Interview

: "Will nicht sterben, ohne zu wissen wofür"

28.09.2022 | 15:39 Uhr
Zehntausende Russen sind auf der Flucht, seit Putin die Teilmobilisierung angeordnet hat. ZDF frontal konnte exklusiv mit einem geflohenen russischen Lokalpolitiker sprechen.
Vor Putins Krieg geflohen: Der russische Lokalpolitiker Andrej MoisejkinQuelle: ZDF
ZDF frontal: Sie haben Russland verlassen, warum haben Sie das gemacht?
Andrej Moisejkin: In Russland hat die Mobilisierung angefangen, offiziell eine Teilmobilisierung, aber de facto ist es eine vollständige Mobilisierung, die keinerlei Einschränkungen hat. Und ich will an keinen Kampfhandlungen teilnehmen, die mein Land außerhalb seiner Grenzen gerade führt.
Niemand hat uns angegriffen, ich verstehe also den Sinn der Sache nicht. Ich will nicht sterben, ohne zu wissen wofür.
ZDF frontal: War es schwer für sie wegzufahren?
Moisejkin: Ja, natürlich. Moralisch gesehen war es schwer, weil all meine Freunde und Bekannte in St. Petersburg sind, mein ganzes Leben ist in St. Petersburg. Und man selbst fährt ins Nichts, die Zukunft ist komplett ungewiss, unklar ist, was man tun soll, wie man arbeiten und Geld verdienen soll. Es gibt sehr viele offene Fragen, deswegen war es schwer, diese Entscheidung zu treffen und wegzufahren - aber es musste sehr schnell gehen.

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27.09.2022 | 07:55 min
ZDF frontal: Wie reagieren die Menschen in St. Petersburg auf diese Teilmobilisierung?
Moisejkin: Also, in Russland allgemein und in St. Petersburg konkret, spürt man Panik: Die Menschen haben Angst, verstehen nicht so genau was passieren wird. Ich würde aber auch sagen, dass in St. Petersburg nicht alle den Ernst der Lage verstehen, denn die ganze Zeit über sind nicht viele Männer aus St. Petersburg als Soldaten in den Krieg gefahren.

Das heißt, es sind auch nicht viele Särge nach St. Petersburg zurückgekommen. Deswegen verstehen die Menschen den Ernst der Lage einfach nicht und versuchen, sich auch psychologisch davon abzuschotten, denken, dass das morgen wieder alles vorbei ist. 
ZDF frontal: Glauben Sie, dass es auch weiterhin Proteste in Russland geben wird?
Moisejkin: Ich denke, es wird auch weiterhin Proteste geben. Die finden ja vor allem in den nationalen Republiken statt, in Dagestan, in Buratien - genau aus diesen Republiken sind davor schon viele als Soldaten zur Armee gegangen. Und genau dort gibt es mittlerweile schon viele Menschen, die entweder Freunde oder Verwandte haben, die bereits im Krieg gefallen oder verletzt worden sind und die verstehen, was die Konsequenzen sind.

Was St. Petersburg oder Moskau anbetrifft, da bin ich mir nicht sicher. Ich denke, dort wird erst protestiert, wenn die ersten Särge da ankommen.
ZDF frontal: Wenn wir uns nochmals Dagestan und Buratien zuwenden: Was wissen sie über die Lage jetzt dort?
Moisejkin: Dagestan und Buratien sind in erster Linie sehr arme Republiken, deswegen sind auch schon davor sehr viele dort als Soldaten zur Armee gegangen, weil man ihnen für ihre Verhältnisse sehr viel Geld geboten hatte. Im Monat ein Gehalt, was man dort sonst im Durchschnitt in zehn verdienen würde.

Zudem werden die Burjaten in der breiten Masse der russischen Bevölkerung als Einwohner von Zentralasien wahrgenommen. Man vermietet ihnen auch zum Beispiel keine Wohnungen in Moskau, deswegen ist die Reaktion der russischen Gesellschaft darauf, dass von dort so viele eingezogen werden, auch nicht so negativ.
ZDF frontal: Und wie geht es nun bei Ihnen persönlich weiter?
Moisejkin: Ich bin zurzeit in Usbekistan, bislang ist mein Plan hier zu bleiben, mich hier einzurichten, eine Möglichkeit zu finden, auch hier weiterzuarbeiten, irgendwie auch Geld zu verdienen, weil ich meiner Einschätzung nach in den nächsten Jahren wohl kaum nach Russland zurück kann, vielleicht sogar noch länger. Also muss ich mich nun hier irgendwie sesshaft machen.
Das Interview führte Joachim Bartz aus der ZDF-Redaktion frontal.
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