: Die Überraschung steckt oft im Kleinen

von Winnie Heescher
21.09.2021 | 13:25 Uhr
Lars Seefeldt und ich haben fünf Monate versucht, etwas von den Kanzlerkandidaten mit der Kamera einzufangen, das nicht schon tausend Mal gezeigt worden ist. Ein Werkstattbericht.
Wer wird Angela Merkel folgen? Annalena Baerbock, Armin Laschet und Olaf Scholz trauen sich das Kanzleramt zu. Aber wie wollen sie den Machtkampf für sich entscheiden?
Olaf Scholz lehnt am Rand einer Bühne neben Kevin Kühnert, die Fotografen haben eine Traube um die beiden ehemaligen Kontrahenten gebildet, die Kameras klicken ununterbrochen. Es ist an diesem Wahlkampftag der letzte Termin für beide nach zig Terminen.
"Gleich bin ich blind", sagt Kühnert angesichts des Blitzlichtgewitters. "Am Ende des Wahlkampfes wird nichts von mir übrig sein", sagt Olaf Scholz. Er fühlt sich wegfotografiert.

Die Macht der Bilder im Wahlkampf

Politik ist oft eine große Inszenierung, im Wahlkampf gilt das nochmal mehr. Die Kandidaten werden von ihren Beratern durch Bilderkulissen geschickt. Termine, die sorgfältig ausgesucht werden, um eine gute Erzählung, gute Bilder zu liefern.
Am 26.09. entscheidet sich der Wahlausgang – und für die Kanzlerkandidaten Laschet, Scholz und Baerbock geht die anstrengende Zeit des Wahlkampfs vorüber. Die Dokumentation „Der Kampf ums Kanzleramt“ begleitet die Drei auf dem Weg.
Boxen oder Tischtennis spielen mit sozial benachteiligten Jugendlichen, Schafe streicheln, Hühner auf den Arm nehmen, Pressekonferenz neben Elon Musk oder vor dem US-Kapitol, Interview mit logo! oder CNN. Das Bild soll immer sagen: kanzlertauglich!

Die Grünen setzen auf Vorsicht statt Nachsicht

Annalena Baerbock, Armin Laschet und Olaf Scholz gehen sehr unterschiedlich mit diesen Inszenierungen um. Die Grünen sind Bilder-Kontrollettis. Das waren sie schon vor dem Bekanntwerden von Baerbocks Fehlerserie, aber danach wird der Kontrollwunsch noch spürbarer.
Sitzreihen auf Veranstaltungen werden öffentlichkeitswirksam mit Zollstöcken ausgemessen - die Grünen verstehen sich als die Corona-Partei. Annalena Baerbock erscheint nur noch mit eigener Maskenbildnerin zu Terminen.
Auch ihr Pressesprecher ist immer zugegen. Alles wird berechnet: "Sie dürfen 17 Kilometer im Bus mitfahren." "Sie dürfen drei Fragen stellen." "Sie haben fünf Minuten." Persönliches blitzt selten durch.
Kanzlerkandidatin Baerbock (Grüne) tourt mit ihrem Wahlkampfbus durch das Land, ist am Abend in der ZDF-Sendung „klartext, Frau Baerbock“ zu Gast. Sie stellt sich Fragen, u.a. zu den Themenkomplexen Klima, Kohleausstieg und zu Corona.
Annalena Baerbock verschanzt sich bei persönlicheren Interviews hinter einem Redefluss von Plastikwörtern: "Jemand. Man. Erneuerung." Vor allem ihre letzte Antwort in unserem Film wird das zeigen.

Olaf Scholz hält sich bedeckt

"Ich hab' da was gedreht" wird Lars mir irgendwann schreiben. "Was Ungewöhnliches, was keiner sonst gesehen hat." Er hat Olaf Scholz auf eine Auslandsreise begleitet.
Auch der Kanzlerkandidat der SPD gibt immer ein sehr kontrolliertes Bild von sich ab: Grauer Anzug, weißes Hemd, eine meist unbewegliche Miene, langsames und leises Sprechen.
Lars hat ihn in einem Moment eingefangen, wo er aus diesem Image komplett herausfällt. Im Interview haben wir Olaf Scholz gefragt, warum er sich öffentlich langweiliger gibt als er ist.
SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz hat sich gestern in der ZDF-Sendung klartext den Fragen der Bürgerinnen und Bürger gestellt. Die Sozialdemokraten führen derzeit in Umfragen vor den Unionsparteien.
Angela Merkel ließ ihren Humor irgendwann nur noch in Hintergrundgesprächen aufscheinen. Öffentlich machte sie die Raute. Das macht Olaf Scholz ihr jetzt nach.

