: Russische Künstler: Laut, aber ungehört

von Thomas Dudek
25.09.2022 | 15:39 Uhr
Alla Pugatschowa ist die bisher bekannteste russische Künstlerin, die sich politisch kritisch geäußert hat. Auch vor ihr haben sich Künstler erfolglos gegen den Krieg positioniert.
Popsängerin Alla Pugatschowa kritisiert Putins Ukraine-Krieg.Quelle: dpa
Von Alla Pugatschowa gibt es ein sehr bekanntes Foto. Auf diesem sieht man die russische Sängerin mit einem Blumenstrauß stehen, umringt von Russlands Präsident Wladimir Putin, dem damaligen ukrainischen Präsidenten Leonid Kutschma und dem belarussischen Machthaber Alexander Lukaschenko.
Entstanden ist es 2001 in Belarus, bei dem "Tag der Freundschaft der drei slawischen Staaten". Ein 21 Jahre altes Bild, das mit der heutigen politischen Realität nichts mehr gemein hat. Seit dem 24. Februar führt Russland einen offenen Krieg in der Ukraine. Was aus der damaligen Zeit geblieben ist, ist Pugatschowas Stellenwert. Die 1949 geborene Sängerin ist in Russland und der ehemaligen Sowjetunion nicht nur ein Superstar, sondern schon fast eine Institution.

Pop-Diva Pugatschowas: "Russland wird zum Paria"

Dieser Hintergrund erklärt auch, welch eine Sprengkraft Pugatschowas Instagram-Post am Sonntag vergangener Woche hatte. In diesem wandte sie sich an das russische Justizministerium mit der Bitte, sie auch als "ausländische Agentin" zu führen.
"Denn ich bin solidarisch mit meinem Mann, einem ehrlichen, anständigen und aufrichtigen Menschen, einem wirklichen und unkäuflichen Patrioten Russlands, der seiner Heimat Wohlstand wünscht, ein friedliches Leben, Redefreiheit und ein Ende des Sterbens unserer Jungs für illusorische Ziele, die unser Land zum Paria machen und das Leben unserer Bürger erschweren", schrieb Pugatschowa weiter und stellte sich damit deutlich an die Seite ihres Ehemannes Maxim Galkin, einem in Russland populären Fernsehmoderator und Comedian.
Instagram-Post von Alla Pugatschowa:
Galkin sorgte schon in den ersten Wochen des Krieges für Aufsehen, nachdem er von Israel aus, wohin er mit seiner Ehefrau und den zwei gemeinsamen Kindern nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine ging, in einer Videobotschaft den Krieg verurteilte.

Ehemann Maxim Galkin gilt bereits als "Auslandsagent"

Pugatschowa, die seit einigen Wochen mit den zwei Kindern wieder in Russland weilt, hielt sich mit politischen Äußerungen jedoch zurück. In den Tagen vor ihrem Post nutzte sie zwar Instagram, um Gorbatschow zu betrauern oder über den bekannten Fernsehpropagandisten Wladimir Solowjow zu lästern. Doch mit politischen Kommentaren hielt sich die Diva, die 250 Millionen Alben verkauft hat, zurück.
Umso mehr schlug nun ihre Forderung, sie als "Auslandsagentin" zu führen, wie eine Bombe ein. Fast 840.000 Likes bekam ihr Post seitdem. Bekannte Oppositionelle wie Maxim Resnik sahen gleich einen "Aufstand", der zum Sturz des Regimes führen werde. Das oppositionelle Magazin "Republic", auch mit Blick auf die am Mittwoch verkündete Mobilmachung, sieht in Pugatschowa wiederum den Beweis, warum das Land von einer Frau regiert werden sollte.

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Führen die Äußerungen von Pugatschowa zu einer politischen Wende?

Doch bei all der Begeisterung für Pugatschowas Äußerungen: Ob diese tatsächlich eine politische Wende einleiten könnten, darf bezweifelt werden. Denn auch wenn sich mit Pugatschowa nun eine wahre Ikone der russischen Kultur politisch kritisch geäußert hat, so ist sie nicht der erste russische Star.
Neben Pugatschowas Ehemann Maxim Galkin, wäre da zum Beispiel die russische Sängerin Zemfira. Die Rocksängerin, die ihre Karriere in den späten 1990er Jahren begann und mit deren Songs mittlerweile zwei Generationen aufgewachsen sind, positionierte sich vom ersten Tag an gegen den russischen Einmarsch in die Ukraine. Nicht nur in den sozialen Netzwerken, wo sie gleich am 24. Februar "Nein zum Krieg" postete, sondern auch musikalisch. In ihrem im Mai veröffentlichten Song "Mjaso" (Fleisch) heißt es:
Im Kalender steht der Frühling, doch in Wirklichkeit sind es Schützengräben und Raketen. Es ist Mitternacht in Mariupol.
Russische Sängerin Zemfira
Die Stimmung im Land konnten aber weder Zemfira, die seit März mit ihrer Lebensgefährtin, der Regisseurin und Schauspielerin Renata Litwinowa in Paris lebt, noch in Russland verbliebene Künstler wie der Sänger Jurij Schewtschuk verändern, der den Krieg bei einem Konzert seiner legendären Band DDT verurteilte. Gegen die Kreml-Propaganda und die Zensur kommen sie trotz aller Popularität nicht an.
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