: Feinschliff im Frankenland für DFB-Frauen

von Frank Hellmann
21.06.2022 | 09:04 Uhr
In ihrem letzten EM-Trainingslager will die deutsche Frauen-Nationalmannschaft weiter zusammenwachsen. Das Team wirkt ein bisschen wie eine Wundertüte.
Die EM steht vor der Tür. Letzte Vorbereitungen für die DFB-Frauen.Quelle: imago
Um die Wege im sogenannten "Home Ground" am Sitz des DFB-Ausrüsters in Herzogenaurach ein bisschen abzukürzen, stehen der deutschen Frauen-Nationalmannschaft himmelblau lackierte Elektroräder zur Verfügung. Die Strecken auf dem weitläufigen Gelände sind den meisten gut vertraut.
Vergangenen Samstag endete das erste Trainingslager mit dem kompletten Kader in der fränkischen Provinz, am Dienstag startet an selber Stelle das dritte Vorbereitungscamp auf die EM in England (6. bis 31. Juli).

Deutschland nicht mehr Titel-Favorit

Die letzte neuntägige Maßnahme ist zugleich auch die wichtigste, denn noch wirkt das Ensemble ein bisschen wie eine Wundertüte. Deutschland als achtfacher Europameister gehöre "vielleicht nicht mehr zu den Topfavoriten", sagte Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg bereits Ende Mai - und an dieser Einschätzung hat sich wenig geändert.
Es fehlen schlicht Vergleichsmöglichkeiten. Die in der FIFA-Weltrangliste neuerdings nur noch auf Platz fünf geführte DFB-Auswahl bestreitet einen einzigen Test in Erfurt gegen die Schweiz (Freitag, 17 Uhr/live im ZDF). Trainingszeit ist der Cheftrainerin wichtiger als Spielzeit.

28 Nationalspielerinnen

Tor: Ann-Katrin Berger (FC Chelsea, 3 Länderspiele), Merle Frohms (Eintracht Frankfurt, 26), Almuth Schult (VfL Wolfsburg, 64), Martina Tufekovic (TSG Hoffenheim, 0)

Abwehr: Sara Doorsoun (Eintracht Frankfurt, 36/1), Jana Feldkamp (TSG Hoffenheim, 13/0), Giulia Gwinn (Bayern München, 26/3), Marina Hegering (Bayern München, 19/3), Kathrin Hendrich (VfL Wolfsburg, 45/5), Sophia Kleinherne (Eintracht Frankfurt, 16/0), Maximiliane Rall (Bayern München, 8/0), Felicitas Rauch (VfL Wolfsburg, 20/3)

Mittelfeld/Angriff: Nicole Anyomi (Eintracht Frankfurt, 7/0), Jule Brand (TSG Hoffenheim, 15/4), Klara Bühl (Bayern München, 23/9), Sara Däbritz (Paris St. Germain, 85/17), Linda Dallmann (Bayern München, 44/11), Laura Freigang (Eintracht Frankfurt, 13/9), Chantal Hagel (TSG Hoffenheim, 3/0), Svenja Huth (VfL Wolfsburg, 65/13), Lena Lattwein (VfL Wolfsburg, 16/0), Sydney Lohmann (Bayern München, 11/1), Lina Magull (Bayern München, 59/18), Sjoeke Nüsken (Eintracht Frankfurt, 9/2), Lena Oberdorf (VfL Wolfsburg, 26/3), Alexandra Popp (VfL Wolfsburg, 113/53), Lea Schüller (Bayern München, 38/25), Tabea Waßmuth (VfL Wolfsburg, 15/5)

Ausgerechnet die Kapitänin holt sich eine Covid-Infektion

Ein etwas holpriges Länderspieljahr mitsamt Ausrutscher im letzten WM-Qualifikationsspiel in Serbien (2:3) und Ausfälle wie von Dzsenifer Marozsan (Kreuzbandriss) oder Melanie Leupolz (Schwangerschaft) sollen in kollektiver Detailarbeit aufgefangen werden.
Wenn jede Spielerin das abruft, zu was sie in der Lage ist, werden wir weit kommen.
Martina Voss-Tecklenburg.
Die 54-Jährige hat ein Gerüst im Kopf, das aus Merle Frohms im Tor, Kathrin Hendrich und Marina Hegering in der Abwehr über Lena Oberdorf im zentralen Mittelfeld und Alexandra Popp bestehen soll - fünf Spielerinnen, die in der nächsten Saison allesamt beim Doublesieger VfL Wolfsburg unter Vertrag stehen.
Nun hat ausgerechnet Kapitänin Popp auf dem offiziellen Mannschaftsbild gefehlt; die um ihren Formaufbau kämpfende Führungsspielerin fing sich als bislang einzige Akteurin eine Covid-Infektion ein.
Auch wenn ihre EM-Mission auf der Insel wohl nicht gefährdet ist, scheint es fast wie verhext mit der 31-Jährigen, die bislang zwei EM-Teilnahmen 2013 und 2017 verletzungsbedingt verpasste.

DFB-Direktor Oliver Bierhoff erwartet das Halbfinale

Mit dem Titel in Schweden (2013) und dem Viertelfinalaus in den Niederlanden (2017) hat das deutsche Team zuletzt Höhen und Tiefen auf der EM-Bühne erlebt. Nationalmannschaftsdirektor Oliver Bierhoff hat das Halbfinale als Ziel ausgegeben, wohl wissend: "Die Konkurrenz ist größer geworden, die Dominanz wie vor 15 Jahren ist nicht mehr da". Er habe aber "totales Vertrauen" in das junge Team - und in die Bundestrainerin.

Rekordprämie bei Titelgewinn

Die deutschen Fußball-Frauen dürfen sich im Falle eines EM-Triumphes auf eine Rekordprämie freuen. Sollte das Team von Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg bei der Endrunde vom 6. bis 31. Juli in England zum neunten Mal den Titel gewinnen, erhält jede Spielerin aus dem 23-köpfigen Aufgebot 60.000 Euro. Bei der EM 2017 hätte der Verband pro Spielerin 37 500 Euro ausgeschüttet.
Voss-Tecklenburg sagt ja selbst, dass ihr für Diversität beispielhaftes Trainerteam mit Britta Carlson, Thomas Nörenberg und Patrik Grolimund und dem zuletzt auch bei den Männern tätigen Torwarttrainer Michael Fuchs deutlich besser harmonieren würde als noch bei der WM 2019 im Frankreich, als ebenfalls im Viertelfinale Endstadion war. Die verschiedenen Charaktere hätten sich inzwischen viel besser kennengelernt.

Potenzielles EM-Viertelfinale gegen England

Zuerst liegt der Fokus darauf, die tückische Gruppe mit Vize-Europameister Dänemark (6. Juli), Mitfavorit Spanien (12. Juli) und Außenseiter Finnland (16. Juli) zu überstehen. Im Viertelfinale könnte allerdings bereits Gastgeber England warten.
Die "Three Lionesses" testen übrigens am Freitag gegen den amtierenden Europameister Niederlande, dem Ex-Team ihrer Nationaltrainerin Sarina Wiegman, ehe sie beim Eröffnungsspiel gegen Österreich (6. Juli) im ausverkauften Stadion Old Trafford die Euphorie des Heimturniers aufsaugen wollen.