: DFB-Elf - Nachwuchs dringend gesucht

von Frank Hellmann
22.03.2021 | 17:22 Uhr
Mit Jamal Musiala und Florian Wirtz stehen zwei Teenager im Kader der deutschen Nationalmannschaft für die WM-Qualifikationsspiele. Ansonsten sieht es bei den Talenten trübe aus.
Jamal Musiala (Bayern München), der auch die englische Staatsbürgerschaft hat, wäre bei einem Einsatz am Donnerstag im Spiel gegen Island für die DFB-Elf festgespielt.Quelle: Reuters/Alberto Lingria
Es sind warme Worte, mit denen Jamal Musiala und Florian Wirtz erstmals im Kreise der deutschen Nationalmannschaft begrüßt wurden. "Wir sind gespannt, die beiden noch besser kennenzulernen. Sie haben sich die Nominierung mit zuletzt guten Leistungen verdient“, hat Bundestrainer Joachim Löw nach der Berufung mitgeteilt.
Die DFB-Elf hat sich zu den WM-Quali-Spielen getroffen. Bestimmende Frage bleibt: Wer wird im Sommer Nachfolger von Joachim Löw? Hoch im Kurs ist Stefan Kuntz.

Musiala und Wirtz mit Durchhänger

Richtig gut lief es indes zuletzt weder für den 18-jährigen Musiala noch für den ein Jahr jüngeren Wirtz: Der eine kam beim Heimsieg des FC Bayern gegen den VfB Stuttgart erst in der 83. Minute ins Spiel, der andere bestätigte bei der Auswärtspleite von Bayer Leverkusen bei Hertha BSC sein anhaltendes Formtief.
Löw ist daher gut beraten, wenn er mit Blickrichtung auf den Auftakt-Dreierpack in der WM-Qualifikation gegen Island (25. März), in Rumänien (28. März) und gegen Nordmazedonien (31. März) bei beiden Teenagern ankündigt, "nichts überstürzen" zu wollen.
"Sollte Joachim Löw angespannt gewesen sein, dann hat er das gut verborgen", sagt ZDF-Reporter Nils Kaben über das erste Zusammentreffen der Nationalelf nach dem Spanien-Desaster.
Die Nominierung erfolgte ja vor allem deshalb, damit der in der englischen U21-Nationalmannschaft eingesetzte Musiala sich fürs deutsche A-Team (mit einem weiteren Kurzeinsatz?) festspielt - und Wirtz sein Langzeitziel im Auge behält.

Eklatanter Leistungsabfall

Top-Talente sind ansonsten rar gesät. Die Nationalmannschaften von der U21 an abwärts leiden unter einem eklatanten Leistungsabfall. Von "alarmierenden Zeichen" ist innerhalb der von Oliver Bierhoff geleiteten DFB-Direktion Nationalmannschaften und Akademie die Rede. Wortlaut bei der Bestandsaufnahme: "Im Nachwuchsbereich sehen wir ein Gewitter kommen."
Rund drei Viertel der in der Bundesliga eingesetzten U23-Spieler sind Ausländer, die Einsatzzeiten deutscher U21-Akteure auf einem fast schon historischen Tiefstand. Der fehlende Nachschub färbt demnächst unweigerlich auf das Aushängeschild A-Nationalmannschaft ab.
Spätestens ab 2026 würde Erfolglosigkeit drohen, "wenn wir keine essenziellen Schritte einleiten", warnte gerade Joti Chatzialexiou, der Sportliche Leiter Nationalmannschaften.

Vorbilder: Spanien und Portugal

Zahlreiche Stellschrauben vom Kinderfußball über die Trainerausbildung bis hin zur Rundumbetreuung der Stars von morgen sind von Verbandsseite ausgemacht, um gegenzusteuern.
Überdies haben Inspektionsreisen in portugiesische und spanische Leitungszentren, wo kreative Spieler deutlich besser gefördert werden, schon Anregungen vermittelt, verriet Chatzialexiou.

Bundesliga: Qualität hat Priorität A

An die Bundesliga-Trainer ergeht von DFB-Seite kein Vorwurf: Die würden schließlich nicht nach Nationalität, sondern nach Qualität aufstellen, erläuterte Bierhoff - und da geht dem deutschen Nachwuchs im Quervergleich mit Franzosen, Spaniern oder Engländern gerade einiges ab.
In den Nachwuchsleistungszentren der deutschen Lizenzvereine gebe es "Luft nach oben", räumte bei einem Medientalk der Sportdirektor des VfL Wolfsburg, Marcel Schäfer, ein. Kollege Markus Krösche von RB Leipzig ergänzte: "Es ist nicht mehr die Talentfülle dar. Der Blick auf Wesentliche ist verlorengegangen: die Entwicklung der Spieler."

RB Leipzig setzt auf junge Franzosen

Der Bundesliga-Zweite speist den Zufluss für den ambitionierten Profikader bevorzugt aus Frankreich, Spanien oder den Niederlanden, deren 19- oder 20-Jährige nicht nur individuell besser ausgebildet seien, sondern in jungen Jahren auch schon die Erfahrung aus "80, 90 Erstliga-Spielen" eingesammelt hätten, erklärte Krösche.
RB möchte natürlich auch die Durchlässigkeit für den eigenen Unterbau erhöhen. Der erste Schritt: Leipziger U19-Spieler sollen häufiger mit den Profis trainieren - von spielen ist erstmal nicht die Rede.

Das DFB Aufgebot für die WM-Qualifikation

Tor: Bernd Leno (FC Arsenal), Manuel Neuer (Bayern München), Marc-Andre ter Stegen (FC Barcelona), Kevin Trapp (Eintracht Frankfurt)

Abwehr: Emre Can (Borussia Dortmund), Matthias Ginter (Borussia Mönchengladbach), Robin Gosens (Atalanta Bergamo), Marcel Halstenberg, Lukas Klostermann (beide RB Leipzig), Philipp Max (PSV Eindhoven), Antonio Rüdiger (FC Chelsea), Niklas Süle (Bayern München), Jonathan Tah (Bayer Leverkusen)

Mittelfeld/Angriff: Serge Gnabry, Leon Goretzka (beide Bayern München), Ilkay Gündogan (Manchester City), Kai Havertz (FC Chelsea), Jonas Hofmann (Borussia Mönchengladbach), Joshua Kimmich (Bayern München), Toni Kroos (Real Madrid), Jamal Musiala (Bayern München), Florian Neuhaus (Borussia Mönchengladbach), Leroy Sane (Bayern München), Timo Werner (FC Chelsea), Florian Wirtz (Bayer Leverkusen), Amin Younes (Eintracht Frankfurt)

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