Exklusiv

: Putin steht vor einer schweren Entscheidung

von Christian Mölling, Andras Racz
04.05.2022 | 20:25 Uhr
Russland verzeichnet schwere Verluste - der Widerstand der Ukraine ist ungebrochen. Nun könnte Putin die "Spezialoperation" zum "Krieg" umdeuten, um mehr Soldaten einzusetzen.
Zerstörungen in KiewQuelle: picture alliance / NurPhoto
Der 9. Mai ist ein wichtiger Feiertag nicht nur in der Russischen Föderation, sondern fast überall in der ehemaligen Sowjetunion. Das Gedenken an den Sieg über Nazi-Deutschland im Jahr 1945 ist seit langem ein Symbol, das die Nationen verbindet, deren Soldaten in der Sowjetarmee gekämpft haben.
Der 9. Mai wird auch in der Ukraine gefeiert, obwohl der offizielle Name des Feiertags "Tag des Sieges", der aus der Sowjetzeit übernommen wurde, 2015 in "Tag des Sieges über den Nationalsozialismus im Zweiten Weltkrieg" geändert wurde. Mit diesem Akt wollte sich die Ukraine nach den Ereignissen von 2014 von Russland distanzieren. Dennoch erinnern sie an denselben Krieg.

Kiew - eine der zwölf Heldenstädte der ehemaligen Sowjetunion

Der kommende 9. Mai wird wahrscheinlich als der seltsamste seiner Art in die Geschichte eingehen. Heute beschuldigt Russland die Ukraine des Faschismus, und das inmitten eines Angriffskrieges, den es seit dem 24. Februar führt. Kiew, eine der zwölf Heldenstädte der ehemaligen Sowjetunion, die für ihren Widerstand gegen die Nazi-Armeen ausgezeichnet wurde, wird zwar nicht mehr von Russland belagert, aber im Osten und Süden der Ukraine finden schwere Kämpfe statt. [Der aktuelle Überblick zum Krieg in der Ukraine.]
Kiew entfernt ein Denkmal der ukrainisch-russischen FreundschaftQuelle: dpa
Je näher der 9. Mai rückt, desto drängender wird die Frage, wie der russische Präsident Wladimir Putin auf den bisher offenbar ausbleibenden Sieg gegen die Ukraine reagieren will.

Russlands Präsident Putin vor schweren Entscheidungen

Die mehr als zwei Monate andauernden Kämpfe haben jedoch ihren Tribut bei den russischen Streitkräften gefordert. Aufgrund der hohen Verluste an Menschen und Material muss Putin daher bald eine Entscheidung treffen. Entweder er beginnt allmählich mit der Deeskalation, oder aber er schickt deutlich mehr Streitkräfte in den Krieg.

Dr. Christian Mölling ...

Quelle: DGAP
... ist Forschungsdirektor der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) in Berlin und leitet dort das Programm Sicherheit, Verteidigung und Rüstung. Er forscht und publiziert seit über 20 Jahren zu den Themenkomplexen Sicherheit und Verteidigung, Rüstung und Technologie, Stabilisierung und Krisenmanagement. Für ZDFheute analysiert er regelmäßig die militärischen Entwicklungen im Ukraine-Konflikt.

Dr. András Rácz ...

Quelle: DGAP
... ist Associate Fellow im Programm Sicherheit und Verteidigung der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) in Berlin. Er forscht und publiziert zu Streitkräften in Osteuropa und Russland und hybrider Kriegsführung.
Ersteres ist politisch kaum möglich, solange nicht einmal die Minimalziele des am 25. März verkündeten Plan B, nämlich die vollständige "Befreiung" der Regionen Donezk und Luhansk, erreicht werden. Eine Deeskalation ohne die Einnahme dieser Gebiete würde den Zweck, die Erfolge und vor allem die Kosten der Kämpfe in Frage stellen.

Über die Kriegserklärung zu mehr Soldaten

Was die zweite Option betrifft, so kann Russland kaum wesentlich mehr Kräfte einsetzen, solange der offizielle Rahmen des Konflikts kein Krieg, sondern nur eine "spezielle militärische Operation" ist. Alternativen zur Behebung des Personalmangels - wie die Zwangsrekrutierung von Ukrainern aus den besetzten Gebieten, die Entsendung von Mitarbeitern privater Militärfirmen, tschetschenischen Kämpfern sowie von Söldnern aus dem Nahen Osten - brachten nicht den gewünschten Erfolg.
Um ausgebildete Reservisten und möglicherweise Wehrpflichtige zu mobilisieren und die Wirtschaft in eine Kriegsökonomie zu transformieren, muss Russland das Konfliktniveau erhöhen. Dies bedeutet höchstwahrscheinlich, dass der Konflikt zum Krieg erklärt werden muss.

Wird der Konflikt zum Krieg erklärt?

Die Hoffnung Moskaus dabei ist wohl, auf diese Weise den Zermürbungskrieg gegen Kiew gewinnen zu können. Auch die Ukraine hat schwere Verluste erlitten, insbesondere bei ihren gut ausgebildeten Berufs- und Vertragssoldaten.
Darüber hinaus ist ziemlich sicher, dass der Kreml beabsichtigt, am 9. Mai die vollständige Einnahme von Mariupol als Sieg (de facto als Teilerfolg) zu verkünden. Auch wenn das Moskau zuletzt dementierte. Moskau hat kürzlich der Evakuierung der meisten Zivilisten aus dem Asovstal-Komplex zugestimmt. Am 3. Mai wurde nach schweren Luftangriffen ein massiver Bodenangriff auf die zerstörte Fabrik gestartet. Dies alles deutet darauf hin, dass Russland bis zum 9. Mai jeglichen Widerstand dort beenden will.
Nach einer Feuerpause am Wochenende wurden heute Nacht Luftangriffe auf Azovstal gemeldet. Und dann auch das Vorrücken der russischen Armee auf das Gelände mit Bodentruppen:

Das wahrscheinlichste Szenario für den 9. Mai

Alles in allem ist ein sehr wahrscheinliches Szenario für den 9. Mai, dass Russland die Einnahme von Mariupol als ersten Schritt in seinem Kampf gegen den "ukrainischen Faschismus" ankündigen wird. Dies bedeutet jedoch nicht, dass der Kampf in der Ukraine damit enden wird.
Stattdessen wird Putin wahrscheinlich die russische Bevölkerung zu mehr Unterstützung aufrufen und der Ukraine den Krieg erklären. Die ehemaligen Waffenbrüder des Zweiten Weltkriegs gegen den Nationalsozialismus werden sich also möglicherweise noch mehrere Monate lang gegenseitig bekämpfen.
Um die Frage, was Putin am 9. Mai noch präsentieren werde, was der Ukraine schade, dreht sich auch das Gespräch mit Katrin Eigendorf, ZDF-Korrespondentin in Kiew:

Katrin Eigendorf, ZDF-Korrespondentin in Kiew

04.05.2022 | 03:19 min
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