: Drahtseilakt in Bratislava

von Erik Eggers
20.01.2022 | 09:16 Uhr
Weitere Coronafälle, das erste EM-Hauptrundenspiel gegen Spanien in Gefahr: Die Lage bei den deutschen Handballern in Bratislava ist äußerst heikel.
Corona erschwert die Situation für Bundestrainer Alfred Gislason.Quelle: dpa
Am Ende eines langen Tages, der geprägt war von neuen Corona-Fällen und Gesprächen und Meetings, versuchte der Deutsche Handballbund (DHB) Klarheit zu schaffen. Man werde das deutsche Team nicht von der EM zurückziehen, sagte DHB-Vorstandschef Mark Schober am Mittwoch in einer um 22.30 Uhr anberaumten Pressekonferenz.

Weitere Fälle im Team sind zu befürchten

Wie komplex und verfahren die Lage in Bratislava für die Offiziellen ist, zeigt die Begründung. Neben gesundheitlichen Aspekten hätten "auch sportliche, rechtliche und wirtschaftliche Abwägungen eine Rolle gespielt", erklärte Schober. Gleichwohl wisse er, wie dynamisch die Situation sei: "Es kann sein, dass wir am morgigen Tag eine andere Entscheidung treffen müssen."
Tatsächlich steht zu befürchten, dass nach den PCR-Tests von Mittwochabend noch mehr Profis positiv auf Corona getestet werden. Stand Donnerstagsfrüh befanden sich bereits elf der 17 Spieler, die vor dem Turnierstart in die Slowakei gereist waren, in Quarantäne. Übrig geblieben waren bis dahin nur Kapitän Johannes Golla, Patrick Wiencek, Lukas Zerbe, Julian Köster, Philipp Weber und Simon Ernst.
Zwar hat der DHB erneut mit Tobias Reichmann, Lukas Stutzke und David Schmidt drei Spieler nachnominiert, die, wenn ihre PCR-Tests negativ ausfallen, sofort einsatzfähig wären. Angesichts der "Corona-Explosion" (Bundestrainer Alfred Gislason) hat der DHB beim Veranstalter EHF eine Verlegung des ersten Hauptrundenspiels gegen den Turnierfavoriten Spanien beantragt. Es ist also noch unklar, ob tatsächlich heute um 18 Uhr angepfiffen wird.

Entscheidung über Spanien-Spiel ist kein Alleingang

Die Entscheidung der DHB-Offiziellen ist kein Alleingang, sondern das Ergebnis langer Konferenzen mit den Verantwortlichen um HBL-Präsident Uwe Schwenker. Die Kommunikation des DHB sei vorbildlich, hieß es am Mittwoch aus Ligakreisen. Zugleich machte Schwenker klar, dass es keinen Sinn ergebe, nun "unendlich mit Spielern aus der Bundesliga nachzuladen".
Im digitalen Meeting von Mittwochmittag hatten die Offiziellen noch die Hoffnung geäußert, die positiven Profis könnten sich, wie es die Regeln vorsehen, nach fünf Tagen freitesten und in das Team zurückkehren - Hintergrund ist, dass die Ct-Werte der meisten Profis wohl nur knapp über der Grenze von 30 liegen. Diese Hoffnung zerschlug sich indes für Julius Kühn am Mittwoch: Der Halblinke aus Melsungen, der als erster Profi positiv getestet worden war, musste weiter in Quarantäne bleiben.

DHB-Team möchte im Turnier bleiben

DHB-Sportvorstand Axel Kromer betonte, dass die Mannschaft im Turnier bleiben wolle. Die Spieler wollten das Turnier unbedingt nutzen, "um ihre neu entwickelte Mentalität auszubauen und als Team weiter zu wachsen". Bislang hatte die Mannschaft um Kapitän Golla allen Widrigkeiten getrotzt und alle drei Partien gewonnen.

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Allerdings ist die Gefahr groß, dass die Verantwortlichen bei ihrem Gang auf dem Drahtseil in den Abgrund stürzen. Zwar versicherte der DHB, die Rückkehr der Profis in den Spielbetrieb mit medizinischem Fachpersonal "internistisch abzusichern" und mit der Gesundheit der Profis verantwortungsvoll umzugehen.

Gesundheit der Spieler steht auf dem Spiel

Tatsächlich ist die Situation in Bratislava ohne jedes Vorbild. Ob und wie die Handballprofis nach fünf Tagen Isolation die Rückkehr ins Team verkraften würden, lässt sich nicht seriös vorhersagen. Rechtsaußen Timo Kastening ließ aus der Quarantäne heraus bereits erkennen, dass er seine Karriere nicht riskieren werde.
Ich bin 26 und habe noch viel vor mir.
Timo Kastening
Zieht sich der DHB nicht vom Turnier zurück, wird sich der deutsche Handball vermutlich mit Vorwürfen auseinandersetzen müssen, die Gesundheit seiner Spieler seinen wirtschaftlichen Interessen zu opfern: In diesem Jahr ist die EM das einzige Turnier, in dem der Verband seine Sponsoren vor eine großen TV-Publikum präsentieren kann.