"Die Leute kommen nicht als Rassisten in die Polizei"

von Julia Klaus
20.10.2020 | 17:37 Uhr
Eine Polizei-Studie soll kommen. Wird dort Rassismus untersucht? Der Forscher Rafael Behr warnt davor, schwierige Fragen zu vermeiden - und schlägt ein Frühwarnsystem vor.
Bundesinnenminister Horst Seehofer, CSU, will Alltagsrassismus in der gesamten Gesellschaft untersuchen lassen. Eine Rassismus-Studie, die ausschließlich die Polizei in den Blick nimmt, lehnt er weiter ab.
Er soll nun also doch kommen: ein genauerer, wissenschaftlicher Blick auf die Polizei. Die Koalition hat sich heute auf zwei Studien geeinigt - eine davon beschäftigt sich explizit mit der Polizei. Vorausgegangen waren Polizei-Skandale um rechtsextreme Chats, Drohmails sowie Debatten um Rasssimus und Polizei-Gewalt.
Laut Koalitionspapier sind zwei Studien zu Rechtsextremismus und Rassismus geplant, wie ZDFheute aus Regierungskreisen erfuhr:
  • Eine, die den Alltag der Polizei untersucht und dabei auch die Motivation von Polizeianwärtern und Gewalt gegen Polizisten beleuchten soll.
  • Eine zweite, bei der Alltagsrassismus in der gesamten Gesellschaft untersucht werden soll, ohne Fokus auf die Polizei oder andere Berufsgruppen. Ähnliche Studien gibt es mit der Mitte-Studie bereits.
Wende in der Debatte um Rassismus innerhalb der Polizei: Vizekanzler Olaf Scholz hat überraschend angekündigt, dass die Bundesregierung nun doch eine Untersuchung anstrebe.
Zentral ist also die erste Studie, die den Fokus auf Berufseinsteiger und den Polizeialltag legen soll. Doch für den Forscher Rafael Behr geht die am grundlegenden Problem vorbei:
Die Leute kommen in der Regel nicht als Rassisten in die Polizei. Es sind oft Alltagsbedingungen, die sie dazu machen. Junge Polizeianwärter zu befragen oder Gewalt gegen Polizisten zu untersuchen, geht an der eigentlichen Problematik vorbei.
Rafael Behr, Professor an der Akademie der Polizei Hamburg
Behr schlägt stattdessen vor, näher ans Forschungsobjekt zu rücken. "Man sollte Polizisten in ihrem Alltag vor Ort begleiten und so Einblicke in ihre Entscheidungen, Probleme und Denkweisen erhalten." Es solle nicht monothematisch um Rassismus gehen - weg vom Generalverdacht, hin zu der Frage: Wie sehen Alltagsbelastungen, Hierarchien aus?

Rafael Behr ...

Quelle: privatRafael Behr, Professor an der Akademie der Polizei Hamburg
... ist Professor für Polizeiwissenschaft mit den Schwerpunkten Kriminologie und Soziologie an der Akademie der Polizei Hamburg. Er forscht unter anderem zu Polizeikultur, Racial Profiling und sozialer Kontrolle.

Wie ein Frühwarnsystem für Führungskräfte aussehen könnte

"Die Beobachtungen aus Dienststellen mit ähnlichen Strukturen könnte man dann zusammenfassen - zum Beispiel in solche, die in großen Innenstädten liegen und solche, die in ländlichen Gebieten liegen." Damit will Behr einen Katalog erarbeiten. "Man könnte ein Frühwarnsystem für Führungskräfte ableiten: Wenn bestimmte Kriterien erfüllt sind, sollte man als Dienststellenleiter genauer hinschauen."
Wenn beispielsweise viele junge Männer auf einer Dienststelle sind, die plötzlich alle die gleiche Kurzhaarfrisur tragen, sollte man zumindest aufmerksamer sein und nachfragen.
Rafael Behr, Professor an der Akademie der Polizei Hamburg
Für Behr geht es nicht darum, jemanden anzuschwärzen. "Wenn Polizisten NS-Devotionalien im Spind horten, dann geht das nicht und das muss ich dann auch anonym melden können." Neben der Einführung von Whistleblowing-Tools schlägt Behr vor, die Macht der Polizei-Beauftragten auszuweiten, und sie eigenständig ermitteln zu lassen. "Derzeit gibt es bei der Polizei interne Ermittler - also Polizisten, die gegen Polizisten ermitteln. Es sollte aber jemand sein, der außerhalb der Institution steht." Vorbilder dafür gibt es etwa in den Niederlanden oder in Großbritannien.
Der Kriminalhauptkommissar Oliver von Dobrowolski übt regelmäßig Selbstkritik - besonders nach rechtsextremen Vorfällen bei der Polizei. Dafür wird er bedroht.

Hat die Polizei ein Rassismus-Problem?

Behr kann keine Strukturen erkennen, die Rassismus bei der Polizei anordnen oder fördern. "Ich sehe aber auch keine Strukturen, die Rassismus in der Polizei wirkungsvoll aufdecken oder bekämpfen. Möglicherweise entwickeln sich diese aber gerade."
Behr empfiehlt, die Fälle von Rechtsextremismus und Antisemitismus in den Reihen der Polizei nicht als singuläre Ereignisse zu betrachten. Man müsse sich immer die Hintergründe anschauen, in denen etwa Chats auftauchen:
Der Einzelne ist immer auch das, was die Umgebung zulässt. Neutralität darf man nicht mit Passiv-Sein und Nichtstun verwechseln. Es ist wichtig, dass wir aktiv dafür eintreten, dass unsere Demokratie nicht erodiert.
Rafael Behr, Professor an der Akademie der Polizei Hamburg

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