: Historische Demütigung: Das Ende einer Ära

von Claudia Neumann
15.08.2020 | 18:34 Uhr
Der FC Barcelona ist mit einem 2:8 gegen Bayern München in der Champions League untergegangen. Ein historischer Tiefpunkt für den Klub.
Claudia Neumann kommentiert die Niederlage des FC Barcelona.Quelle: ZDF/EPA
Das Symbolbild schlechthin sahen die TV-Zuschauer am Freitagabend in der 84. Minute: Bayern bejubelt gerade das 6:2 durch Lewandowskis 14. Champions-League-Treffer in dieser Saison. Der 17-Tore-Rekord von Cristiano Ronaldo wackelt.

Lionel Messi mit den Händen in der Hüfte, den Oberkörper tief gebeugt, gesenkter Kopf, der Blick leer auf den Rasen gerichtet. Der sechsmalige Weltfußballer weiß längst, dass dieser Abend das Ende einer Ära ist.

Barcelona vor dem Umbruch

In Barcelona werden sie in den nächsten Wochen keinen Stein auf dem anderen belassen. Es warten die größten Umbaumaßnahmen seit mehr als einem Jahrzehnt. Seit jener Zeit, als ein gewisser Pep Guardiola sich anschickte, aus den stolzen Katalanen den besten Klub der Welt zu machen.

Mit der Kunst des schönen, dominanten Tiki Taka, in gedanklicher Anlehnung an die Ära Johann Cruyff, der dem anspruchsvollen Fußballpublikum Anfang der 90er-Jahre erstmals das raumorientierte, offensive Kurzpassspiel offenbarte.

Große Abhängigkeit von Messi

Natürlich mag man fragen, wie das Spiel gelaufen wäre, hätte Messi kurz nach dem 1:1-Ausgleichs-Eigentor von Alaba nicht den Pfosten, sondern ins Netz getroffen. Am grundsätzlichen Fakt, dass in Barcelona derzeit etwas zu Ende geht, hätte das nichts geändert.

Deutlich sichtbar, dass Spieler wie Piqué, Alba, Busquets oder Rakitić, die vor fünf Jahren noch herausragende Eckpfeiler des Champions-League-Triumphes in Berlin waren, über ihren Leistungszenit hinaus sind. Die Abhängigkeit von Messis genialen Momenten ist enorm. Aber selbst ein gestern auch nicht untadeliger Weltklassetorhüter wie Marc-André ter Stegen ist von den Bayern-Fluten bemitleidenswert überrollt worden.

Trainer-Entlassung nur eine Frage der Zeit

Barças Führungspersonal hat die Ansprüche dieses Weltvereins nicht erfüllt. Der erst im Januar verpflichtete Trainer Quique Setién ist augenscheinlich überfordert, scheint ohnehin nie wirklich akzeptiert gewesen zu sein von der mächtig prominenten Barça-Bande.

Nach Gegentor fünf drängte sich der Eindruck auf, dass die Profis den Abschied des Trainers aktiv durch Passivität beschleunigen wollten. Der nach der Corona-Pause verspielte Meistertitel war das erste Indiz, die Schande von Lissabon wird seine Vertragsauflösung bedeuten. Da ist man sich in Spanien sicher.

Kader-Zusammenstellung maßgeblich

Die ebenfalls schon länger anhaltende Kritik an der Kader-Zusammenstellung muss sich Sportdirektor Éric Abidal hauptverantwortlich ans Revers heften. Auch für seine Zukunft übernimmt in diesen Tagen niemand eine Garantie. Wie entscheidend im modernen Fußball die Position, die Auswahl des Trainers ist, hat der Gegner dieses schwarzen Freitags anschaulich untermauert.

Hansi Flick hat innerhalb weniger Monate aus internationalen Ausnahmekönnern, die monatelang Form und Selbstverständnis suchten, ein beeindruckendes Ensemble mit klarer Spielidee, diversen Handlungsoptionen und einem messerscharf ausgeprägten Teamgeist modelliert.
"Mir san mir", mit besten Aussichten auf das zweite Triple der Vereinsgeschichte. Und mit der angemessenen Portion Respekt und Demut. Davon ist der FC Barcelona im August 2020 meilenweit entfernt
Quelle: ZDF

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