: "Es kann jede von uns treffen"

von Jenifer Girke
02.05.2021 | 18:40 Uhr
Mehr Aggressionen, geladene Stimmung: Seit der Corona-Krise leiden Frauen, die von häuslicher Gewalt betroffen sind, noch mehr. Hilfesuchen ist im Shutdown oft nicht möglich.
Häusliche Gewalt läuft immer schon hinter verschlossenen Türen ab. Aber Shutdown und Kontaktbeschränkungen verschärfen die Gefahrenlage der Betroffenen zusätzlich: "Sollte der Mann zu Hause sein, aufgrund von Arbeitslosigkeit, Kurzarbeit oder was auch immer, und die Kontrolle sich dadurch noch verstärken, ist natürlich die Möglichkeit, Hilfe zu suchen viel schwieriger", so die Schilderungen aus einem Frauenhaus im Rhein-Main-Gebiet.
Laut spielen, toben, Kindsein: Die Betreuerinnen beobachten, dass auch die Gewalt gegenüber Kindern seit der Pandemie gestiegen ist: "Wir haben den Eindruck von mehr Bestrafung, auch körperliche Bestrafungen den Kindern gegenüber, zum Beispiel ein schreiender Säugling, dem der Mund zugehalten wird, dem die Hand aufs Gesicht gedrückt wird, damit er aufhört zu schreien, damit die Geräuschbelastung aufhört", berichtet Nadine Albrecht von der Beratungsstelle in Wernigerode.
Die körperlichen und seelischen Schäden bei Frauen und Kinder, die während der Pandemie Gewalt zu Hause erfahren, werde man erst Stück für Stück in den nächsten Jahren sehen und aufarbeiten müssen, so die Trauma-Expertin Michaela Huber.
Simone Leuchtschutz (Name geändert) arbeitet seit 6,5 Jahren in einem Frauenhaus und sagt, häusliche Gewalt kenne keine soziale Schicht oder Nationalität und könnte "jede von uns" treffen. Ihren richtigen Namen möchte sie nicht nennen, sie müsse sich und die Frauen schützen: "Wir haben tatsächlich Sorge, weil wir mit Frauen und Kindern arbeiten, die von häuslicher Gewalt bedroht sind – teilweise so massiv, dass es Todesdrohungen gibt. Ich möchte nicht erleben, dass einer von diesen Tätern vor dem Haus steht und mich bedroht."
Daher fordern sie und ihre Kolleginnen mehr Unterstützung seitens der Politik. Es brauche mehr Personal, mehr Gelder und eine engere Zusammenarbeit mit den entsprechenden Institutionen. Jugendämter, Polizei und Justiz müssten gezielter informiert und weitergebildet werden, um Betroffenen häuslicher Gewalt gemeinsam mit den Frauenhäusern besser helfen zu können.