: Ziviler Ungehorsam - die Waffe des Volkes

von Jenifer Girke
16.05.2021 | 15:52 Uhr
Durch zivilen Ungehorsam soll dem Militär in Myanmar seine wichtigste Einnahmequelle genommen werden: Steuern. Die Antwort der Junta: immer mehr Gewalt. Es droht Bürgerkrieg.
Schon in der Nacht des Militärputsches packte Alex Aung Khant seine Sachen und war bereit zu fliehen: "Ich habe dem Militär nie getraut. Ich war bereit, meine Heimat zu verlassen, weil ich wusste, dass die Verhaftungen und die Gewalt immer weitergehen werden."
Khant ist Politiker, Aktivist und ein Feind der Junta. Er floh nach Europa - wohin genau, kann er aus Sicherheitsgründen nicht verraten. Von dort aus unterstützt und organisiert er den Protest. Das Ziel von ihm und seinen Mitstreiter*innen: eine friedliche Revolution durch zivilen Ungehorsam - doch dieses Ziel rückt in immer weitere Ferne.
Sehen Sie im Video, wie der zivile Ungehorsam in Myanmar organisiert ist. Außerdem erklärt der Politiker Khant, warum die Lage immer weiter eskaliert:
Vor drei Monaten kam es zum Putsch in Myanmar. Seither kämpft das Militär gegen das Volk. Die Hoffnung auf eine friedliche Revolution schrumpft.

Ein Appell an die Welt

Das Militär in Myanmar verhaftet und tötet, Menschen sind ständig auf der Flucht und drohen zu verarmen: Die Vereinten Nationen warnen, dass fast die Hälfte der gesamten Bevölkerung bis 2022 in Armut leben könnte.
Umso lauter wird der Appell an die Staaten der Welt: "Die internationale Gemeinschaft muss sich auf die Seite Myanmars stellen. Sie kann nicht weiterhin eine Politik des Nichtstuns beibehalten, denn Nichtstun wird schnell zu Ignoranz und zur Leugnung, dass es überhaupt einen demokratischen Widerstand gibt. Worte helfen uns nicht weiter, sie müssen handeln", so Khant.

Die Säulen des Protests gegen die Militärjunta

Friedlicher Protest auf der Straße

Direkt nach dem Putsch am 01. Februar 2021 begannen die Einwohner*innen Myanmars auf die Straßen zu ziehen und zu demonstrieren - für Demokratie und die Freilassung inhaftierter Politiker*innen, sowie auch die jahrelange De-facto-Regierungschefin Aung San Suu Kyi. Im gesamten Land organisierten sich Menschen zum Protest - mit immer neuen, kreativen Ideen, wie zuletzt bemalte Eier in der Osterzeit. Die Antwort des Militärs: brutale Gewalt.

Bewaffnete Bürger*innen und PDF

Je gewaltsamer das Militär gegen die Bevölkerung vorgeht, desto mehr Menschen gehen zum bewaffneten Widerstand über. Die Hoffnung auf eine friedliche Revolution durch Protest und die CDM-Bewegung schwindet laut Aktivist*innen und Beobachter*innen zunehmend. Anfang Mai stellte die Gegenregierung The National Unity Government (NUG) neue Volksverteidgungstruppen vor, die People's Defense Forces (PDF) - jede*r Bürger*in könne sich anschließen und gegen die Militärjunta kämpfen.

Civil Disobedience Movement (CDM)

Der CDM, die Bewegung des zivilen Ungehorsams, besteht ebenfalls seit dem Putsch Anfang Februar. Arbeitnehmer*innen weigern sich, unter dem Militärregime zu arbeiten. Dadurch können Krankenhäuser, Behörden oder auch Banken nicht mehr betrieben werden. Der Hintergrund: Menschen verdienen kein Geld, zahlen also keine Steuern - die wichtigste Einnahmequelle des Militärs. Ihre Hoffnung: Wenn dem Militär das Geld ausgeht, kann es seine Hunderttausenden Streitkräfte nicht mehr bezahlen, die Soldaten wenden sich ab und das Militär hat keine Macht mehr. Doch momentan sieht es nicht danach aus, als ob dieser Plan aufgeht.

Politischer Widerstand - die NUG

Die Nationale Einheitsregierung, The National Unity Government (NUG) wurde als Antwort auf den Militärputsch Mitte April vom Repräsentantenkomitee der Pyidaungsu Hluttaw (CRPH) formell bekannt gegeben. Es besteht aus Repräsentant*innen, die bei der Wahl 2020 gewählt wurden, Mitglieder der verschiedenen, ethnischen Gruppen und Schlüsselfiguren des Anti-Coup-Protestes, die sich fast alle versteckt halten oder im Exil leben. Ihr Einfluss ist stark eingeschränkt. Die Militärjunta hat die NUG für illegal erklärt. Die internationale Gemeinschaft hat sie nicht offiziell anerkannt.

Quelle: ZDF

Die Verzweiflung nehme immer weiter zu und damit auch die Bereitschaft für einen bewaffneten Widerstand, erzählt Politiker und Aktivist Alex Aung Khant im ZDFheute-Interview. Der Protest höre nicht auf, die Demonstrierenden würden niemals freiwillig aufgeben. Volk gegen Militär - ein Konflikt, der sich in Myanmar immer mehr zum Bürgerkrieg entwickelt.