: Das sind Russlands Propaganda-Strategien

von Mona Trebing und Nils Metzger
30.03.2022 | 12:15 Uhr
Durch die sozialen Medien hat die Zahl der russischen Propaganda-Akteure massiv zugenommen. Welche Rolle spielen Twitter, Telegram und TikTok im Informationskrieg?
Soziale Medien unterstützen die Verbreitung russischer Fehlinformationen aufgrund fehlender VerifikationQuelle: dpa
Nicht nur Putins Trolle, sondern auch Konten, hinter denen "echte Menschen" stecken, verbreiten russische Narrative. Während die staatlichen und staatsnahen Fernsehsender primär die ältere Generation erreichen, gibt es in den sozialen Medien wie Telegram dutzende patriotische Kanäle mit Hunderttausenden Abonnentinnen und Abonnenten.
Die Kanäle sind meist anonym - manche Betreiber betonen angebliche Geheimkontakte zu russischen Behörden und Militär. Aus solchen vermeintlichen Quellen kommen dann häufig Dokumente und Leaks, die den Kern verschiedenster Propaganda-Erzählungen ausmachen. Die staatsnahen russischen Medien greifen solche Geschichten dann bereitwillig auf.

Wie schnell der Ukraine-Krieg endet, hängt vor allem vom russischen Präsidenten Putin ab und der Frage, wie viel Rückhalt er in der eigenen Bevölkerung hat. Um diesen Rückhalt zu gewährleisten, arbeitet Putins Propaganda auf Hochtouren.

29.03.2022 | 02:48 min

Welche Methoden setzt Russland ein?

Der russische Telegram-Kanal "Operative Kommunikation" mit mehr als 300.000 Abonnenten veröffentlichte am 24. März Fotos von Medaillen, die die Ukraine angeblich für eine erfolgreiche Rückeroberung der von Russland besetzten Krim habe produzieren lassen.

Propaganda-Netzwerke funktionieren auch ohne Beweise

Laut DFRLab-Recherchen handelt es sich bei den Medaillen um eine klare Fälschung: Auf der beiliegenden Urkunde seien mehrere in Russland übliche Formulierungen enthalten, die in der Ukraine so nicht genutzt würden. Selbst die Initialen von Präsident Wolodymyr Selenskyj seien russisch, nicht ukrainisch.
Dass alle solchen Aktionen bis ins letzte Detail zentral von der russischen Regierung geplant werden, kann nicht belegt werden. Ist auch nicht zwingend nötig, damit die Propaganda-Netzwerke funktionieren - denn die Social-Media-Propagandisten ringen auch untereinander um Aufmerksamkeit und Reichweite.
Aus diesem Überangebot in den sozialen Medien können die großen staatsnahen Medien anschließend selbst auswählen, welchen der diversen erfundenen oder ausgeschmückten Geschichten sie zusätzliche Reichweite geben möchten.

Russlands Vormarsch in der Ukraine stockt. Zwingt die Ukraine Russland zum Strategiewechsel? Geheimdienstexperte Soldatow und Militärexpertin Klein dazu bei ZDFheute live.

28.03.2022 | 30:23 min

TikTok wird zu WarTok

In anderen Fällen agieren Marketingagenturen und andere Mittelsmänner als Koordinatoren. So haben diverse russische TikTok-Stars Videos mit identischen Botschaften für den Krieg aufgenommen. Das Onlineportal "Vice" deckte auf, wie sie von einem anonymen Geldgeber über eine geheime Telegram-Gruppe beauftragt wurden.
Das Vorgehen erinnert an eine Kampagne einer Marketingagentur mit Verbindungen nach Russland, die im Mai 2021 weltweit YouTuber und Influencer für Kritik an Corona-Impfstoffen bezahlen wollte. ZDFheute berichtete damals über das Netzwerk.

Fragen und Antworten zum Russland-Ukraine-Konflikt

Desinformation statt Dancebattles

Die einstige "Spaß-Plattform" TikTok mit mehr als einer Milliarde monatlicher User wird aktuell immer mehr zum Nährboden für Falschinformationen über den Krieg in der Ukraine. Gerade für junge Menschen, die hauptsächlich auf dieser Plattform unterwegs sind, könnte das gefährlich werden.

Der Streamingdienst Netflix und die Videoplattform Tiktok haben ihre Dienste in Russland eingestellt. Damit reagieren die Unternehmen auf das neue russische Mediengesetz.

07.03.2022 | 00:22 min
Experimente eines Rechercheteams von NewsGuard zu TikTok als Propaganda-Plattform ergaben: Auch mit neu angelegten Konten, über die TikTok keinerlei vorausgehende Informationen hatte, dauerte es gerade mal 40 Minuten, bis die Plattform Falschbehauptungen ausspielte - sowohl pro-russische als auch pro-ukrainische.
Es sind oft Fotos und Videos, die komplett aus dem Kontext gerissen wurden. Zum Beispiel aus Videospielen, die aber sehr echt aussehen und von denen es dann heißt, sie seien in der Ukraine aufgenommen worden.
Roberta Schmid, NewsGuard

Verbreitete Narrative ans Kriegsgeschehen angepasst

Die Trolle und andere Propaganda-Verbreiter richten sich nach der Entwicklung des Kriegsgeschehens, sagt EU-Außensprecher Peter Stano . "Am Anfang konzentrierten sie sich auf den Genozid, die Neonazi-Vorwürfe. Dann auf die angeblichen Menschenrechtsverletzungen Rechtsradikaler und vor zwei oder drei Wochen haben sie sich auf die Biolabore fokussiert." Zuletzt wurde vermehrt gegen ukrainische Flüchtlinge in Deutschland gehetzt.
Fake-News über ukrainische Geflüchtete
Ein Beispiel dafür ist ein auf Twitter veröffentlichtes Video eines Users, der die "USSR" als sein Heimatland, Wladimir Putin als seinen Präsidenten angibt. Zu sehen ist ein völlig verwüsteter Zug in Deutschland - an dem Chaos sollen ukrainische Geflüchtete schuld sein. Mehrere hundert Retweets helfen, dieses Gerücht zu verbreiten.

Deutsche Politiker und ihre Nähe zu Russland

28.03.2022 | 16:07 min
Das Fatale: Es handelt sich um Fehlinformationen. Wie der Zugbetreiber "Go-Ahead" auf Instagram mitteilte, sind "Fußballfans, die von Augsburg zum Fußballspiel des VfB Stuttgart nach Stuttgart unterwegs waren" für die Verunreinigung verantwortlich. Dies sei zweifelsfrei dokumentiert. Da sich Fehlinformationen meist ungebremst vervielfachen, stellen die sozialen Medien oftmals eine willkommene Unterstützung Russlands bei der Verbreitung seiner Propaganda dar.
Lesen Sie hier, warum sogar die Polizei in Nordrhein-Westfalen vor erfundenen Geschichten zum Ukraine-Krieg warnt:

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