Zeitstress und Risiko bei Armin Laschet

Es ist 13:03 Uhr. Der Pressesprecher der CDU schreibt: "Sorry, leichte Verspätung." Es war nicht leicht, einen Interviewtermin mit Armin Laschet zu vereinbaren. Der Mann ist viel unterwegs, als Kandidat, als Ministerpräsident. Wenn wir ihm bei Terminen eine Frage stellen, antwortet er meistens noch im Gehen.
Armin Laschet ist keiner, der sich verweigert. Es wird 13:28 Uhr, bis Laschet vor unserer Kamera sitzt. Er habe doch noch die Bundestagsdebatte, bei der er selbst gesprochen hat, zu Ende hören müssen.
Kann die Union das Ruder vor der Wahl noch einmal herumreißen? Aus dem Umfragetief herauskommen? Kanzlerkandidat Laschet probiert es bei klartext, indem er sich den Fragen der Bürger stellt – und versucht, darauf Antworten zu finden.
60 Minuten Interview waren verabredet. Daraus werden 28 Minuten, Armin Laschet muss ein Flugzeug erreichen. Er ist in diesem Wahlkampf meistens zu spät, das erleben wir bei vielen Terminen. Und er lässt sich in kein Korsett zwingen.
Es ist mir egal, was mir Berater sagen.
Armin Laschet, Kanzlerkandidat CDU
Er hat eine Menge Berater in Düsseldorf und in Berlin. Sie haben Armin Laschet nicht unter Kontrolle. Er riskiert sich und damit auch das schlechtere Bild von sich. Armin Laschet will Armin Laschet bleiben. Er setzt darauf, dass die Wählerinnen und Wähler am Ende genau das honorieren.

Bilder zeigen oft nur die halbe Wahrheit

"Mensch, der Habeck zeigt aber deutlich, was er von Annalena Baerbock hält", sage ich zu Lars nach einem Blick aufs Handy. Lars war an dem Tag mit den Grünen im Biesenthaler Becken unterwegs. "Nein", sagt Lars, "das war ganz anders".
Habeck sei genervt gewesen, weil ein Reporter mitten im Wald versucht hat, ein exklusives Interview mit ihnen zu führen – obwohl es kurz vorher eine ausführliche Pressekonferenz gab. Da habe Habeck die Hände in die Hosentaschen gesteckt.
Zuversicht wollen die beiden Favoriten fürs Kanzleramt am Wochenende vor der Bundestagswahl ausstrahlen. Olaf Scholz tourt durch Bayern, Kontrahent Armin Laschet ist in seinem Heimatbundesland Nordrhein-Westfalen unterwegs.
Mir geht es ähnlich: Ich habe Armin Laschet in den Flutgebieten zwei Tage nachdenklich, zuhörend als Mann mit Herz erlebt. Auf Twitter sehe ich nur Ausschnitte, wie er vom selben Anwohner angeschrien wird und angeblich andere, gut beschirmt im Regen stehen lässt.
Das hat alles auch damit zu tun, dass sich von Annalena Baerbock und Armin Laschet nach ihren Pannen ein bestimmtes Bild in der Öffentlichkeit und vor allem in den sozialen Medien festgesetzt hat. Da wieder rauszukommen, ist in so einem Wahlkampf Schwerstarbeit.

Reporterträume zerplatzen

Wir haben versucht, uns selbst ein Bild zu machen. Filme beginnen meist mit Wunschlisten. "Annalena Baerbock und Robert Habeck an ihrem gemeinsamen Schreibtisch, das wäre doch interessant."
"Armin Laschet rauchend oder wenn er sich das Jacket so lustig an den Taschen herunterzieht." "Olaf Scholz beim Joggen, das macht er auch auf Dienstreisen, vielleicht könnten wir eine Kamera-Drohne mitnehmen."

Szenen zum Lachen und Wundern

Nichts davon ist in unserem Film zu sehen. Es hat sich nicht ergeben. Armin Laschet passt sehr auf, nicht beim Rauchen abgelichtet zu werden. Oder die Wünsche wurden von den Protagonisten abgelehnt: Die Grünen sagen, wegen Corona sei immer nur eine oder einer im Büro.
Olaf Scholz hat schlicht keine Lust auf private Bilder. Wir zeigen ihn trotzdem joggend, weil das ZDF ein sehr gutes Archiv hat. Lars Seefeldt und ich haben andere Szenen eingefangen, über die wir selbst nach häufigem Angucken im Schnittraum selbst noch lachen oder uns wundern.
Die Überraschung steckt oft im Kleinen. Zu sehen weiterhin in der Mediathek: "Macht.Wechsel. Der Kampf ums Kanzleramt."

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