Deutscher Meister 1912 trifft Triple-Sieger

von Ralf Lorenzen
13.01.2021 | 05:56 Uhr
Zweitliga-Dritter gegen Erstliga-Erster heißt es heute, 20.45 Uhr, im DFB-Pokal. Holstein Kiel setzt im Spiel gegen den Favoriten FC Bayern auf den Zauberfuß eines Heimkehrers.
Quelle: imago images / Claus BergmannFin Bartels (links): Nicht nur wegen seines Traumtores im Zweitliga-Spiel gegen 1. FC Nürnberg Publikumsliebling bei Holstein Kiel.
Seine Mannschaft war gerade mit einem 4:0 ins Halbfinale des DFB-Pokals eingezogen, doch Jürgen Klopp war sauer. "Man spielt auch nicht Eishockey auf Rasen", schimpfte er: "Da muss man im Februar woanders spielen, wo es eine Rasenheizung gibt."
Als ihn ein Reporter dann auch noch bat, die Leistung des in der Regionalliga spielenden Gastgebers Holstein Kiel mit der des HSV zu vergleichen, gegen den Borussia Dortmund kurz vorher in der Bundesliga 5:1 gewonnen hatte, war der damalige BVB-Trainer Klopp richtig bedient. "Von welchem Satireblatt kommen Sie denn?", blaffte er zurück.

Seit 2013 Rasenheizung in Kiel

Das geschah im Winter 2012 - neun Jahre später wundert sich niemand mehr, wenn Holstein Kiel in einem Atemzug mit dem HSV genannt wird. Und wenn Robert Lewandowski, der damals den Führungstreffer für den BVB erzielte, heute im Trikot von Bayern München den Platz betritt, ist seine Standfestigkeit nicht in Gefahr: Seit 2013 besitzt das Holstein-Stadion die von Klopp geforderte Rasenheizung.
Schleswig-Holstein ist immer noch das einzige der alten Bundesländer, das noch nie einen Erstligisten stellte. Doch seit die Störche im Mai 2018 nach dem Wiederaufstieg in die 2. Liga erst in der Relegation gegen den VfL Wolfsburg den Durchmarsch in die Bundesliga verpassten, lebt der Traum in der Landeshauptstadt wieder. Ein Traum, der an eine alte Geschichte anknüpft.

Holstein Kiel bis 1963 immer erstklassig

Gleich im ersten Jahr nach dem Bau des Holstein-Stadions wurde der gleichnamige Klub 1912 Deutscher Meister - und spielte bis zur Einführung der Bundesliga 1963 immer in der höchsten Klasse, der Oberliga. Zwei Jahre später scheiterten die Kieler in der Aufstiegsrunde zur Bundesliga an Borussia Mönchengladbach.
"Entscheidend war das erste Spiel bei Borussia Mönchengladbach, die mit Netzer, Heynckes, Vogts und allen Stars antraten. In der 92. Minute kassierten wir das 0:1", sagt Kiels damaliges Aushängeschild Franz-Josef "Bubi" Hönig im Gespräch mit ZDFsport. Hönig wechselte später zum HSV - und Holstein Kiel pendelte nach dem Abstieg aus der Regionalliga 1974 über vierzig Jahre zwischen dritter und vierter Liga.

Hohes Identifikationspotenzial

Seit dem knapp verpassten Aufstieg 2018 haben die Störche zwei durchwachsene Spielzeiten und mehrere Trainer-Wechsel hinter sich. Jetzt ist ein Team zusammen, das nicht nur die Rückkehr in die Spitzengruppe schaffte, sondern ein hohes Identifikationspotenzial bietet.
Trainer Ole Werner ist seit seinem zwölften Lebensjahr bei den Störchen und hat sich als Trainer über die Nachwuchsmannschaften zum Chefcoach hochgearbeitet. Auch Sportchef Uwe Stöver schnupperte vor seiner Rückkehr 2019 schon einige Jahre Förde-Luft.

Hoffnungsträger Fin Bartels

Besonders hoch schlägt das Herz der Kieler Fans aber beim Namen Fin Bartels. Als der Heimkehrer die Kieler kurz vor Weihnachten mit einem Zaubertor gegen den 1. FC Nürnberg vorübergehend wieder an die Tabellenspitze schoss, zeigten die Glückwünsche im Internet, wie viele Sympathie sich der geborene Kieler auch bei seinen Ex-Klubs Hansa Rostock, 1. FC St. Pauli und Werder Bremen erworben hat.
Im Trikot seines Jugend-Klubs wirbelt der Stürmer die Gegner seit Saisonbeginn so durcheinander, als wolle er seine Karriere trotz der Ausmusterung bei Werder unbedingt in der ersten Liga beenden.
Was man braucht, um als Außenseiter gegen Bayern München im Pokal zu bestehen, hat Bartels bei der 0:2-Halbfinalniederlage mit Werder 2016 erfahren - und im NDR so erklärt:  "Du brauchst ein Quäntchen Glück, musst ein paar Dinger halten und auch vorne kaltschnäuzig sein."

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