: Die Angst vor dem Kriegsdienst

von Thomas Dudek
21.09.2022 | 17:23 Uhr
Am Mittwoch verkündete Russlands Präsident Wladimir Putin die Teilmobilmachung. Eine Entscheidung, die auch wegen der Stimmung in der Bevölkerung militärisch fraglich ist.
Es war eine Rede, auf welche die russischen Bürger ebenso wie die Weltöffentlichkeit eine Nacht warten mussten. Erst am Morgen hielt Russlands Präsident Wladimir Putin eine Fernsehansprache, die bereits für den gestrigen Abend erwartet wurde. Und es war eine Ansprache, die für viele Russen weitreichende Folgen haben könnte.

Putin kündigt Teilmobilmachung an

Denn Thema waren nicht nur die zuvor beschlossenen Fake-Referenden in den sogenannten Volksrepubliken Donezk und Luhansk sowie den von der russischen Armee besetzten ukrainischen Regionen Cherson und Saporischija. Putin kündigte auch eine sofortige Teilmobilmachung an, von der 300.000 Reservisten betroffen sind.
Überraschend ist diese Teilmobilmachung jedoch nicht. Im Schatten der angekündigten Schein-Referenden verabschiedete die Duma auch Gesetze, die nicht nur die Strafen für Desertation verschärfen, sondern der Mobilmachung auch den Weg ebneten. Die große Frage war nur noch, wie diese Mobilmachung aussehen sollte.

Militärexperte: Neue Verbände brauchen Monate

"Putin hatte nur zwei Optionen", sagt der Militärexperte Gustav Gressel ZDFheute. "Entweder man sendet bestehende in Russland verbliebene Einheiten in den Krieg oder man stellt völlig neue Verbände auf. Ersteres geht schneller, gefährdet aber die Durchhaltefähigkeit der Armee. Neue Verbände aufzustellen ist nachhaltiger, dauert aber Monate", so der Militärexperte des European Council On Foreign Relations weiter.
Ob die nun 300.000 mobilisierten Reservisten Russland tatsächlich einen militärischen Vorteil in der Ukraine verschaffen dürften, bezweifelt Gressel: "Die Reservisten auszubilden und mit den aktuellen Waffensystemen der russischen Armee vertraut zu machen, dürfte Wochen dauern."

Gressel: Moral der russischen Soldaten schlecht

Ein weiteres großes Problem der Teilmobilmachung dürfte auch die Motivation der Reservisten sein. "Schon jetzt ist die Moral der in der Ukraine kämpfenden russischen Soldaten schlecht", erklärt Gressel.
20 bis 40 Prozent der an der Front kämpfenden Soldaten haben die Befehle verweigert oder baten um die Entlassung aus dem Dienst.
Militärexperte Gustav Gressel
Bestätigt wird diese Aussage durch Briefe, die in Isjum von ukrainischen Kräften gefunden wurden und in denen russischer Soldaten ihre Vorgesetzten um Entlassung aus dem Dienst baten. Veröffentlicht wurden diese von dem in Polen ansässigen russisch, ukrainisch, belarussischen Portal "Vot Tak". "Das erklärt auch die gestern von der Duma beschlossene Verschärfung der Strafen für Soldaten", sagt Gressel.
"Die Menschen wollen nicht direkt am Krieg beteiligt sein", sagte Lew Gudkow, Direktor des Meinungsforschungsinstituts Lewada-Zentrum, im ZDF. Und dies, obwohl nur "circa 15 Prozent der Bevölkerung streng gegen den Krieg" seien.

Aggressive Propaganda, Zensur, Lügen: Laut dem russischen Meinungsforscher Lew Gudkow hat die russische Bevölkerung kaum eine Chance, sich über den Ukraine-Krieg zu informieren.

21.09.2022 | 08:00 min
Doch nicht nur die Probleme an der Front könnten auf die nun berufenen Reservisten demotivierend wirken, sondern auch die Mobilmachung selbst. So sehr der Kreml den Zugang zu unabhängigen Informationen über den Krieg beschränkte und die Propaganda über die "militärische Spezialoperation" auf Hochtouren läuft, scheint die Angst der Bevölkerung groß zu sein.

Viele Flüge ins Ausland ausverkauft

Und dass Gudkow nicht übertreibt, zeigten bereits die ersten Stunden nach der Verkündung der Teilmobilmachung. Trotz Ticketpreisen von 1.340 Euro, waren die morgigen Direktflüge von Moskau nach Istanbul innerhalb kürzester Zeit ausverkauft. Ohne Rückflug.
Auch in andere Länder wie Armenien und Georgien, für die russische Staatsbürger keine Visa brauchen, waren Flugtickets heiß begehrt. Zudem bildeten sich an den Grenzen zu Georgien und Finnland auf russischer Seite lange Autoschlangen.
Wenig erfreut dürfte der Kreml auch über die Proteste gegen die Mobilmachung sein, zu denen oppositionelle Gruppen landesweit aufgerufen haben und die im Osten Russland gelegenen Städten wie Chabarowsk oder Tomsk auch bereits heute stattfanden und auf welche die Sicherheitsbehörden mit Festnahmen reagierten.

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Quelle: ZDF
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Das Aktionsbündnis Katastrophenhilfe hilft Menschen in der Ukraine und auf der Flucht. Gemeinsam sorgen die Organisationen Caritas international, Deutsches Rotes Kreuz, Diakonie Katastrophenhilfe und UNICEF Deutschland für Unterkünfte und Waschmöglichkeiten, für Nahrungsmittel, Kleidung, Medikamente und andere Dinge des täglichen Bedarfs. Auch psychosoziale Hilfe für Kinder und traumatisierte Erwachsene ist ein wichtiger Bestandteil des Hilfsangebots.
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