetragen hat. Viele Panzer, viele Leopard 2.
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