: Sechs mögliche Szenarien im Ukraine-Krieg

von Jan Schneider
14.10.2022 | 16:38 Uhr
Raketenangriffe, Mobilisierung, Energiekrise und die Angst vor einem Atomschlag: Auch im achten Monat des Ukraine-Kriegs ist keine Ende der Kämpfe in Sicht. Wie geht es weiter?
Soldat in Panzer mit ukrainischer Flagge, Kiew.Quelle: dpa
Mehr als 230 Tage sind vergangen seit der russischen Invasion in die Ukraine. Die ukrainische Gegenoffensive im Süden und Osten läuft weiter, verlangsamt sich aber. Russische Truppen versuchen, neue Frontlinien zu errichten. Über dem Geschehen auf dem Schlachtfeld schwebt die Drohung aus Moskau, auch vor Nuklearwaffen nicht zurückzuschrecken und mit dem kommenden Winter geht auch der Handelskrieg um Energie in eine entscheidende Phase. Wie könnte es in dem Konflikt in den kommenden Monaten weitergehen? Sechs mögliche Szenarien:

Szenario 1: Entscheidung auf dem Schlachtfeld

"Kriege enden entweder, sobald eine Kriegspartei sich militärisch durchsetzt, also gewinnt; oder weil beide Kriegsparteien oder alle Kriegsparteien militärisch erschöpft sind und keine Zuversicht mehr haben, dass sie durch militärische Operationen noch einen Vorteil für Friedensverhandlungen erreichen", erklärt der Politologe und Russland-Experte Gerhard Mangott von der Universität Innsbruck. Aktuell sei dies jedoch noch nicht der Fall. Die Ukraine habe mit Offensiven beachtliches Territorium zurückgewonnen und Russland musste sich zurückziehen, zum Teil sogar aus bestimmten Regionen fliehen.
Aber das heißt noch nicht, dass die Ukraine jetzt unabdingbar auf dem Pfad wäre, diesen Krieg zu gewinnen. Deswegen sehe ich im Augenblick keine Perspektiven für ein Kriegsende. 
Gerhard Mangott, Universität Innsbruck
Es lässt sich aber nachzeichnen, welche Ereignisse auch neben dem Schlachtfeld für den Ausgang des Konflikts bedeutend werden könnten.

Trotz ukrainischer Erfolge rechnet General a.D. Ramms noch nicht mit einem Zusammenbruch von Putins Front. Kiews Vormarsch lasse sich aber nur mit geschickter Führung aufhalten.

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Szenario 2: Machtkämpfe in Moskau

In einem häufig zitierten Text des amerikanischen Historikers Timothy Snyder geht dieser davon aus, dass es in Russland selbst früher oder später zu Machtkämpfen kommen wird, sollte die Situation in der Ukraine sich nicht wieder zugunsten Russlands verändern.
Krieg ist eine Form der Politik, und das russische Regime wird durch eine Niederlage verändert.
Timothy Snyder, Historiker und Professor an der Yale University
Sollte die Ukraine weiter Gebiete zurückerobern, rechnet Snyder mit Verwerfungen in Moskau.
Russland-Expertin Sarah Pagung von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik hält Snyders These eines internen Machtkampfes grundsätzlich für plausibel, schätzt die Wahrscheinlichkeit auf Anfrage von ZDFheute allerdings nach wie vor als klein ein. 
Große Teile der Elite seien ähnlich wie die Bevölkerung paralysiert. Zudem würden ihre Ressourcen, Positionen sowie Einfluss und Macht am System Putin hängen und es sei unklar, ob die Eliten in der Lage wären, dieses System auch nach Wladimir Putin zu erhalten. Zudem sei das System so gestrickt, dass die Eliten zueinander in Konkurrenz stehen, sich kontrollieren und unterschiedliche Informationen haben.
Dies alles spricht dagegen, dass Teile der Elite sich zu einem offenen Konflikt mit Putin und/oder dem System entschließen.
Sarah Pagung, Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik
Als prominente Akteure fallen in diesem Zusammenhang öfter die Namen des Tschetschenenführers Ramsan Kadyrow und des Chefs der Söldnertruppe Wagner, Jewgeni Prigoschin. Beide stehen laut Pagung bereits seit Jahren in Konflikt mit dem russischen Verteidigungsminister Sergei Shoigu. Diese Konflikte würden mittlerweile auch offen ausgetragen, Kritik an Putin oder dem System äußern sie jedoch auch sie nicht.
Es sieht nach einem Konflikt im System und nicht mit dem System aus.
Sarah Pagung, Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik

Szenario 3: Die russische Bevölkerung steht auf

Die Mobilmachung hat den Ukraine-Krieg in die russische Bevölkerung getragen, einer vorher eher entpolitisierten Gesellschaft wurde so das Weltgeschehen in die eigene Familie gebracht. Nach anfänglichen Demonstrationen gegen den Zwang zum Kriegsdienst ist es aktuell schwer abzuschätzen, wie die Stimmung in der Bevölkerung aussieht.
Russland-Experte Mangott geht jedoch davon aus, dass die Zustimmung zum Krieg unter der Maßnahme leidet. Das ist ein Grund, warum Putin den Schritt lange herausgezögert hat.
Dieser Unmut in der Bevölkerung würde sicherlich zunehmen, wenn viele der Söhne oder Väter in diesem Krieg sterben.
Gerhard Mangott, Universität Innsbruck
Mittlerweile haben russische Behörden bereits den Tod mehrerer gerade erst einberufener Soldaten in der Ukraine eingeräumt. Die Kritik wächst - auch weil die eingezogenen Männer oft nur völlig unzureichend für den Kriegseinsatz ausgestattet und vorbereitet sein sollen. Dass die russische Bevölkerung Putin stürzt, ist dennoch unwahrscheinlich, seine Zustimmungswerte - soweit sie im autokratischen Russland belastbar sind - sind weiter hoch.

