: Frieden im Weltraum?

09.03.2022 | 11:23 Uhr
Auf der ISS arbeiten amerikanische, deutsche und russische Astronauten zusammen. Wie groß sind die Spannungen durch den Krieg in der Ukraine?
Blick auf die ISS (Archivbild)Quelle: dpa
Den erfahrenen Nasa-Astronauten Thomas Marshburn bringt so leicht nichts aus der Fassung. "Die Zusammenarbeit hier ist wesentlich für unser Überleben", stellte der 61-Jährige vor wenigen Tagen klar. Bei einer Video-Schalte von der ISS gab er sich gelassen: "Wir trainieren das, bevor wir losfliegen, und man lernt seine Kollegen wirklich richtig gut kennen."

Russisch-amerikanische Zusammenarbeit

Marshburn ist derzeit mit sechs weiteren Astronauten im All: dem Deutschen Matthias Maurer und drei weiteren Amerikaners – aber auch zwei Russen. Mehrere Monate lang leben und arbeiten sie bereits gemeinsam im All.
Seit dem russischen Einmarsch in die Ukraine Ende Februar und den darauf folgenden Sanktionen drängt sich jedoch immer stärker die Frage auf: Kann die russisch-amerikanische Zusammenarbeit bei der ISS, an der darüber hinaus auch noch die Raumfahrtagenturen Japans, Kanadas und Europas beteiligt sind, so weiter Bestand haben?

Nasa gibt sich gelassen

Die Nasa gibt sich betont zurückhaltend. Die Chefin des bemannten Nasa-Raumfahrtprogramms, Kathy Lueders, sagte, die Situation werde zwar beobachtet, der ISS-Betrieb laufe aber weiter "normal". Die Teams beider Länder seien in ständigem Kontakt. "Wir haben schon früher unter solchen Umständen den Betrieb aufrecht erhalten und beide Seiten haben sich immer sehr professionell verhalten." Russland und die USA hielten ihre "friedlichen Beziehungen im Weltraum" aufrecht - deren Ende wäre ein "trauriger Tag".
Aus Russland kommen andere Töne. Zwar betont auch die russische Raumfahrtagentur Roskosmos ihren Willen zur weiteren Zusammenarbeit - warnt die USA allerdings auch vor einer möglichen Aufkündigung dieser und malt dabei sogar das Schreckensszenario eines Absturzes der ISS an die Wand. Zudem stoppte Russland die Lieferung von Raketentriebwerken in die USA. Roskosmos-Chef Dmitri Rogosin kommentierte das hämisch:
Lasst die Amerikaner auf ihren Besen ins All fliegen.
Roskosmos-Chef Dmitri Rogosin
Vor einem definitiven Ausstieg Russlands aus der ISS, mit dem in der Vergangenheit bereits gedroht worden war, schreckt Roskosmos bislang allerdings zurück. Erst im vergangenen Jahr hatte Russland ein teures Forschungsmodul zur ISS geschickt. [Astronaut Maurer im ZDF-Gespräch: "Ich bin selbst Versuchskarnickel".]

Auswirkungen auf europäische Raumfahrt

Doch es gibt weitere konkrete Einschnitte: Nachdem das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) die Kooperation mit Russland für beendet erklärte, kündigte auch Moskau die Zusammenarbeit seinerseits auf. Als Reaktion auf die EU-Sanktionen zog Russland zudem in einem beispiellosen Schritt sein Personal vom Weltraumbahnhof Kourou in Französisch-Guayana ab, dem einzigen eigenen Zugang der Europäischen Raumfahrtagentur Esa in den Kosmos. Das europäisch-russische Weltraum-Vorzeigeprojekt "Exomars" zur Suche nach Spuren von Leben auf dem Roten Planeten scheint schon einmal in weite Ferne gerückt.
Trotz vieler Konflikte zwischen Moskau und Washington galt die Raumfahrt stets als einer der wenigen Bereiche, in dem die Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern funktioniert hat. Selbst im Kalten Krieg hatten die damaligen Blöcke im Weltall zusammengearbeitet. Das Milliarden-Projekt ISS gilt als Friedensprojekt.
Der Ukraine-Krieg lässt aber auch kurzfristigere ISS-Pläne in einem anderen Licht dastehen. In den kommenden Wochen sind mehrere Außeneinsätze geplant. Zudem soll bald eine neue dreiköpfige russische Crew und zudem später die erste komplett private Crew mit der Mission "Axiom-1“ aus den USA bei der ISS ankommen. Normalerweise werden Neuankömmlinge an der Schleuse herzlich begrüßt - jetzt aber wären russisch-amerikanische Jubelszenen im All fast schon ein politisches Statement.
Terra X - die Wissens-Kolumne - Warum wir Menschen im All brauchen, unsere Terra X - Wissens-Kolumne:
Quelle: Christina Horsten, Christian Thiele und Wolfgang Jung, dpa