: Rente: Altersstruktur in Deutschland "krass"

von Olav Ulbricht
14.01.2022 | 06:34 Uhr
Die Renten machen rund ein Viertel des Bundeshaushalts aus. Über die Zukunftsfähigkeit und Änderungen im Vorsorgesystem hat bei "Lanz" auch der SPD-Politiker Stegner debattiert.
Der SPD-Politiker Ralf Stegner zu Gast bei "Markus Lanz". Sehen Sie hier die ganze Sendung.
Die neue Ampel-Koalition ist seit einem guten Monat im Amt. Als einziges Ressort der neuen Regierung wird der Bereich Arbeit und Soziales vom gleichen Minister geführt wie in den vergangenen vier Jahren der Großen Koalition. Der Sozialdemokrat Hubertus Heil dürfte nach Ansicht der Gesprächsrunde bei "Markus Lanz" einiges zu tun haben.
Aktuell arbeiten drei für einen Rentner - in 15 Jahren arbeiten zwei Leute für einen Rentner.
Monika Schnitzer, Ökonomin
Mit dieser Prognose eröffnete die Wirtschaftsweise Monika Schnitzer die Diskussion und zweifelte die Rentenzusage der neuen Bundesregierung an.

Schnitzer: Rente ein Schwachpunkt im Koalitionsvertrag

"Die Koalition verspricht die Quadratur des Kreises, wenn sie das Renteneintrittsalter, das Rentenniveau und die Beitragssätze stabil halten will", sagte Schnitzer, die als Teil des Sachverständigenrats die wirtschaftliche Entwicklung für die Bundesrepublik verfolgt.
Mit jährlich etwa 100 Milliarden Euro macht die Rentenkasse rund ein Viertel des Bundeshaushaltes aus. Stegner argumentierte, die Ampel habe in ihrer Koalitionsvereinbarung die Weichen für die Finanzierbarkeit des Rentensystems gestellt.
Müssen junge Leute bald länger für die Rente arbeiten? Mit Spekulationen am Aktienmarkt will die neue Regierung das verhindern. Rettet oder verzockt die Ampel damit unsere Rente?

Stegner: Brauchen Willkommenskultur

Der Sozialdemokrat Ralf Stegner verwies auf mehr Einwanderer und mehr Frauen als künftige und länger einzahlende Beitragszahler:
Wir machen eine modernere Zuwanderungs- und Gesellschaftspolitik mit Kinderbetreuung, Unterstützung von Frauen, und wir brauchen deutlich mehr Zuwanderung.
Ralf Stegner, SPD-Politiker
Stegner plädierte für eine offene und freundliche Willkommenskultur, nannte Kanada als Bespiel für ein gelungenes Zuwanderungssystem mit einer Mischung aus Fachkräftezuwanderung und einer humanitären Flüchtlingspolitik. Doch reicht das?

Wirtschaftsweise fordert neuen Rentenansatz

Ökonomin Schnitzer verneinte das, und ergänzte, dass neben dem Faktor der Anzahl der Beitragszahler dringend an weiteren Stellschrauben gedreht werden müsse. Ihr Ansatz: "Man könnte die Rente nicht so stark steigen lassen."
Ökonomin Monika Schnitzer zweifelt an der Finanzierbarkeit des aktuellen Rentensystems und erläutert, wie dieses zukunftsfähiger gemacht werden kann. Stichwort: Zuwanderung.
Angelehnt an das österreichische Modell sei etwa denkbar, Rentensteigerungen nicht an der durchschnittlichen Lohnsteigerung, sondern an der Inflation zu orientieren. Ausnahmen würden für Menschen mit besonders niedrigen Renten gelten. Außerdem setze das System voraus, dass die Teuerungsrate nicht dauerhaft so hoch bleibe wie aktuell, so die Wirtschaftsweise.

Münstermann: Anreize schaffen, länger zu arbeiten

Die Journalistin Kerstin Münstermann, Leiterin des Parlamentsbüros der "Rheinischen Post", ergänzte:
Oder man muss sich einfach mal ehrlich machen, und sagen, dass wir höhere Beiträge brauchen. Das wäre doch legitim.
Kerstin Münstermann, "Rheinische Post"
Münstermann schlug zudem vor, Arbeitnehmern Anreize dafür zu schaffen, freiwillig länger zu arbeiten.
Forschungsinstitute und die deutschen Industrieverbände weisen auf einen massiven und strukturellen Fachkräftemangel hin. Bald schon werden hunderttausdende qualifizierte Mitarbeiter fehlen. Zuwanderung und Fortbildung können in dieser Situation helfen.

Einwanderung ist Renten-Stellschraube

Als eine der wichtigsten Stellschrauben bei der Rente einigte sich die Gesprächsrunde am Ende der Diskussion auf das Thema Einwanderung. Laut der Wirtschaftsweisen Monika Schnitzer müssten 1,5 Millionen Menschen jährlich zuwandern, um das Rentensystem in den nächsten Jahren gut zu finanzieren.
Schließlich brachte sich auch Prof. Dirk Brockmann ein, der für das RKI Vorhersagen für die Entwicklung von Pandemien modelliert und zu Beginn der Sendung über die Omikron-Ausbreitung gesprochen hatte. Der Physiker lebte und arbeitete einige Jahre in den USA.

Brockmann: Kritik an Denkweise bei Zuwanderung

Aus seiner Erfahrung in Chicago funktioniere eine gemischte Gesellschaft vor allem in den Metropolen sehr gut. Man dürfe nicht nur nach bereits perfekt ausgebildeten Menschen suchen: "Wir können doch nicht denken, dass wir wie eine Art Krake auf der Welt die intelligenten Leute ins Land ziehen"
Mit Blick auf den großen Bedarf an Arbeitskräften und Beitragszahlern sagte er:
Wir brauchen in Europa dringend Leute. Und dann passieren an der europäischen Grenze Flüchtlingsdramen, wo einem schlecht wird. Das bringe ich nicht zusammen.
Prof. Dirk Brockmann

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