: Alles zerstört, "aber wir leben"

von Simon Hrubesch
17.07.2021 | 23:02 Uhr
Ein reißender Strom trennt das kleine Kreuzberg im Ahrtal jetzt in zwei Teile. Menschen wie die Kassners haben hier viel verloren - aber sie leben.
"Hallo Roger! Schön, dass du lebst!" - Zwei Tage lang waren Petra Kassner und ihr Mann Roger getrennt, wussten nicht was der jeweils andere macht. Das Ehepaar wurde auseinandergerissen, als in ihrem Heimatort Kreuzberg im Kreis Ahrweiler der kleine Sahrbach zum reißenden Strom wurde.
Die Straße im kleinen Kreuzberg führt ins Leere. Dort, wo einmal die Brücke über den Sahrbach geführt hat, befindet sich nun ein reißender Fluss und trennt das Dorf in zwei Hälften. 
Vorbei an den angeschwemmten Autos, durch das Geröll, laufen zielstrebig zwei Männer in Richtung eines Baumstammes, der sich über den reißenden, braunen Strom gelegt hat. Wenig später balancieren sie in ihren schlammverschmierten Gummistiefeln über den entwurzelten Baum. Im Normalfall ist der Sahrbach ein Bächlein, nun ist er hier ein etwa sechs Meter breiter Strom. 
Obwohl das Hochwasser zwei Tage her ist, ist das Rauschen noch immer so laut, dass er sogar das Brummen der lauten Wasserpumpen im Dorf übertönt. Es besteht kein Zweifel, dass ein Ausrutscher schlimme Folgen hätte. Doch auf der anderen Seite wartet eine alte Frau auf ein Medikament, das einer der beiden im Rucksack hat. An manchen Stellen straucheln sie, zum Festhalten haben sie nur die verbleibenden Äste, die aus dem Stamm ragen. Ein Mann ist am Rand des Flusses stehengeblieben: "Ich hab' ein kleines Kind zu Hause, das ist mir hier echt zu heiß."

Der Sahrbach trennt Kreuzberg nun in zwei Hälften

Ohne die Brücke ist der Baum gerade die einzige Alternative zu 25 Kilometern Straße, die nun zwischen den Nachbarn liegen. Mit dem Auto würde die Fahrt etwa eine halbe Stunde dauern. Doch nur noch wenige der knapp 700 Dorfbewohner haben ein Auto - die Fluten rissen die meisten von ihnen talwärts mit sich. Auch im kleinen Kreuzberg ist eine Person ertrunken.  
Roger Kassner hat nur über die Nachbarn von der hohen Zahl an Toten und Vermissten erfahren: "Ich hab' null Informationen. Kein Netz, kein Autoradio, was ich vielleicht hätte hören können - Auto ist ja weg. Ich krieg nur über die Nachbarschaft was mit und da wird mir nur schlecht."
Der Sahrbach, sonst ein schmaler Bach, trennt Kreuzberg jetzt in zwei Hälften.Quelle: ZDF/Simon Hrubesch
Kassner wohnt nicht weit vom Fluss entfernt. Als das Hochwasser kam und alles mit sich riss, war er alleine zu Hause. Seine Frau Petra Kassner war zum Einkaufen in der Stadt. Als die Schulsekretärin am Mittwochabend nach Hause wollte, gab es bereits keine Brücke mehr im Dorf. Sie kam bei Bekannten auf der anderen Seite des Sahrbachs unter, die weiter oben am Berg wohnen. Erst zwei Tage nach der Katastrophe, am Freitag, fand sie den Weg über den querliegenden Baum zurück zu Haus und Mann.

Flutwelle vernichtet die Arbeit von Monaten

Die vergangenen Monate, während der Corona-Pandemie hatte das Ehepaar genutzt, um das Haus zu renovieren und ein Gästezimmer für die Vermietung einzurichten. Doch mit der Flut hat sich eine Schicht aus Schlamm über das Mobiliar und Fußboden gelegt. Ihr Auto - weggeschwommen.
Petra Kassner kann es noch nicht fassen: "Es ist nur materiell, aber es tut weh, weil man sehr viel dafür gearbeitet hat, Freizeit dafür geopfert hat und man fängt jetzt wieder von vorne an." Dann schiebt sie hinterher: "Aber wir leben. Ja … wir leben." 

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