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Interview

: Kanu-Chef: Es geht um mehr als Geld

21.09.2021 | 13:52 Uhr
Kanu-Verbandschef Thomas Konietzko über die Schwächen der Potenzialanalyse (PotAS) zur Spitzensportförderung und die Bedeutung des Nachwuchssports für kommende Erfolge.
Die deutschen Kanuten gewannen in Tokio zahlreiche Medaillen.Quelle: ap
Anhand der sogenannten Potenzialanalyse (PotAS) als Teil der Spitzensportreform sollen die Fördergelder künftig stärker abhängig von Erfolgserwartungen und Medaillenchancen verteilt werden. Dafür wurden die olympischen Sommersportverbände im Zeitraum zwischen 2019 und 2021 unter die Lupe genommen. Nun wurden die Ergebnisse und das Ranking der PotAS-Kommission vorgestellt. ZDFsport hat darüber mit Kanu-Verbands-Präsident Thomas Konietzko gesprochen. Dieser betont: Fördergelder helfen. Aber um im Spitzenbereich und letztendlich auch bei Olympia wieder erfolgreicher zu sein, braucht es in Deutschland mehr gesellschaftliche Wertschätzung für den Sport schon im Kindesalter.
ZDFsport: Herr Konietzko, in der PotAs-Analyse der 26 dauerhaft olympischen Spitzensportverbände ist der Deutsche Kanu-Verband auf Platz vier gelandet. Sind Sie zufrieden?
Verbandschef Konietzko gratuliert Para-Kanutin Anja Adler zum Gewinn der Deutschen Meisterschaft.Quelle: imago
Thomas Konietzko: Es ist auf jeden Fall ein Schritt nach vorn. Im Zwischenbericht nach der Analyse der Strukturen lagen wir an 14. Stelle. Die Position jetzt spiegelt wider, dass wir sportlich top sind. Ganz zufrieden bin ich trotzdem nicht. Ich verstehe nicht, warum zum Beispiel die Leichtathleten, die in Tokio nur drei Medaillen gewonnen haben und so viele Möglichkeiten mehr auf Erfolge hatten, vor uns eingestuft wurden.
Nach der schwächsten Olympia-Medaillienausbeute (37) seit der Wiedervereinigung wollen DOSB und Bund mit einer Potenzialanalyse Fördermittel neu verteilen.
ZDFsport: Der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) ist Spitzenreiter im Ranking, obwohl die Kanuten mit Gold, Silber und Bronze im Rennsport und Gold sowie dreimal Bronze im Slalom bei den Olympischen Spielen in Tokio deutlich erfolgreicher waren. Ist das gerecht?
Konietzko: Man muss sagen: PotAS hat Reserven. Es sollen die Verbände verstärkt gefördert werden, die perspektivisch Erfolge erzielen können. Aber wie das so ist mit Blicken in die Zukunft, es ist unwahrscheinlich schwer, das in Zahlen abzubilden. Daran wird jedes mathematische System scheitern. Mit welchem Modell auch immer – wir werden die Zukunft nicht vorhersagen können. Letztlich scheitert das gesamte System daran, dass es den Nachwuchs, die Arbeit an der Basis nicht einbeziehen kann.
Entscheidend für die erfolgreiche Zukunft einer Sportart ist aber das, was in den jüngeren Altersklassen passiert.
Thomas Konietzko
ZDFsport: Was haben Sie durch die erste Zwischenanalyse und den damaligen Mittelfeldplatz über die Strukturen im Deutschen Kanu-Verband gelernt?
Konietzko: Manche unserer Konzepte waren in der praktischen Umsetzung schon gut, aber eben auf dem Papier noch nicht gut genug beschrieben. Das müssen wir verbessern.
Kanu-Olympiasieger Ronald Rauhe sieht Verbesserungsbedarf bei der Sportförderung im Spitzenbereich, aber vor allem an der Basis: "Wir müssen die Kinder für Sport begeistern."
ZDFsport: Mit dem, was auf dem Papier steht, gewinnt man aber keine Medaillen, oder?
Konietzko: Was soll ich dazu sagen?
ZDFsport: Die öffentlichen Mittel für den Sport sollen auf transparentere Art verteilt werden, das hatte der Bundesrechnungshof angemahnt. Denken Sie, das wird gelingen?   
Konietzko: Ich verstehe, dass Transparenz bei der Verteilung von Steuermitteln das oberste Prinzip sein muss. Gerade im Bereich des Leistungssports spielen aber auch Expertise, Erfahrung und das Gefühl für eine Entwicklung eine Rolle. All das lässt sich mit PotAS nicht abbilden.
ZDFsport: Das große Ziel über allem ist, zurück zu Erfolgsbilanzen wie nach den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona zu gelangen. Damals holte das erste gesamtdeutsche Team 82 Medaillen – in Tokio waren es nur noch 37.
Mit 14 Jahren betritt Franziska van Almsick 1992 in Barcelona die Weltbühne des Schwimmsports. Sie ist das Nesthäkchen im Olympia-Team und bald schon Deutschlands "Goldfisch".
Konietzko: Wenn es so einfach wäre und man Erfolg in Sportarten außerhalb des Fußballs kaufen könnte, dann wäre Geld die Lösung.
Geld hilft, aber es geht um deutlich mehr. Es geht um die gesellschaftliche Wertschätzung von Sport, beginnend mit Sport in Kindergärten und Grundschulen. Solange das nicht erreicht ist, können wir noch so viel investieren, wir werden nie an die Erfolge der Vergangenheit anknüpfen.
Thomas Konietzko
ZDFsport: Es wird immer wieder der Vergleich zu Nationen wie Großbritannien oder Australien gezogen, Vierter und Sechster im Medaillenspiegel von Tokio. Deutschland ist Neunter. Was machen die besser?
Konietzko: Bei denen gehört Sport zum gesellschaftlichen Leben dazu, schon vom Kindergartenalter an. Schulen stellen sich hinter Sportprojekte, helfen mit, Mannschaften zu organisieren, messen sich untereinander. Kinder haben eine größere Motivation, mit dem Sport zu beginnen, weil alle gesellschaftlichen Kräfte das wollen.
Wenn die Kinder nicht lernen, wie schön Sport ist und dass Leistung eine Motivation sein kann, können wir oben im Leistungsbereich noch so gute Strukturen und noch so viel Geld haben, wir werden langfristig nicht mal mehr die Anzahl an Medaillen gewinnen, die wir in Tokio geholt haben.
Thomas Konietzko
Die Rangliste der PotAS-Kommission
1. Deutscher Leichtathletik-Verband 80,73 (PotAS-Wert in Prozent)
2. Deutscher Tischtennis-Bund 80,40
3. Deutsche Reiterliche Vereinigung 79,40
4. Deutscher Kanu-Verband 78,70
5. Deutsche Triathlon Union 76,94
6. Deutscher Hockey-Bund 73,72
7. Deutscher Schützenbund 73,55
8. Deutscher Volleyball-Verband 72,53
9. Deutscher Segler-Verband 71,40
10. Deutscher Schwimm-Verband 70,45
11. Deutscher Handballbund 70,07
12. Bundesverband Deutscher Gewichtheber 69,84
13. Deutscher Verband für Modernen Fünfkampf 69,21
14. Deutscher Judo-Bund 67,82
15. Deutscher Badminton-Verband 65,05
16. Deutscher Tennis Bund 62,95
17. Deutscher Ringer-Bund 62,63
18. Deutscher Ruderverband 60,31
19. Bund Deutscher Radfahrer 60,22
20. Deutscher Boxsport-Verband 60,02
21. Deutscher Rugby-Verband 57,90
22. Deutscher Golf Verband 55,64
23. Deutscher Turner-Bund 54,78
24. Deutsche Taekwondo Union 54,73
25. Deutscher Fechter-Bund 54,37
26. Deutscher Basketball Bund 46,94

