"Es wird kein Menschen-Meer geben"

13.01.2021 | 12:07 Uhr
Bei der Vereidigung von Joe Biden könne es Gewalt geben, warnt das FBI. Was das für Bidens Start ins Amt heißen würde und wie gefährdet er ist, erklärt Politikstratege van de Laar.
"Wir nehmen das Zepter selbst in die Hand", das ist die Botschaft, die Trump seinen Anhängern vermittelt. Diese nehmen das gerne auf, sagt Julius van de Laar, der früher Barack Obama beraten hat.
Die Vorbereitungen für Joe Bidens Amtseinführung am 20. Januar laufen, die Nationalgarde will bis zu 15.000 Soldaten in Washington zusammenziehen. In einem internen Papier warnt das FBI vor gewalttätigen Protesten in allen Bundesstaaten. Schon vor dem 20. Januar plane eine militante Gruppe Ausschreitungen, aber auch für den Tag der Vereidigung selbst. Wie gefährdet ist Joe Biden?
ZDFheute: Rechtsextreme und Verschwörungsgläubige feiern sich für den Sturm auf das Kapitol. In der Politik geht es immer auch um Bilder - gerade die US-amerikanische liebt den großen Gestus. Welche Rolle spielt da Bidens Amtseinführung?
Julius van de Laar: Optik spielt eine gigantische Rolle, es gibt in der amerikanischen Politik sogar einen Begriff dafür: Poli-Optics, also die Optik der Politik. Bei Obamas und Trumps Vereidigung war alles bis ins letzte Detail inszeniert.
Die Vereidigung ist ein Symbol des Aufbruchs: Der alte Präsident geht, steigt in den Hubschrauber ein und fliegt weg.
Der neue hält die Hand auf die Bibel, wird eingeschworen, um ihn herum stehen Familie, Kongressabgeordnete, VIPs und der Ex-Präsident. Dann hält der neue Präsident seine Antrittsrede.
Nach der Erstürmung des Kapitols haben die US-Behörden die Sicherheitsvorkehrungen für die Amtseinführung von Joe Biden in Washington verschärft.
ZDFheute: Doch dieses Mal ist alles anders - was genau?
Van de Laar: Wegen der Pandemie wird es definitiv keine Menschen-Menge geben, die auf der National Mall, also der Promenade vor dem Kapitol, steht - 2009 bei der Einschwörung Obamas waren es mehrere Millionen, die vor Ort dabei waren. Die Optik wird eher sein: Joe Biden, mit viel Abstand und ein paar ausgewählten Gästen, die diesem historischen Moment beiwohnen.
Der amtierende Präsident Donald Trump hat außerdem angekündigt, nicht dabei zu sein. Und dann kommen wahrscheinlich noch Demonstranten hinzu, eventuell auch Krawalle.

Julius van de Laar..

Quelle: Julius van de Laar
...ist Kampagnen- und Politikberater, er arbeitete 2012 für Obamas Wahlkampfteam in Ohio und berät NGOs, Unternehmen und politische Organisationen.
ZDFheute: Joe Biden will die Amtseinführung draußen abhalten, wie es Tradition ist. Was wäre es für ein Start in seine Amtszeit, wenn er niedergebrüllt wird?
Van de Laar: Auch wenn sich kurz zuvor an genau der Stelle der Amtseinschwörung die drastischen Szenen des Sturms aufs Kapitol abgespielt haben, finde ich es wichtig, dass Joe Biden an diesem traditionsreichen Ort die Zeremonie abhält und damit ein symbolkräftiges Zeichen setzt: "Wir sind stärker."
Außerdem gehe ich davon aus, dass die Behörden und vor allem der Secret Service dafür sorgen werden, dass die Sicherheit Joe Bidens gewährleistet ist und mögliche Demonstrant*innen weit genug weggeschoben werden, damit es nicht zu solchen Bildern kommt.
ZDFheute: Die Sicherheitslage scheint enorm angespannt. Neben Washington werden laut dem FBI-Papier Proteste in den Hauptstädten aller Bundesstaaten geplant. Ist Biden sicher?
Van de Laar: Für die Sicherheit des gewählten Präsidenten ist der "Secret Service" zuständig, für den Schutz des Kapitols dagegen die "Capitol Police". Der Secret Service ist ganz anders ausgestattet. Wenn Biden auf dem Balkon steht, ist es von der Sicherheitsstufe also etwas anderes, als wenn ausschließlich Kongressmitglieder anwesend sind. 
ZDFheute: Der Sturm aufs Kapitol ist die bildgewordene Spaltung des Landes. Was sagen die Zahlen?
Van de Laar: Donald Trump hat von Beginn an zur Spaltung beigetragen und immer wieder das System in Frage gestellt. Wenn man sich die Umfragen zum Vertrauen in die Institutionen anschaut, sieht man, dass die Werte kontinuierlich nach unten gegangen sind: Nur noch eine Minderheit aller Republikaner hat Vertrauen in die öffentlichen Institutionen.
Hinzu kommt, dass aufgrund der Desinformationskampagnen eine absolute Mehrheit der Republikaner sagt – über 70 Prozent: "Wir glauben nicht, dass die Wahlen frei und fair waren."
ZDFheute: ...dabei gibt es für breiten Wahlbetrug, den Trump immer behauptet, keinerlei Beweise. Was werden Bidens erste Schritte sein?
Van de Laar: Er wird wahrscheinlich versuchen, ein weiteres Konjunkturpaket aufzulegen, gegebenenfalls gepaart mit großen Infrastrukturprojekten - und er wird versuchen, die Pandemie mit Impfdosen in den Griff zu kriegen, damit sich zunächst die Lebensrealität der Menschen verbessert. Erst dann kann er versuchen, das Land und die verhärteten Fronten wieder zentimeterweise näher zueinander zu bringen.
Das Interview führte Julia Klaus. Folgen Sie ihr auf Twitter: julia__klaus

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