"Es wird deutlich, wie wichtig Bewegung ist"

von Ralf Lorenzen
22.02.2021 | 16:56 Uhr
Im Gegensatz zu vielen Profis wissen Amateure und Nachwuchsportler*innen noch nicht, wann sie wieder loslegen können. Drei Sportler*innen erzählen von der Zeit des Stillstands.
Will später in den bezahlten Fußball: Ricardo Felipe Schwarz (re.)Quelle: Werder Bremen

Ricardo Felipe Schwarz, 17 Jahre, Werder Bremen

"Ich spiele seit meinem sechsten Lebensjahr Fußball und bin seit zehn Jahren bei Werder Bremen, aktuell in der U17. Meine Position ist die Zehn. Meine Spielweise ist trickreich und mit viel Übersicht. Bis jetzt komme ich auf drei Juniorenländerspiele.
In den letzten Monaten durften wir gar nicht auf den Platz und konnten nur zu Hause Krafttraining machen und laufen. Es ist manchmal nicht leicht, sich dafür zu motivieren, ohne Ball und Freunde laufen zu gehen. Jetzt ist zumindest einmal am Tag für eine Stunde Individualtraining wieder möglich.
Am meisten vermisse ich es, mit den Freunden gegen die Teams anderer Leistungszentren zu spielen.
Ricardo Felipe Schwarz
Da ich aus Bremen komme, wohne ich zu Hause - aber ich gehe auf die gleiche Schule wie meine Mitspieler aus dem Werder-Internat. Wir haben jetzt Wechselunterricht, einen Tag in der Schule und einen Tag zu Hause. In den Zoom-Meetings ist es ebenfalls manchmal schwer, die Konzentration und Motivation hochzuhalten. Aber so ist die Situation nun mal. Trotzdem glaube ich, dass es schwerer wird, im Fußball die fehlende Zeit auszugleichen als in der Schule.
Mein Ziel ist es, in ein bis drei Jahren in den bezahlten Fußball zu kommen, am liebsten natürlich in der ersten Liga. Da ist es krass, wenn ein halbes Jahr in der Entwicklung wegfällt - so wie bei einer großen Verletzung.
Das betrifft nicht alle Nachwuchsspieler in Deutschland gleich, da in einigen Bundesländern in den Leistungszentren trainiert wird. Manchmal kommen einem da schon Zweifel, aber ich versuche, das Beste aus meiner Situation zu machen und in der Zeit an meinen Schwächen im körperlichen und athletischen Bereich zu arbeiten.
Über Zoom bin ich ständig in Kontakt zu unserem Athletik-Trainer, der uns individuelle Trainingspläne gibt. Einmal in der Woche treffen wir uns auch mit der Mannschaft und den Trainern über Video und sprechen über unsere Situation in der Schule und in der Freizeit.
Wenn der Shutdown mal vorbei ist, werden wir alle gelernt haben, was für ein Privileg es ist, Fußball spielen zu dürfen. Ich sehe mich mit dem Ball beim Dribbeln und ganz viel Freude am Spiel."

Mandy Zimmermann, 27 Jahre, DJK TUSA 06 Düsseldorf 

Vermisst ihre Vereins-Familie: Mandy ZimmermannQuelle: Meret Folten
"Schon als kleines Mädchen habe ich mit den Jungs auf der Straße Fußball gespielt, im Verein bin ich seit meinem elftem Lebensjahr.

