: Bo Svensson - Mainzer Mastermind

von Frank Hellmann
03.05.2021 | 09:03 Uhr
Bo Svensson hat mit einem besonderen Hang zum Pragmatismus den Abstiegskandidaten FSV Mainz 05 wiederbelebt. Im Nachholspiel gegen Hertha BSC winkt fast schon der Klassenerhalt.
Hat den 05ern im Abstiegskampf neues Leben eingehaucht: Bo Svensson.Quelle: AP
Vielleicht ist Bo Svensson schlicht zu lange im Geschäft, so dass er speziell die mediale Überhöhung komplett durchschaut hat. Womöglich ist der Familienvater aus Kopenhagen, sesshaft in Mainz, auch nur zu bodenständig, weshalb er Überzeichnungen der eigenen Person komplett ablehnt.
"Man hat halt auch zwei gute Geschichten, wenn man einen Trainer zuerst in den Himmel lobt und dann, wenn er nicht mehr performt, dann ist das die nächste Story", beschied der Trainer des FSV Mainz 05 kürzlich. Und schmunzelte dabei.

Svensson als Mainzer Symbolfigur

Der ehemalige Verteidiger kann sich als junger Fußballlehrer einen Platz in den Annalen der Nullfünfer sichern, wenn ihm im Nachholspiel gegen Hertha BSC (Montag 18 Uhr) der nächste Coup gelingt. "Wir haben eine gute Ausgangslage, mehr nicht", sagte Svensson im Vorfeld. Der Däne ist die Symbolfigur einer wundersamen Auferstehung.
Die erste Halbserie so schlecht wie Schalke, die zweite besser als Dortmund. Wenn die aus der zweiwöchigen Quarantäne entlassenen Berliner nun daheim bezwungen  werden, ist der Klassenerhalt fast perfekt. Das folgende Restprogramm mit den drei Champions-League-Aspiranten Eintracht Frankfurt, Borussia Dortmund und VfL Wolfsburg ist allerdings happig.

Sogar den FC Bayern bezwungen

Als die neue Vereinsführung mit Vorstand Christian Heidel und Sportdirektor Martin Schmidt, zusammen über den Jahreswechsel installiert, bei Svensson vorsprach, war dieser noch Coach beim Red-Bull-Farmteam FC Liefering. Die Perspektiven beim österreichischen Zweitligisten wären nicht die schlechtesten gewesen, das Brauseimperium bildet für seine Fußball-Marken Trainer und Spieler gleichermaßen gewissenhaft aus.
Für keinen anderen Klub als Mainz 05 hätte er sich aus dem Vertrag kaufen lassen. Vier Monate später ist eine besondere Erfolgsstory entstanden: Kürzlich haben die Mainzer ganz ungeniert dem FC Bayern die vorgezogene Meisterfeier vermasselt.

Eintracht Frankfurt

Von der Champions in die Europa League: Oliver Glasner wechselt vom VfL Wolfsburg zur Eintracht.

Quelle: epa

Der Sieg gegen die Münchner Allesgewinner war das Gesellenstück des 41-Jährigen, der öffentlich meist bescheiden, nie großspurig rüberkommt. Taten auf dem Trainingsplatz sind dem 122-fachen Bundesligaspieler, der zuerst bei Borussia Mönchengladbach aufschlug, dann bereits 2007 zum FSV Mainz 05 ging, wichtiger als Ankündigungen auf Pressekonferenzen.
Mit akribischer Arbeit hat er nicht nur die Elementartugenden wie Kampf und Einsatz geweckt, sondern seinem Ensemble auch Willensstärke und Überzeugung vermittelt. Seitdem ist die Mannschaft geimpft gegen das Virus der Verunsicherung, auch Rückstände machen ihr gar nichts mehr aus. Weil ihr Coach die Mixtur aus Gelassenheit und Pragmatismus vorlebt, sich allein auf die eigene Leistung zu verlassen.

In den Fußstapfen von Klopp und Tuchel

Doch Svensson schaffte es, aus versprengten Egoisten wieder ein verschworenes Kollektiv zu formen, das den alten Mainzer Prinzipien – Pressing, Balljagd – folgt. Und natürlich wächst die Hoffnung, dass Svensson eine Ära begründet wie vor ihm am Bruchweg die Koryphäen Jürgen Klopp und Thomas Tuchel. Mit dem einen (Klopp) hat er noch zusammengespielt, den anderen (Tuchel) hat er als Trainer erlebt: Svensson hat ihre Lehre schon mehr verinnerlicht als erwartet.
"In Mainz steht eine Trainerschule", kommentierte kürzlich die Süddeutsche Zeitung, "deren Top-Absolventen den deutschen und inzwischen sogar den europäischen Fußball prägen". Kontakt zu den beiden Lehrmeistern habe er derzeit übrigens keine, verriet Svensson, beide müssen sich auch nicht melden, "die haben genug zu tun".
Tritt er einmal in deren Fußstapfen? Svensson mag solche Spekulationen nicht. Er selbst hat zum einen keine Ausstiegsklausel in seinem bis 2024 datierten Vertrag, zum anderen verschwendet er gerade gar keine Gedanken an höhere Berufungen: Seine Mainzer Mission hat schließlich erst angefangen.

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