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: So könnte Kiews neue Panzertruppe aussehen

von Nils Metzger
25.01.2023 | 18:16 Uhr
Ein breites Bündnis will der Ukraine Leopard- und Abrams-Kampfpanzer liefern. Kiew muss nun seine Panzerkräfte neu aufstellen. Große Herausforderungen für Ausbildung und Logistik.
Wohl kein anderes Militär weltweit nutzt so ein bunt zusammengewürfeltes Arsenal an Waffen wie die Ukraine. Und schon bald könnte es noch ein ganzes Stück komplizierter werden.
Die Bundesregierung bestätigte am Mittwoch Medienberichte, wonach eine ganze Reihe von Staaten, darunter Deutschland, Kiew Kampfpanzer westlicher Bauart vom Typ Leopard 2 liefern werden. Die USA liefern 31 Abrams-Kampfpanzer. Bis sie alle auf dem Schlachtfeld ankommen, muss noch viel vorbereitet werden.

Warum braucht Kiew so dringend westliche Kampfpanzer?

Bislang kämpft die Ukraine mit sowjetischen T-72-Panzern, doch deren Bestände schwinden. Auch Ersatzteile und Munition sind kaum mehr zu bekommen. Deshalb muss mittelfristig auf westliche Modelle umgestellt werden. Bei Artillerie etwa hat diese Umstellung bereits teilweise stattgefunden.
Zudem droht eine russische Frühjahrsoffensive mit deutlicher zahlenmäßiger Überlegenheit Moskaus. Ohne die leistungsfähigeren westlichen Kampfpanzer kann die Ukraine in diesen Abnutzungsgefechten nicht lange genug bestehen.

Wie viele Panzer bekommt die Ukraine?

Im Laufe des Mittwoch wurden erste Informationen bekannt, wie viele Panzer die Ukraine in welchem Zeitraum erhalten soll. Viele Details sind aber noch unklar. Die Bundesregierung teilte mit:
Das Ziel ist es, rasch zwei Panzerbataillone mit Leopard-2-Panzern für die Ukraine zusammenzustellen. Dazu wird Deutschland in einem ersten Schritt eine Kompanie mit 14 Leopard-2-A6-Panzern zur Verfügung stellen, die aus Beständen der Bundeswehr stammen.
Pressemitteilung der Bundesregierung
Ein voll ausgestattetes Panzerbataillon der Bundeswehr verfügt regulär über 44 Kampfpanzer. Der Militärexperte Gustav Gressel vom European Council on Foreign Relations sagte ZDFheute live, dass es einen signifikanten Unterschied mache, sollte die Ukraine mindestens eine volle Brigade mit westlichen Panzern ausgestattet bekommen. Das entspricht 80 bis 90 Stück, also etwa dem, was bislang von der Bundesregierung angekündigt wurde. Hinzu kommen 14 britische Challenger 2 und die 31 US-amerikanischen Abrams.
Hintergrund ist, dass Kampfpanzer, wie anderes Militärgerät auch, nie allein auf dem Schlachtfeld agieren, sondern immer eingebettet in größere militärische Verbände. Hier und dort einzelne Leopard-Panzer einzustreuen - etwa für zerstörte T-72 - würde militärisch weniger Sinn machen, als komplette Brigaden mit dem neuen Gerät auszustatten und auszubilden, sodass sie gemeinsam kämpfen und an strategisch wichtigen Orten gezielt eingesetzt werden können.

Wie schnell können Leopard-Lieferungen in die Ukraine bewerkstelligt werden?

25.01.2023 | 02:31 min
Die parlamentarische Staatssekretärin im Verteidigungsministerium, Siemtje Möller, teilte den Obleuten im Verteidigungsausschuss in einem Brief mit, dass Deutschland auch ein Paket mit Munition und Ersatzteilen aus Beständen der Bundeswehr erhalten werde. "Die Nachbeschaffung wird unverzüglich eingeleitet", so Möller.

Was hat es mit den verschiedenen Leopard-Modellen auf sich?

Es gibt eine ganze Reihe verschiedener Leopard 2-Modelle, angefangen mit dem vergleichsweise alten A4 bis hin zum neuen A7. Der Großteil der Lieferungen an die Ukraine dürfte A4- und A5-Modelle ausmachen, wie Polen etwa sie vorrätig hat. Deutschland würde A6 liefern.
Die Unterschiede beziehen sich vor allem auf die Panzerung, die bei neueren Modellen deutlich verstärkt wurde. Das verkompliziert die Ausbildung der Besatzung und der Techniker, eine größere Zahl unterschiedlicher Ersatzteile muss beschafft werden.
"Brücken und Pioniergerät, das in der Ukraine vorhanden ist, sind meist auf rund 50 Tonnen ausgelegt. Da kann man einen 55 Tonnen schweren Leopard-2-A4 auch noch aus dem Acker ziehen. Aber mit einem 72 Tonnen schweren Abrams wird es dann schon knifflig", merkt Gressel an.
Infografik: Der Kampfpanzer Leopard

Wie kann die Ausbildung der Ukrainer ablaufen?

Da so viele unterschiedliche Nationen Leopard 2 liefern wollen, stellt sich die Frage nach dem Standort der Ausbildung. Schon seit Monaten werden ukrainische Truppen in verschiedenen Nato-Staaten an Großgerät geschult, auch in Deutschland. Auch jetzt soll Deutschland wieder eine Rolle spielen. Staatssekretärin Möller schreibt:
Die sechswöchige Ausbildung kann, in Ergänzung des mittlerweile bewährten deutsch-ukrainischen Ausbildungssystems, Anfang Februar in Deutschland beginnen.
Brief von Staatssekretärin Siemtje Möller
Der tatsächliche Ausbildungsbeginn hänge aber vom Zeitpunkt des Eintreffens der ukrainischen Besatzungen ab, so Möller. Zum Ende des ersten Quartals 2023 sollten die Leopard 2 von der Ukraine übernommen werden.
Für die Ausbildung gibt es eigene Lehreinrichtungen, etwa die Panzertruppenschule in Munster oder die Technische Schule des Heeres in Aachen. Die USA eröffneten im August 2022 eine neue Trainingsakademie für den M1 Abrams in Polen. Es ist jedoch fraglich, ob überall dort ausreichend Simulatoren und anderes Trainingsgerät vorhanden ist. Die Ausbildung der ukrainischen Truppen wird also sicherlich weitere Einschnitte bei der Materiallage der Bundeswehr bedeuten.

Die Panzerlieferung sei "gut für die Ukraine einerseits - schlecht für die Einsatzbereitschaft der Bundeswehr andererseits", sagt Oberst André Wüstner vom Bundeswehrverband.

25.01.2023 | 05:18 min
Eine zusätzliche Herausforderung für die Ukrainer: Ihre T-72-Panzer kommen mit drei Personen Besatzung aus, Leopard und Abrams benötigen vier. Man kann also nicht einfach eine T-72-Besatzung 1:1 auf die neuen Panzer umschulen.
Experte Gressel geht davon aus, dass noch Monate vergehen werden, bis eine substanzielle Menge an Abrams-Panzern in der Ukraine im Einsatz ist:
In größeren Stückzahlen würde ich den Abrams eher in der zweiten Jahreshälfte vermuten. Aus politischen Gründen eine kleine Vorausabteilung eher rasch.
Gustav Gressel, European Council on Foreign Relations
Auch nach Angaben einer US-Regierungsvertreterin dürften bis zu einer tatsächlichen Auslieferung der US-Kampfpanzer noch "Monate" vergehen.
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