: Rückendeckung für den Grenzgänger

von Frank Hellmann
05.09.2021 | 06:12 Uhr
Für Leroy Sané könnten die Länderspiele eine Art Wiederaufbauprogramm werden. Bundestrainer Hansi Flick jedenfalls steht hinter dem polarisierenden Bayern-Star.
Leroy Sané beim 2:0-Erfolg gegen Liechtenstein in Aktion.Quelle: epa
Natürlich war Leory Sané mittendrin, als die deutsche Nationalmannschaft nach dem 2:0-Pflichtsieg gegen Liechtenstein in St. Gallen noch eine kleine Ehrenrunde drehte. Von den Rängen regnete es an diesem milden Sommerabend warmen Applaus, denn so oft bekommt man auf Schweizer Seite der Bodensee-Region die Stars nicht zu Gesicht. Speziell Sané schien den Moment zu genießen, nachdem ihn die eigenen Fans in München kürzlich mit Pfiffen eingedeckt hatten, dem eine Grundsatzdebatte um seine Körpersprache folgte.

Auf engem Raum findet er Lösungen

Für den 25-Jährigen könnten die WM-Qualifikationsspiele wie jetzt gegen den Tabellenführer Armenien in Stuttgart (Sonntag 20:45 Uhr) genau richtig kommen, um die Vorbehalte zu bekämpfen. Bundestrainer Hansi Flick berichtete am Samstag davon, dass er der Mannschaft in der Vorbereitung exemplarisch eine Sané-Szene gezeigt habe, wie dieser gegen den Fußball-Zwerg in der zweiten Halbzeit sich nach einem Abspielfehler den Ball wiedererkämpfte.
Wir haben offen gesprochen. Wir hatten keine Probleme und werden keine Probleme haben.
Hansi Flick über sein Verhältnis zu Leroy Sané
Und dann war da ja auch noch sein Tor zum 2:0. Feine Ballannahme, schneller Haken, trockener Schuss: fertig war sein achtes Länderspieltor im 35. Einsatz. "Wenn der Raum eng, kann er sich diesen Freiraum schaffen, dazu hat er einen guten Abschluss. Damit ist alles gesagt", versicherte Flick, der gleich mal mit dem Gerücht aufräumte, er habe aus seiner Bayern-Zeit mit dem unbeständigen Freigeist so seine Schwierigkeiten gehabt. "Es heißt immer, Leroy und ich hätten in München Probleme gehabt: Das ist Unsinn!".

Ansätze der Besserung zu erkennen

Die Solidarität kann Sané gut gebrauchen, nachdem wechselhafte Leistungen bereits die erste Saison im Bayern-Trikot nach seinem verspäteten Wechsel für 45 Millionen Euro Ablöse von Manchester City begleitet hatten. Ausgerechnet beim ersten Bayern-Heimspiel vor Zuschauern gegen den 1. FC Köln entlud sich der Unmut, zuletzt gegen Hertha BSC saß der Hochbegabte nur auf der Bank. Der "Kicker" widmete ihm die erste Seite und die Titelstory: "Das Rätsel Sané", wie das Fachmagazin schrieb, ist zwar jetzt nicht gelöst, aber Ansätze der Besserung liefert er dieser Tage sehr wohl. Wird aus dem Zauderer wieder ein Zauberer?
Der Grat ist schmal. Grenzgänger Sané hatte auch in malerischer Umgebung von St. Gallen eher ein unfertiges Gemälde abgeliefert, weil er gerade anfangs zu viele leichte Ballverluste einstreute. Doch Flick ist etwas anderes wichtiger: dass seine Offensivwaffe die Defensivarbeit mit voller Hingabe erledigt. "Leroy hat einige Ballgewinne gehabt. Und vorne ist er ins Eins gegen Eins gegangen und hat gut abgeschlossen. Er hat gezeigt, dass er auf einem wirklich guten Weg ist."

Musiala auch beim DFB als Konkurrent

Den fußballerischen Pfad der Tugend sollte der in Essen geborene und die längste Zeit auf Schalke ausgebildete Sohn des ehemaligen Bundesligaspielers Souleymane Sané aber so schnell nicht verlassen, denn die Konkurrenz ist inzwischen in der Nationalelf dieselbe wie im Verein: Mit Vehemenz bekommt der von Joachim Löw noch sehr zögerlich eingesetzte - und im vergeigten EM-Achtelfinale gegen England fast schon fahrlässig spät eingewechselte - Jamal Musiala mehr Verantwortung übertragen.
Der 18-Jährige verblüfft mit fast unfassbarer Leichtigkeit. Flick gefiel es überaus, wie unbekümmert sich das Toptalent bei seinem Startelfdebüt präsentierte, auch wenn der Bewegungskünstler Musiala gegen Armenien wohl für Serge Gnabry weichen muss. "Dass Jamal eine Qualität hat, das hat er bei Bayern München im letzten Jahr oder auch in den letzten Wochen eindrucksvoll bewiesen. Von daher ist Jamal immer eine Option", sagte Flick. Wer wollte, konnte daraus auch eine Warnung an Sané heraushören, jetzt bloß nicht nachzulassen.

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