: Olaf Scholz hat zu viel versprochen

von Dominik Rzepka
29.06.2021 | 11:18 Uhr
Anfang März versprach Olaf Scholz: Im Juni wird es bis zu zehn Millionen Impfungen pro Woche geben. "Dafür habe ich gesorgt." Doch nicht nur er hat zu viel versprochen.
Aus dem Archiv (7. März 2021): SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz verspricht im ZDF-Interview bis zu zehn Millionen Impfungen pro Woche.
Am 7. März gibt SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz ein Versprechen in der Corona-Krise ab. "Wir müssen jede Woche Millionen impfen. Im März schon am Ende des Monats. Im April, im Mai, im Juni", sagt er in der ZDF-Sendung "Berlin direkt". Und dann nennt er eine konkrete Zahl:
Es wird bis zu zehn Millionen Impfungen pro Woche geben. Und dass das jetzt gut vorbereitet wird - dafür habe ich gesorgt.
Olaf Scholz am 7. März
Mit seinem Zusatz "dafür habe ich gesorgt" bezieht sich Scholz auf den in dieser Zeit neu berufenen Impfstoffbeauftragten der Bundesregierung, Christoph Krupp. Er gilt als sein Vertrauter. Doch weder Finanzminister und Vizekanzler Scholz noch Krupp haben zehn Millionen Impfungen pro Woche bis Ende Juni geschafft.

Wie viele Impfungen Deutschland geschafft hat

Inzwischen steht fest: Olaf Scholz hat zu viel versprochen. Im Schnitt wurden hierzulande in der vergangenen Woche 782.000 Impfungen täglich in die Oberarme der Menschen gespritzt. Die genauen Zahlen der letzten ganzen Juniwoche:
  • Montag, 21. Juni: 604.000
  • Dienstag, 22. Juni: 1.035.000
  • Mittwoch, 23. Juni: 1.283.000
  • Donnerstag, 24. Juni: 969.000
  • Freitag, 25. Juni: 869.000
  • Sonnabend, 26. Juni: 390.000
  • Sonntag, 27. Juni: 276.000
Insgesamt sind das gerade einmal knapp 5,5 Millionen Impfungen pro Woche - nur etwas mehr als die Hälfte der versprochenen zehn Millionen. Um diesen Wert überhaupt zu erreichen, müsste Deutschland am Tag etwa 1,4 Millionen Dosen verimpfen. Insbesondere die Zahlen an den Wochenenden drücken den Sieben-Tage-Schnitt nach unten. Deutschland impft vor allem werktags und auch nicht rund um die Uhr.
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Auch Spahn und Merkel versprachen zu viel in der Pandemie

Der Gesundheitsexperte der Grünen, Janosch Dahmen, kritisiert die Kommunikation des Finanzministers und wirft ihm "falsches Erwartungsmanagement" vor: "Anfang März war es völlig spekulativ und unehrlich, konkrete Impfzahlen zu nennen. Selbst die Hersteller konnten nicht definitiv sagen, wie viele Dosen sie in welcher Woche liefern werden", sagt er ZDFheute.
Zu optimistische Versprechen - ein Muster dieser Pandemie: Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte Tests für alle zum 1. März versprochen. Sie kamen laut Gesundheitsministerium am 8. März - die Opposition kritisiert allerdings, in der Praxis sei es Mitte April geworden. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (auch CDU) hatte im Oktober 2020 noch vier harte Monate angekündigt. Vier Monate später sprach sie wegen einer neuen Virusvariante dann erneut von vier harten Monaten.
Spahn räumt derweil ein, Deutschland sei schlecht auf die Pandemie vorbereitet gewesen. Er persönlich hätte im Frühjahr 2020 mehr Masken bestellen müssen.
Deutschland hat Portugal als Virusvariantengebiet eingestuft. Reiserückkehrer müssen nun trotz Impfung oder überstandener Infektion für 14 Tage in Quarantäne.

Glaubwürdigkeit von Politik in Gefahr?

Grünen-Politiker Dahmen würde auch Olaf Scholz raten, einzugestehen, die Situation Anfang März zu optimistisch gesehen zu haben. "Olaf Scholz könnte doch sagen, dass die zehn Millionen Impfungen leider übertrieben waren. Die Leute würden das honorieren", sagt er. So aber leide die Glaubwürdigkeit von Politik und Staat.
ZDFheute hat Olaf Scholz um eine Stellungnahme gebeten. Scholz ließ die Anfrage unbeantwortet.
Dem Autor auf Twitter folgen: @dominikrzepka

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