Hintergrund: Die PotAS-Ergebnisse und die Sportförderung

Die PotAS-Kommission wurde 2017 im Zuge der 2016 initiierten Spitzensportreform gegründet. Experten analysieren die Erfolgsaussichten der olympischen Spitzensportverbände auf Grundlage der drei Kategorien Erfolg, Kaderpotenzial/Leistungsentwicklung und Struktur. Die beiden letzteren sind schon 2019 in einem Zwischenbericht bewertet worden. Die Säule Erfolg mit olympischen Erfolgen, Olympia-Qualifikationen und vorolympischen Erfolgen kam wegen der Verschiebung der Olympischen Spiele von Tokio erst jetzt hinzu.

Erstmals werden die Ergebnisse der PotAS-Analyse ausschlaggebend sein für die Vergabe von immerhin zwei Drittel der Fördermillionen des Bundesinnenministeriums an den Spitzensport. "Die Spreizung wird zunehmen", kündigte Markus Kerber, Staatssekretär im Bundesinnenministerium, bei der Vorstellung des PotAS-Abschlussberichts an: "Einige Verbände werden dazugewinnen, andere werden verlieren." Er prophezeite Zuwächse und Verluste im Bereich von 20 bis 30 Prozent.

Das Interview führte Susanne Rohlfing