: DFB-Elf setzt Ausrufezeichen zur rechten Zeit

von Frank Hellmann
15.06.2022 | 11:00 Uhr
Das Torfestival gegen den indisponierten Europameister Italien kommt für die deutsche Nationalmannschaft mit Blick auf die WM in Katar wie gerufen.
Hansi Flicks Mahnungen haben gegen Italien gefruchtet.Quelle: epa
Es kommt nicht so häufig vor in der Gladbacher Fohlenwelt, dass die Menschen in lautes Gekreische verfallen, allein weil aus der Dunkelheit plötzlich ein Ersatztorwart auftaucht. Aber selbst der wieder nicht eingesetzte Kevin Trapp wurde nach dem 5:2-Torfestival der deutschen Nationalmannschaft gegen Italien beim Einsteigen in den Bus wie ein Popstar gefeiert. Bevor sie im Verkehrschaos rund um den Mönchengladbacher Nordpark im Stau stehen, dachten offenbar viele Fans, erstellten sie lieber ein persönliches Erinnerungsfoto von diesem rauschhaften Fußball-Abend.

Im vierten Anlauf der erste Erfolg in der laufenden Nations League: Mit dem 5:2 gegen Italien feiert Deutschland zudem den ersten Pflichtspielsieg gegen die Südeuropäer.

14.06.2022 | 08:24 min
Die Gala gegen eine am Ende völlig zerzauste Squadra Azzurra hatte durchaus historischen Wert. Die Deutschen, sagte Italiens Nationaltrainer Roberto Mancini kleinlaut im Tiefgeschoss des pulsierenden Borussia-Parks, hätten eine "enorme Qualität". Der nicht für die WM qualifizierte Europameister hat sich verzwergt, während der vierfache Weltmeister Deutschland auf dem Weg zurück zu alter Stärke scheint.

Flick braucht nur noch Feinjustierungen

Die deutsche Elf setzte mit Blick auf die WM in Katar (21. November - 18. Dezember) ein strahlendes Ausrufezeichen. In dieser Form sollte die Vorrundengruppe mit Japan (23. November), Spanien (27. November) und neuerdings Costa-Rica (1. Dezember) allemal machbar sein. Bis dahin will Bundestrainer Hansi Flick in den Nations-League-Partien gegen die überraschend die Tabelle anführenden Ungarn (23. September) und in England (27. September) an der "einen oder anderen Stellschraube" drehen.
Nach aktuellem Stand geht es aber lediglich noch um Feinjustierungen. Joshua Kimmich (10.), Ilkay Gündogan (45.+4/Foulelfmeter), Thomas Müller (51.) und sogar Timo Werner (68. und 69.) sorgten dafür, dass so mancher der 44.144 Stadionbesucher die Tor-Jingle vom Dancefloor-Stampfer "Kernkraft 400" am liebsten die ganze Nacht gehört hätten. Die Ergebniskosmetik durch die Treffer von Wilfried Gnonto (78.) und Alessandro Bastoni (90.+4) störte am Ende ebenso wenig wie drei nur mühsam vom Sicherheitspersonal wieder eingefangene Flitzer.

Lob von Gündogan

"Wenn wir es so machen, dann werden es ganz, ganz viele Mannschaften schwer gegen uns haben", sagte der überragende Taktgeber Ilkay Gündogan im ZDF. Genau wie hinter ihm der starke Manuel Neuer und der umsichtige Antonio Rüdiger, neben ihm der fleißige Kimmich und vor ihm der listige Müller holte sich der Meistermacher von Manchester City ein Sonderlob von Bundestrainer Hansi Flick ab, weil die zentrale Achse funktionierte. Da wusste ein jeder, was der andere tut, und die Balance des gesamten Gefüges stimmte bis auf die Schlussphase.
Der erste Pflichtspielsieg gegen Italien im elften Anlauf - wenn die neuerfundene Nations League in diese Kategorie fällt - stimmte Flick zufrieden wie zuversichtlich für die Zukunft. Den "kleinen Stresstest" habe man bestanden. Sogar teilweise brillant und bravourös. Gleichzeitig ist diese Leistung auch der Anspruch, wenn man in der Wüste Weltmeister werden will. Dieser Sieg gebe letztlich nicht nur "ein gutes Gefühl" für die Sommerpause, sagte der 57-Jährige, man gehe sogar mit "einem Supergefühl in den Urlaub".

Nur Müller mahnt

Beim allgemeinen Überschwang drückte allerdings Sprachrohr Thomas Müller ein bisschen auf die Bremse, als er im ZDF-Interview sagte: "Wir haben ein gutes Projekt am Laufen, aber noch allerhand Defizite." Einerseits "haben wir alles, um an einem guten Tag jeden schlagen zu können", erklärte der 32-Jährige, andererseits schickte er aus seinen wechselvollen WM-Erfahrungen - Dritter 2010, Weltmeister 2014, Vorrundenaus 2018 - hinterher, dass "wir bei den fußballschlauen Dingen was draufpacken". Zunächst einmal freue aber auch er sich über den verdienten Urlaub.

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