: Stotternder Neuanfang

von Frank Hellmann
03.09.2021 | 08:56 Uhr
Begeisterung oder Aufbruchsstimmung kann das Debüt von Bundestrainer Flick nicht entfachen. Der 2:0-Pflichtsieg gegen Liechtenstein offenbart altbekannte Mängel.
Der neue Bundestrainer Hansi Flick hat noch einiges an Arbeit vor sich.Quelle: epa
Bernd Leno missachtete bewusst die Anweisung, dass nach Schlusspfiff zunächst alle Akteure die Kabine aufsuchen sollten. Der unterbeschäftigte Schlussmann der deutschen Nationalelf hatte im Laufe des einseitigen WM-Qualifikationsspiels gegen Liechtenstein (2:0) schließlich genug Zeit gehabt, um auf der Gegengeraden des Kybunpark von St. Gallen ein Pappschild zu entdecken, auf dem ein Fan nach seinem Trikot verlangte.
Dort lief Leno nach dem Spielende sofort hin, um wenigstens einen unter den 7.958 Augenzeugen beim Einstand des neuen Bundestrainers Hansi Flick glücklich zu machen.
Ich verstehe, dass die Fans in Deutschland vielleicht ein bisschen enttäuscht sind vom Ergebnis.
Bundestrainer Hansi Flick

Für Aufbruchsstimmung muss mehr kommen

Ansonsten waren an diesem Sommerabend in der Schweizer Kleinstadt viele Wünsche offen geblieben. Von der DFB-Auswahl muss deutlich mehr kommen, um wirklich eine Aufbruchsstimmung zu wecken: Mit Leistungen wie gegen Liechtenstein gelingt das bestimmt nicht.
Abgesehen von den schönen Einzelleistungen bei den Toren von Timo Werner (41.) nach prächtiger Vorarbeit des Balltänzers Jamal Musiala und des nie aufsteckenden Leroy Sané (77.) sah das meiste erschreckend schwergängig aus.

Flick bemüht, die Schwächen kleinzureden

Doch Flick stellte sich sofort schützend vor seine Mannschaft, die so merkwürdig behäbig auftrat. "Ohne Frage hätten wir uns alle gewünscht, dass wir mehr Tore schießen. Ich kann der Mannschaft aber keinen Vorwurf machen", sagte Flick in der digitalen Pressekonferenz. Erkennbar bemüht, die vielen Schwächen kleinzureden.
"Was man merkt, ist, dass die Mannschaft nicht so das Vertrauen hat, dass sie Tore erzielen kann. Es ist enorme Qualität da, ohne Frage", sagte der 56-Jährige.

Ein Abziehbild altbekannter Mängel

Der Hoffnungsträger musste in der an ein Einkaufszentrum und Autobahnzufahrt gebauten Heimstätte des FC St. Gallen mit ansehen, dass sich die Probleme dieser Mannschaft nicht auf Knopfdruck lösen lassen.
Der stotternde Neustart kam als Abziehbild altbekannter Mängel daher, auch wenn Ersatzkapitän Joshua Kimmich gar "kein richtiges Fußballspiel" erlebt hatte, denn: "Es war komisch, schwierig, der Gegner hat dermaßen tief verteidigt, das habe ich so fast noch nie erlebt."

Am Sonntag gegen Armenien

Nach der enttäuschenden Flick-Premiere kann der Mannschaft nun eigentlich kaum etwas Besseres passieren als die am Sonntag (20:45 Uhr) anstehende Partie gegen Tabellenführer Armenien. "Wir können dann vorbeiziehen. Wir wollen offensiv noch besser harmonieren miteinander", forderte Flick, der sich aber eingestehen musste:
Wir haben noch einen langen Weg vor uns.
Bundestrainer Hansi Flick
Die unter seinem Vorgänger Joachim Löw verloren gegangenen Automatismen kommen so schnell nicht zurück, nur weil in den Trainingseinheiten in Stuttgart-Degerloch wieder mehr Leben sichtbar war. "Aber letztendlich zählt es auf dem Platz", wusste auch Flick. Der Grad der Verunsicherung, ausgelöst durch zwei "in den Sand gesetzte Turniere", wie Wortführer Kimmich zuvor sagte, scheint höher als gedacht.

Keine Geduld und keine Präzision

Zwei Grundprinzipien habe man gegen den Fußball-Zwerg aus dem Fürstentum, der als FIFA-Weltranglisten-189. gerade mal drei Profis aufbot, missachtet, erklärte Ilkay Gündogan: "Geduld und Präzision." Feuer und Leidenschaft, so die These des Mittelfeldmotors, sei deshalb kaum sichtbar gewesen, "vieles hätten wir besser machen können".
Wohl wahr: So fanden die Deutschen, die das Leichtgewicht Liechtenstein bislang in vier Duellen immer mit mindestens vier Toren Differenz auf die Bretter geschickt hatten, durch viel zu langsame Ballpassagen kaum eine Lücke.

Liechtenstein-Keeper "Spieler des Spiels"

Der blau-rote Abwehrblock musste nur verschieben, der Rest landete in den Fängen des tüchtigen Torhüters Benjamin Büchel, später zum "Spieler des Spiels" gekürt. Dass sich Lenos Gegenüber Büchel mit den Kollegen später nicht nur ein ausgiebiges Bad in der Menge, sondern auch ein Bier gönnte, war da nur allzu verständlich.

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