: Mutige Greenhorns stürzen sich ins Abenteuer

von Erik Eggers
14.01.2022 | 08:18 Uhr
Die deutschen Handballer sind bei der EM krasser Außenseiter. Mit einer der unerfahrensten Mannschaften aller Zeiten stürzt sich der DHB am Abend ins Auftaktspiel gegen Belarus.
Zu ihrem EM-Auftakt trifft das DHB-Team auf Belarus. Neben dem sportlichen Erfolg bei dem Turnier geht es auch darum, möglichst ohne Corona-Infektion durchzukommen.
Motiviert sind sie. "Es kribbelt sehr, die Vorfreude ist riesig", sagte Luca Witzke, bevor die Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB) am Mittwoch in den Charterflieger stieg, der sie in das slowakische Bratislava brachte. Dort trifft das Team von Bundestrainer Alfred Gislason bei der 15. EM in seinem Auftaktspiel am Freitag (18 Uhr; Liveticker ZDF.de; TV: ARD) zunächst auf Belarus.

Lösbare Aufgaben für das DHB-Team

Die nächsten Gegner heißen Österreich (16.01, 18 Uhr; Liveticker ZDF.de; TV: ARD) und Polen (18.01, 18 Uhr, TV: ZDF). Das sind lösbare Aufgaben für die deutschen Handballer, zumindest auf den ersten Blick. Aber das kontinentale Championat hat seine eigenen Gesetze. Favoritenstürze wie vor zwei Jahren, als die Supermächte Frankreich und Dänemark in der Vorrunde scheiterten, sind jederzeit möglich.
Es gibt kein Turnier, das schwerer zu gewinnen ist. Einfache Spiele gibt es nicht bei einer EM.
Christian O’Sullivan, Spielführer Norwegen
Dieses Credo gilt für die deutschen Handballer umso mehr. Denn der Europameister von 2004 und 2016 tritt den Wettstreit mit einer der unerfahrensten Mannschaften aller Zeiten an: Acht Profis im 18er-Kader weisen weniger als zehn Länderspiele auf, darunter ist auch Witzke, auf den als Regisseur viele Einsatzzeiten zukommen werden.

Wenig internationale Spielerfahrung

Der Leipziger hat, wie auch Christoph Steinert (HC Erlangen), Rechtsaußen Lukas Zerbe (TBV Lemgo-Lippe) oder Julian Köster vom Zweitligisten VfL Gummersbach noch nie gegen einen der drei Gruppengegner gespielt. Auch Torhüter Till Klimpke (HSG Wetzlar) ist auf internationaler Ebene ein Greenhorn. Gerade im zentralen Mannschaftsteil, dem Rückraum, fehle es an Kräften mit internationaler Reife, darauf weist Bundestrainer Gislason stets hin.
Die Anreise ist geschafft, das erste Training in Bratislava bereits absolviert. Morgen dann bestreiten die deutschen Handballer ihr erstes EM-Spiel gegen Belarus.
Normalerweise braucht es aber viel Erfahrung auf höchster Klubebene, um kritische Situationen in der Crunch Time, die im Tophandball in fast jedem Spiel vorkommen, cool zu überstehen. Im deutschen Kader finden sich indes mit Kapitän Johannes Golla (SG Flensburg), der mit 153 Länderspielen erfahrenste Kreisläufer Patrick Wiencek (THW Kiel) und Keeper Andreas Wolff (Kielce) nur drei Profis, die diesen brutalen Alltag in der Champions League kennen. Zum Vergleich: Bei den Belarussen spielen zehn Profis in der Königklasse.

Unerfahrenheit als Trumpf

Die Unerfahrenheit könne auch ein Vorteil sein, argumentiert Kreisläufer Golla. "Ich glaube, dass es für den Trainer der gegnerischen Mannschaft nicht einfach ist uns zu analysieren", sagte er am Samstag im aktuellen sportstudio. Die Mannschaft, so unerfahren sie sei, könne für eine Überraschung sorgen. "Wir fahren nicht zum Turnier, nur um mitzuspielen. Unser erstes Ziel ist es, gut in der Gruppe zu bestehen. Und in der Hauptrunde versuchen wir, jedes Spiel zu gewinnen."
Ein Medaillenkandidat sei sein Team nicht, betont der isländische Bundestrainer. "Wir gehen in die EM, um uns unter Druck weiterzuentwickeln." Insbesondere in der Vorrunde wird es darauf ankommen, die Nerven zu bewahren. Der Modus ist schließlich brutal. Eine einzige hohe Niederlage kann schon das Aus bedeuten, da bei drei Mannschaften mit 4:2-Punkten der direkte Vergleich gewertet wird. In jeder Partie wird der Druck also immens sein.
Das unerfahrene Team will diese heiklen Aufgaben mit Mut und Begeisterung lösen. "Jeder Spieler, egal ob alt oder jung, egal ob neu oder schon länger dabei, hat Bock, für diese Mannschaft alles zu geben", sagte Rechtsaußen Timo Kastening (MT Melsungen) nach dem überraschenden 35:34-Testspielsieg gegen Olympiasieger Frankreich am Sonntag, es sei Feuer im Team. "Die Aufbruchstimmung war von Anfang an groß", sagt Witzke, der gegen Frankreich mit der Schlusssirene den Siegtreffer erzielte. "Wir konnten uns nochmal richtig zusammenschweißen, das war das beste Teambuilding."

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