: Vom Klimaziel weit entfernt

von Christine Elsner
09.08.2021 | 13:02 Uhr
Der neue Bericht des Weltklimarats ist ernüchternd und belegt: Die globale Erwärmung ist eindeutig menschengemacht. Die Folgen sind fatal.
Überflutungen, regelmäßig Hitzewellen. Und im arktischen Ozean verschwinden im Sommer die Eisschollen. All das sagt der Bericht des Weltklimarates der UN voraus. 14.000 Klima-Studien wurden dafür ausgewertet. Die Folgen der Erderwärmung sind katastrophal.
Nie zuvor konnte ein Sachstandsbericht des IPCC - des Weltklimarates - auf so solide Forschungsergebnisse zurückgreifen. Er macht deutlich, dass sich die Situation im Klimasystem immer weiter verschlechtert.
Dies ist für die 234 Wissenschaftler, die am neuen Bericht mitgearbeitet haben, keine Überraschung. Denn das Jahrzehnt 2011 bis 2020 war das bisher wärmste seit Beginn der Messungen im Jahr 1880.   

Alarmierende Fakten im Klimabericht

Seit dem fünften Sachstandsbericht (AR5) im Jahr 2013 gibt es stärkere Belege für beobachtete Veränderungen von Extremen wie Hitzewellen, Starkniederschlägen, Dürren und tropischen Wirbelstürmen sowie insbesondere für deren Zuordnung zum Einfluss des Menschen.
Waldbrände und Dürre im Süden Europas, Dauerregen und Unwetter im Norden: Die globale Erwärmung führt zu immer heftigeren Wetter-Extremen.
Mehrfachkatastrophen werden immer häufiger auftreten und sie erschweren in betroffenen Regionen den Wiederaufbau dramatisch. "Der Bericht zeigt: Der Klimawandel trifft jede Region auf unserem Planeten", so Hoesung Lee, Vorsitzender des Weltklimarates:
Und er legt dar, dass CO2 und andere Treibhausgase schnell und nachhaltig reduziert werden müssten.
Auf der Basis von verbesserten Kenntnissen über Klimaprozesse, Nachweise aus der Erdgeschichte und die Reaktionen des Klimasystems auf den zunehmenden Strahlungsantrieb wird die globale Oberflächentemperatur bis mindestens Mitte des Jahrhunderts weiter ansteigen.

Erderwärmung von drei Grad bis zum Jahr 2100

Bereits 2050 wird die Erwärmung um zwei Grad Celsius erreicht sein, so die Prognosen. Das Expertengremium ist sich einig: Derzeit steuert die Erde bis 2100 auf eine Erwärmung von mindestens drei Grad zu. Der Meeresspiegel könnte bis dahin um bis zu einen Meter steigen.
Die fortschreitende globale Erwärmung wird laut Projektionen den globalen Wasserkreislauf weiter intensivieren. Das heißt: Die Niederschlagsmenge nimmt zu, Regenfälle werden heftiger und der Wechsel von Niederschlags- und Trockenheitsereignissen wird extremer.

Was ist der Klimarat IPCC?

Der Intergovernmental Panel on Climate Change wurde 1988 von der UN-Umweltorganisation (Unep) und der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) gegründet. Seine Aufgabe ist es, die Politik neutral über die wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Klimaveränderung und über mögliche Gegenmaßnahmen zu informieren. Dem IPCC gehören 195 Staaten an. Sie entsenden Experten, die eigenständig Berichte erstellen.

Wie ist der IPCC organisiert?

Das Gremium mit Sitz in Genf wird seit 2015 von dem Südkoreaner Hoesung Lee geleitet, einem Experten für die wirtschaftlichen Folgen des Klimawandels. Die IPCC-Berichte werden von tausenden Wissenschaftlern zusammengestellt, darunter neben Klima- und Meeresforschern auch Statistiker, Ökonomen und Gesundheitsexperten.

Der IPCC betreibt keine eigene Forschung zum Klimawandel, sondern wertet tausende Studien aus und fasst die zentralen Erkenntnisse daraus zusammen.

Welche Berichte veröffentlicht der IPCC?

Alle fünf bis sechs Jahre veröffentlicht der IPCC umfassende Überblicke über den aktuellen Stand der Klimaforschung, die in der Regel etwa 1.500 Seiten umfassen. Der erste IPCC-Bericht wurde 1990 veröffentlicht, zuletzt wurde 2014 ein umfassender Report vorgelegt.

Die regulären Berichte werden von je drei Arbeitsgruppen zusammengestellt: Arbeitsgruppe I legt die wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Klimawandel dar, die zweite beleuchtet die Folgen der Erderwärmung und die dritte zeigt Handlungsoptionen auf.

Abgesehen von diesen regulären Veröffentlichungen erstellt der Weltklimarat auch Sonderberichte zu bestimmten Aspekten des Klimawandels wie etwa zur Landnutzung oder zu den Veränderungen der Weltmeere und der Permafrostgebiete.

Die Projektionen der Experten gehen davon aus, dass Kohlenstoffsenken wie etwa Ozeane, Wälder und Moore nur noch bedingt und sehr verlangsamt steigende CO2-Emissionen aufnehmen können. So sind viele Veränderungen über Jahrhunderte bis Jahrtausende unumkehrbar.
Übersetzt heißt das: Die Erwärmung des Ozeans, das Abschmelzen der Eisschilde und der Anstieg des globalen Meeresspiegels sind nicht mehr aufzuhalten. 
Wenn das Meer kommt, wird es ernst. Gelingt es nicht, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, müssen wir uns mit den Konsequenzen steigender Meeresspiegel beschäftigen.

IPCC-Report: Politik aufrütteln

UN-Generalsekretär António Guterres ordnet den neuen Report so ein: "Dieser Bericht muss die Totenglocke für Kohle und fossile Treibstoffe läuten, bevor sie unseren Planeten zerstören." Daraus leitet sich die Forderung ab, dass der Treibhausgasausstoß weltweit bis Mitte des Jahrhunderts auf nahezu Null reduziert und der verbleibende Rest ausgeglichen werden muss.
Danach müssen in den meisten Szenarien der Klimawissenschaft sogar Emissionen aus der Atmosphäre entfernt werden. "Die weltweiten Entscheidungen dieser Dekade werden diesen Planeten für Jahrtausende prägen", betont Christoph Bals von Germanwatch.  
"Es gibt keinen Punkt, an dem es kein Zurück mehr gibt, denn es lohnt sich immer weitere Erwärmungen zu verhindern", so Prof. Jochem Marotzke, Max-Planck-Institut.
Der neue Sachstandsberichts des IPCC - er ist nicht nur für die neue Bundesregierung sondern auch für den anstehenden Klimagipfel in Glasgow im November Basis für entschiedeneres Handeln.
Sofortprogramme für schnell wirkende und sozial gerechte Klimaschutzmaßnahmen sowie eine Erhöhung der Klimafinanzierung sind notwendig, um die zerstörerischen Auswirkungen des verfehlten Klimaziels doch noch zu beherrschen - so die einhellige Meinung der Menschenrechts- und Entwicklungshilfeorganisationen sowie der nationalen Umweltbehörden.

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