: Gegen Schweden und die Ohnmacht

von Erik Eggers
23.01.2022 | 10:03 Uhr
Auch in der dritten EM-Hauptrundenpartie gegen Vize-Weltmeister Schweden sind die Corona-geplagten deutschen Handballer krasser Außenseiter.
DHB-Cheftrainer Alfred Gislason im Gespräch mit Mannschaftsarzt Philip Lübke (l.). Die Coronasituation in seiner Mannschaft treibt Gislason die Sorgenfalten auf die Stirn.Quelle: DPA
Es gibt nicht viele Dinge, die Alfred Gislason aus der Ruhe bringen können. Der 62-jährige Trainer der deutschen Handballer schien, bevor er diese 15. EM erlebte, in mehr als 40 Jahren im Profigeschäft schließlich schon alles erlebt zu haben. Doch dann musste der Isländer hilflos mitansehen, wie bei diesem Turnier die Omikron-Variante sein Team aufstellte.

Gislason: "Haben nie vom Halbfinale geredet"

Am Samstag hatte seine Auswahl mit Christoph Steinert und Sebastian Firnhaber die nächsten beiden Fälle zu beklagen. Schon mit der klaren Niederlage im zweiten Hauptrundenspiel am Freitag gegen Norwegen (23:29) war allerdings klar, dass es für das DHB-Team (2:4-Punkte) in Bratislava um sportliche Ziele eigentlich nicht mehr geht.

Handball-Nationalspieler Philipp Weber im Sportstudio-Gespräch zum Corona-Chaos und den Zusammenhalt in der deutschen Mannschaft bei der Handball-EM.

22.01.2022 | 03:22 min
Entsprechend genervt war Gislason, als er nach dieser Partie nach den noch theoretischen Halbfinal-Chancen gefragt wurde. "Wir haben schon vor dem Turnier nie vom Halbfinale geredet", beschied er barsch. Und das gelte nun, da die Lotterie der positiven Corona-Fälle sein Team besonders betroffen habe, erst recht.

"Komisches Gefühl" statt Team-Spirit

Jedenfalls wird der Trainer auch vor dem dritten Hauptrundenspiel gegen Schweden (heute 18 Uhr, live in der ARD) wieder bang auf die Ergebnisse der aktuellen PCR-Testreihe warten. Wie ausweglos die Situation für die deutschen Handballprofis ist, davon berichtete Rune Dahmke, der aufgrund von Coronafällen nachgereist war, am Samstagabend in einem NDR-Interview.
Ich habe die Jungs noch gar nicht gesehen, außer zu den Spielen.
Rune Damke
Jeder verbringe die gesamte Zeit auf seinem Hotelzimmer, sagte der Kieler Linksaußen. Das sei schon ein "sehr komisches Gefühl, gerade als Mannschaftssportler. Da lebt man ja gerade in einem solchen Turnier davon, dass man den Spirit irgendwie hochhält."

Die erste große Überraschung in der Hauptrunde der Handball-EM ist perfekt: Island erteilte Olympiasieger Frankreich beim 29:21 (17:10) eine kräftige Abfuhr.

22.01.2022 | 04:58 min
Speziell im Rückraum stünden nun Formationen, die so noch nie aufgelaufen wären, so Dahmke. "Da sieht man in manchen Momenten, dass es da an der Abstimmung fehlt, dass man in Kommunikation und Eingespieltheit einfach nicht da ist, wo andere Mannschaften seit Jahren sind."

Long Covid im Hinterkopf

Ohnmächtig musste Bundestrainer Gislason zusehen, wie dieser zusammengewürfelte Rückraum gegen die Abwehrmauern der Spanier und Norweger zerschellte. Eine Rückkehr etablierter Kräfte wie Kai Häfner oder Julius Kühn würde der Isländer daher "wie Weihnachten" empfinden. Doch selbst, wenn einige Profis infolge negativer Coronatests gegen den Vize-Weltmeister wieder einsatzberechtigt wären (wonach es Samstagabend nicht aussah), ist ein Comeback auf der Platte nicht selbstverständlich.
Schließlich gibt es auch im Handball bereits Beispiele, in denen Profis nach Corona-Infektionen unter Herzmuskelentzündungen litten und Monate brauchten, bevor sie wieder in die Belastung gehen konnten. Dieses Long-Covid-Schicksal erlebte etwa Daniel Schmidt, der Abwehrchef des Zweitligisten Dessau-Roßlauer HV. Es ist also Vorsicht geboten.

Coronafälle auch beim Gegner Schweden

Die Delegationsleitung hat diese Verantwortung betont. Man sei sich "bewusst, dass die Spieler die letzten fünf bis acht Tage keinen Sport gemacht haben", sagte DHB-Sportvorstand Axel Kromer. Selbst wenn der Halblinke Kühn freigetestet sei, werde er "die Schweden nicht im Alleingang besiegen können".
Auch der heutige Gegner hat indes unter Corona-Fällen zu leiden. Neben dem Kieler Rechtsaußen Niclas Ekberg muss Trainer Glenn Solberg auch auf Max Darj (Bergischer HC) verzichten, den eigentlich unverzichtbaren Abwehrchef und Kreisläufer. Und auch die Skandinavier werden bangen, wen Omikron vor der heutigen Partie verschont.

Vor dem 3. Hauptrundenspiel gegen Vize-Weltmeister Schweden muss das deutsche Team mit Sebastian Firnhaber und Christoph Steinert zwei weitere positive Corona-Fälle verkraften.

22.01.2022 | 02:16 min

Ein Sieg ermöglicht neue Perspektiven

Es sind bizarre Zeiten. Sollte aber tatsächlich das Unvorstellbare geschehen und ein deutscher Sieg gegen den routinierten Vize-Weltmeister um Regisseur Jim Gottfridsson herausspringen, dann würde wohl auch Gislason den Taschenrechner herausholen, um die Chancen für das Halbfinale auszuloten.

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