Der Sonntag ist unser TUSA-Tag. Der startet mit unserem Spiel in der Niederrheinliga, danach unterstützen wir die Herrenmannschaften und setzen uns anschließend bis in den Abend zusammen. Wenn neue Spielerinnen dazukommen, empfinden sie diese herzliche Atmosphäre in der TUSA-Familie meist als außergewöhnlich.
Bei uns geht es mehr um den Spaß als um den Konkurrenzkampf.
Mandy Zimmermann
Diese Sonntage vermisse ich im Moment am meisten, aber auch die drei Abende in der Woche, an denen ich mich beim Training auspowere und neue Energien zurückbekomme. Als Alternative bieten unsere Trainer am Wochenende ein Einzeltraining im Park an.
Darüber hinaus haben Vereinsmitglieder sonntags die Möglichkeit, sich per Video von unserem Personal-Trainer, Manu Gajus, bei einem Workout anleiten zu lassen. Das nehmen viele gerne wahr, aber das ersetzt das Training in der Gruppe.
Das sind für mich aber trotzdem Luxusprobleme. Problematischer sehe ich die Situation der Kinder und Jugendlichen, die ich in meinem Beruf als Erzieherin in der stationären Kinder- und Jugendhilfe mitbekomme. Für sie fehlt der komplette Ausgleich und der gewohnte Tagesablauf.
Homeschooling mit Erstklässlern ist eine Herausforderung. Kinder müssen lernen zu lernen, sagen Grundschullehrerinnen. Psychologen warnen vor den Folgen.
Wir versuchen zwar, ihnen eine Struktur zu geben und Alternativen zu bieten, aber die Konzentrationsfähigkeit leidet unter den fehlenden Sportmöglichkeiten. Es wird im Moment sehr deutlich, wie wichtig Bewegung ist.
Wenn es demnächst zu Lockerungen kommt, sollten im ersten Schritt die Angebote für Kinder und Jugendliche wieder kontrolliert geöffnet werden. Das ist machbar, wenn man es richtig koordiniert. Die Konzepte dafür gibt es.
Wenn ich mir meinen ersten Trainingstag vorstelle, sehe ich mich zum Sportplatz laufen, wo die Mädels schon im Kreis stehen und voller Vorfreude nur darauf warten, endlich auf den Platz zu können. Es wird eine sehr spaßige und wilde Trainingseinheit werden."

Peter Scheuer, 73, Bremen 1860

Ehrenpräsident von Bremen 1860: Peter ScheuerQuelle: Peter Scheuer
"Ich betreibe bei Bremen 1860, wo ich auch Ehrenpräsident bin, zwei Sportarten: Prellball und Gymnastik.

Mit dem Prellballspielen habe ich nach der Rente angefangen, weil man diesen Sport bis ins hohe Alter betreiben kann. Es bringt einfach Spaß, in der Gruppe um den Ball zu kämpfen und überraschende Ballpassagen hinzubekommen. Wir sind eine sehr gemischte Gruppe aus Frauen und Männern von 50 bis 97. Nach dem Sport sitzen wir immer noch zusammen, tauschen uns aus und trinken ein Bier. Das vermisse ich im Moment genauso wie meine Pilates-Stunde jeden Montag.
Pilates kann ich während des Shutdowns auch online ausüben. Das hat sogar Vorteile: Man muss nicht hin- und herfahren und hat trotzdem das vertraute Gesicht auf dem Bildschirm. Man gewöhnt sich sogar ein bisschen daran. Aber es bleibt natürlich ein Unterschied, ob ich zu Hause auf dem Teppich liege oder in der Halle auf der Matte, wo die anderen Gesichter um mich herum sind und ich einen Klönschnack halten kann. Und wo die Übungsleiterin meine Fehler gleich korrigiert.
Die Profis dürfen spielen, die Amateure nicht einmal trainieren. Der Teil-Lockdown trifft den Handball auf unterschiedliche Weise - aber in beiden Fällen hart.
Unser Verein hat insgesamt ein sehr gutes Online-Angebot für alle Altersklassen. Die Älteren haben teilweise Probleme mit der Technik und leiden am meisten unter der Situation. Da ich 22 Jahre Präsident unseres Vereins war, habe ich natürlich auch die Gesamtentwicklung noch im Blick. Es gibt zwar nicht viel mehr Abgänge als in normalen Zeiten, das große Problem ist aber, dass die Zugänge fehlen.
Wir haben im Moment nicht viel zu bieten, um die Leute in den Verein zu holen.
Peter Scheuer
Und wenn die Hallen und Plätze wieder geöffnet werden, bleibt erst einmal eine Phase der Unsicherheit, wie lange diese Öffnung anhält. Die Vereine brauchen dann auf jeden Fall finanzielle Unterstützung für die Mitgliederwerbung durch die Politik. 
Wenn ich mir den Moment vorstelle, das erste Mal wieder die Sporttasche zu packen, freue ich mich am meisten auf das erste frisch gezapfte Bier in geselliger Sportrunde.

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