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Szenario 4: Russland kann sich den Krieg nicht mehr leisten

Der Krieg hat aber auch ökonomische Konsequenzen für Russland. Dem Land gehen gerade viel Arbeitskräfte verloren. Entweder, weil junge Menschen an die Front geschickt werden oder das Land verlassen, um vor der Einberufung zu fliehen. Diese Effekte seien jetzt schon spürbar und werden sich noch verstärken.
Ich glaube aber nicht, dass die russische Führung, so wie sie jetzt existiert, bereit ist, aufgrund der wirtschaftlichen, finanziellen und sozialen Kosten den Krieg zu beenden.
Gerhard Mangott, Universität Innsbruck
Aktuell seien die russischen Einnahmen aus Energie-Exporten noch groß genug, um den Krieg zu finanzieren. Selbst wenn Europa ab dem 6. Dezember weniger Öl in Russland einkaufen wird, werden andere Länder diese Lücke in Moskaus Finanzplan schließen.
Was jedoch offenbar knapp wird, sind Hightech-Waffen wie Präzisionslenkwaffen. Es wird vermutet, dass auf Grund der westlichen Sanktionen wichtige Bauteile für diese Waffen fehlen und Russland deshalb ein Problem mit der Produktion von Nachschub hat.

Szenario 5: Der Wille der Verteidigung in der Ukraine wird gebrochen

Die russischen Raketenangriffe am Anfang der Woche haben gezielt die kritische Infrastruktur ins Visier genommen. Laut Angaben aus Kiew wurden seit Montag rund 30 Prozent der ukrainischen Energieinfrastruktur getroffen.
Der ukrainische Ministerpräsident Denys Schmyhal rief seine Landsleute dazu auf, sich für den Winter mit warmer Kleidung, Kerzen und Taschenlampen einzudecken. Russland plane, die Kälte als Waffe im Krieg einzusetzen. Bisher gibt es jedoch keine Anzeichen, dass die Angriffe auf die Zivilbevölkerung den Kampfeswillen der Ukrainer*innen in irgendeiner Weise brechen können. Der Bürgermeister von Kiew sagte im ZDF-Interview:
Die Russen erreichen ihr Ziel nicht. Wir haben keine Angst.
Vitali Klitschko, Bürgermeister von Kiew
Unsere Reporterin Alica Jung hat in der Ukraine Menschen getroffen, die sich auf den Winter vorbereiten:

Während in der Ukraine beschädigte Häuser notdürftig winterfest gemacht werden, bereiten sich Haushalte auch auf Stromausfälle vor - denn die Energieversorgung bleibt gefährdet.

11.10.2022 | 02:26 min

Ukraine: Hier können Sie spenden

Quelle: ZDF
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Wie arbeitet das Aktionsbündnis?

Das Aktionsbündnis Katastrophenhilfe hilft Menschen in der Ukraine und auf der Flucht. Gemeinsam sorgen die Organisationen Caritas international, Deutsches Rotes Kreuz, Diakonie Katastrophenhilfe und UNICEF Deutschland für Unterkünfte und Waschmöglichkeiten, für Nahrungsmittel, Kleidung, Medikamente und andere Dinge des täglichen Bedarfs. Auch psychosoziale Hilfe für Kinder und traumatisierte Erwachsene ist ein wichtiger Bestandteil des Hilfsangebots.

Szenario 6: Europa hält dem Druck des Krieges nicht stand

Ein weiteres Kalkül der russischen Raketenangriffe ist, eine neue Fluchtwelle nach Europa auszulösen. Mehr als 7,5 Millionen Flüchtlinge sind dem UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR zufolge vorläufig als Flüchtlinge in Europa registriert. Die Versorgung der Menschen kostet Geld und Kraft und soll - so vermuten es Beobachter des Kreml - Zwietracht in den europäischen Ländern sähen.
Auch die Verknappung der Gas-Lieferungen, die die Inflation nach oben treibt und das Leben für viele Menschen immer schwerer bezahlbar macht, soll den Unmut in der Bevölkerung nähren und so die Unterstützung für die Ukraine - vor allem in Form von Waffen - infrage stellen. Experte Mangott sieht diese Taktik des Kreml jedoch bisher nicht aufgehen:
Europäische Regierungen nehmen viel Geld in die Hand, um es den Bürgern und Bürgerinnen leichter zu machen. Es werden Schulden aufgenommen, um die Protest der Bürger quasi abzukaufen, damit die Ukraine-Politik nicht geändert werden muss.
Gerhard Mangott, Universität Innsbruck

Carlo Masala bei "maybrit illner"

22.09.2022 | 02:50 min
Bleibt noch die regelmäßig wiederholte Drohung eines Nuklearangriffs aus Moskau, die den Menschen in Europa Angst machen sollen. Dass diese nicht kategorisch ausgeschlossen werden kann, haben Sicherheitsexperten vielfach analysiert, halten sie jedoch weiterhin für unwahrscheinlich.
Über die Wahrscheinlichkeit eines Nuklearschlags hat mein Kollege Nils Metzger mit dem Politikwissenschaftler Dr. Frank Sauer gesprochen:
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