: Emotional aufgeladen wie nie

von Ullrich Kroemer, Leipzig
11.09.2021 | 06:16 Uhr
Am Samstag empfängt RB Leipzig den FC Bayern München. Es geht vor allem um die Frage: Hat der Rekordmeister die Filetstücke aus dem Kader des ärgsten Konkurrenten herausgelöst? 
Zwei von insgesamt sieben "Überläufern" von RB zum FC Bayern: Julian Nagelsmann (l) und Dayot UpamecanoQuelle: imago
Wenn RB Leipzig und Bayern München bisher aufeinandertrafen, waren das oft entscheidende Duelle um die (Herbst-)Meisterschaft; es ging stets um die Frage, ob der Emporkömmling aus Leipzig schon reif genug ist, dem großen Granden Bayern Paroli zu bieten. Das ist in diesem Jahr nicht nur wegen der Spielansetzung früh im Saisonkalender anders.

Beherrschendes Thema sind die "Überläufer"

Das beherrschende Thema vor dem 13. Aufeinandertreffen der ungleichen Rivalen ist die Rückkehr des neuen Bayern-Trainers Julian Nagelsmann samt sechs weiteren Protagonisten, die in diesem Sommer die Seiten gewechselt hatten.
Da sich die Bayern so massiv bei RB bedient haben wie wohl noch nie bei einem Bundesliga-Konkurrenten in einer Transferphase ist das Match so emotional aufgeladen wie noch nie.

Leipzigs Fans sind sauer auf Ex-Trainer Nagelsmann

Neben Trainergenie Nagelsmann wechselten auch Abwehrchef Dayot Upamecano und Kapitän Marcel Sabitzer sowie gleich vier (!) Trainerassistenten von der Pleiße an die Isar. Das Septett passt so gerade noch in einen T6-Bulli, den Nagelsmann ausdrücklich nicht hatte mieten wollen, um bei seinem Abgang weitere Leipziger mitzunehmen.
"Jetzt, wo mir RB die Chance ermöglicht, fange ich nicht an, an Spielern rumzugraben", hatte der 34-Jährige versprochen. Dass in seinem Sog nun dennoch eine Kleinbusbesatzung zum Rekordmeister ging, nehmen ihm die Leipziger Fans ebenso übel wie die verkorkste Schlussphase der Vorsaison.
Beim Bundesliga-Topspiel wird es am Samstag brisant. Denn beim Duell des Vizemeisters gegen den Rekordmeister kehren auf Seiten des FC Bayern gleich drei Ex-Leipziger zurück.
Seit Tagen wird an den realen und virtuellen Leipziger Stammtischen darüber diskutiert, ob und wie heftig Nagelsmann bei seiner Rückkehr ausgepfiffen werden soll. Prognose: Es wird laut.

Oliver Kahn: "Wir schwächen nicht gezielt jemanden"

Und auch auf Managementebene wird gestichelt. Leipzigs Klubboss Oliver Mintzlaff platzierte via "Sport-Bild" geschickt die Nachricht, dass die Münchner zusätzlich auch an Leipzigs Aggressiv-Spieler Konrad Laimer gebaggert hätten, ohne vorher mit RB Kontakt aufzunehmen.
Da wirkt es schon paradox, wenn Bayern-Vorstand Oliver Kahn am Rande von Sabitzers Vorstellung beteuerte: "Wir schwächen nicht gezielt jemanden." Subtext: höchstens ungezielt, aus Versehen.

Kampl begeistert von Leipzigs Kader

Ob der RB-Kader nun geschwächt ist, darüber herrschen unterschiedliche Meinungen bei den Leipzigern. Leader Willi Orban sagte dem "kicker": "Klar, das macht es für uns als Verein und Mannschaft nicht einfacher, wenn du Jahr für Jahr wieder einen Umbruch hast und viele gute Spieler verlierst."
Routinier Kevin Kampl entgegnete: "Dass uns jemand leerkauft, finde ich Blödsinn. Wir haben wieder viele junge gute Spieler mit großer Leidenschaft, die in den nächsten Jahren ganz groß werden können."
Wir haben einen brutalen Kader. Wahrscheinlich den besten, seit ich hier bin.
Kevin Kampl, RB Leipzig

RB Leipzig ist Bundesligaspitze bei Transfers

Was das Transfervolumen angeht, ist Rasenballsport bereits Meister. Noch nie nahm der Red-Bull-Klub so viel ein wie in dieser Transferphase (137 Millionen Euro), investierte aber auch noch nie so eifrig (107,6 Millionen) in Spieler wie Stürmer André Silva oder Talent Ilaix Moriba vom FC Barcelona.
In der Bundesliga konnte kein Klub auch nur annähernd so viel investieren, weltweit belegt RB bei den Ausgaben in diesem Sommer Rang vier.
Wir greifen die Bayern nicht an. Wir haben ihnen höchsten ein bisschen in die Tasche gegriffen.
Oliver Mintzlaff, Klubchef RB Leipzig
Heißt: Meister wird RB angesichts des Umbruchs höchstwahrscheinlich auch in dieser Saison nicht, hat dem Ligakrösus aber immerhin über 80 Millionen Euro abgeknöpft.
Jesse Marsch glaubt an Entwicklung und er entwickelt sich auch selbst. Bei RB Leipzig steht der 47-jährige Amerikaner vor seiner bislang größten Herausforderung als Chefcoach.

Viele Fehltritte darf sich Marsch nicht leisten

Die RB-Manager blieben ihrer Linie treu und formen nun die nächsten Stars, um sie in zwei, drei Jahren für ein Vielfaches verkaufen zu können. Leipzigs Strategie, um die Umsätze peu á peu weiter zu steigern.
Weitere Fehltritte wie in den beiden ersten Auswärtsspielen in Mainz und Wolfsburg (je 0:1) sind dabei freilich nicht vorgesehen. Andernfalls würde es schnell ungemütlich für den Nagelsmann-Nachfolger Jesse Marsch.