: Löw zieht die Reißleine

von Frank Hellmann
19.03.2021 | 17:06 Uhr
Der Bundestrainer setzt bei seinem Kader für die ersten WM-Qualifikationsspiele gegen Island, Rumänien und Nordmazedonien deutliche Signale. Einige Stammkräfte fehlen.
Joachim LöwQuelle: dpa
Es ist gar nicht so lange her, da gehörte Julian Brandt zu den größten Hoffnungsträgern des deutschen Fußballs. Nachdem die Nationalmannschaft die WM 2018 in Russland grandios in den Sand setzte, sollte der Edeltechniker den Neuanfang markieren. Bundestrainer Joachim Löw gab Brandt sogar die Nummer zehn, hat erst vor wenigen Monaten noch von den Anlagen des gebürtigen Bremers geschwärmt.

Doch die Elogen von früher zählen auf der letzten Mission des im Sommer scheidenden Bundestrainers nichts mehr: Brandt (24 Jahre/35 Länderspiele) ist der prominenteste Name, der im 26-köpfigen Aufgebot für die WM-Qualifikationsspiele gegen Island (25. März) in Duisburg, gegen Rumänien (28. März) in Bukarest und gegen Nordmazedonien in Duisburg (31. März) fehlt. Zu unstet ruft der Offensivallrounder von Borussia Dortmund sein Potenzial ab.
Bundestrainer Joachim Löw hat seinen Kader für die WM-Qualifikationsspiele im März nominiert. Nils Kaben mit einer Einschätzung.

Fehlende Beständigkeit könnte Ausschlag geben

Zu selten ist Brand auch im Verein Leistungsträger. Und weil dasselbe auch für die bei Paris St. Germain spielenden Julian Draxler (27/56) und Thilo Kehrer (24/9) gilt, tauchen diese beiden Profis vom Bayern-Gegner im Champions-League-Viertelfinale ebenfalls nicht mehr im Aufgebot auf. Dazu wird es wegen seiner ständigen Verletzungen häufig pausierende Marco Reus (31/44) bei der DFB-Auswahl schwer haben. Es wäre nach der Nominierungsrunde vom Freitag wenig verwunderlich, wenn die EM-Tür für Brandt, Draxler, Kehrer und Reus bald zufällt. Löw hat auf jeden Fall konsequent gehandelt.

Er konnte Härte zeigen, weil entgegen der ersten Befürchtungen das in England beschäftigte Quintett mit lkay Gündogan (Manchester City), Antonio Rüdiger, Kai Havertz und Timo Werner (alle FC Chelsea) sowie Bernd Leno (Arsenal) anreisen darf. Das Gesundheitsamt Duisburg hat die Ausnahmegenehmigung - für Einreisende aus Großbritannien zur Berufsausübung - an Bedingungen geknüpft.

Younes kehrt zurück

Die Kleingruppe wird nicht nur ständig getestet, sondern muss einer so genannten "Arbeitsquarantäne" unterzogen werden. Diese Spieler dürfen außerhalb des eigentlichen Spiels, der Trainingseinheiten und der Mannschaftsbesprechungen keinerlei Kontakte haben - und müssen also auch beim Essen isoliert werden. Aber immer noch besser, als auf die fünf Akteure gar nicht zurückgreifen zu können. (DFB-Pressemitteilung zur Entscheidung des Gesundheitamtes im Wortlaut)

Während über das Comeback von Mats Hummels oder Thomas Müller erst im Mai entschieden wird, kehrt nun bereits Amin Younes zurück, der seine fünf Länderspiele unter Löw rund um den Confed Cup 2017 bestritten hatte. Der 27 Jahre alte Trickser von Eintracht Frankfurt beeindruckte kürzlich den Augenzeugen Löw bei seiner Gala gegen den FC Bayern. Generell erwartet der Bundestrainer bei einem "enorm straffen Programm mit drei Spielen binnen sieben Tagen" drei Siege, denn die Prämisse auf seiner Abschiedstour lautet: "Wir wollen mit einem Ausrufezeichen in das EM-Jahr starten."

Geduld bei Wirtz und Musiala

Das DFB Aufgebot für die WM-Qualifikation

Tor: Bernd Leno (FC Arsenal), Manuel Neuer (Bayern München), Marc-Andre ter Stegen (FC Barcelona), Kevin Trapp (Eintracht Frankfurt)

Abwehr: Emre Can (Borussia Dortmund), Matthias Ginter (Borussia Mönchengladbach), Robin Gosens (Atalanta Bergamo), Marcel Halstenberg, Lukas Klostermann (beide RB Leipzig), Philipp Max (PSV Eindhoven), Antonio Rüdiger (FC Chelsea), Niklas Süle (Bayern München), Jonathan Tah (Bayer Leverkusen)

Mittelfeld/Angriff: Serge Gnabry, Leon Goretzka (beide Bayern München), Ilkay Gündogan (Manchester City), Kai Havertz (FC Chelsea), Jonas Hofmann (Borussia Mönchengladbach), Joshua Kimmich (Bayern München), Toni Kroos (Real Madrid), Jamal Musiala (Bayern München), Florian Neuhaus (Borussia Mönchengladbach), Leroy Sane (Bayern München), Timo Werner (FC Chelsea), Florian Wirtz (Bayer Leverkusen), Amin Younes (Eintracht Frankfurt)

Seine zuletzt von einem 0:6-Debakel in der Nations League gegen Spanien zerzauste Mannschaft soll jetzt bereits den Grundstein für die umstrittene WM 2022 in Katar legen. Nur die zehn Gruppenersten lösen direkt die Fahrkarten. Und das letzte, was der Verband benötigt, wäre eine Hängepartie WM-Qualifikation. Löw wird daher kaum Kompromisse schmieden und die Experimente begrenzen. Bewusst sind vom 61-Jährigen die Jungstars Florian Wirtz (17 Jahre) und Jamal Musiala (18) nominiert worden.

Obwohl der Leverkusener Wirtz in der Rückrunde wohl auch bedingt durch eine Corona-Erkrankung im Formtief steckt, geht es um die Wertschätzung seiner Entwicklung. Der Münchner Musiala ist im Gegensatz zu Wirtz noch weit weg von einem Stammplatz, aber das bereits in der englischen U21-Nationalmannschaft eingesetzte Top-Talent soll nach dessen Entscheidung für den DFB nun schnellstmöglich in der A-Nationalmannschaft festgespielt werden - dafür würde ein Kurzeinsatz in der WM-Qualifikation reichen. Löw versicherte, die beiden Teenager "Schritt für Schritt ans höchste Level heranzuführen". Beide hätten riesiges Potenzial, aber im Moment gelte es, nichts zu überstürzen.
Quelle: ZDF

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