: Arbeitskräfte - wo sind sie bloß?

von Sibylle Bassler
21.01.2023 | 11:25 Uhr
Rekordbeschäftigung und gleichzeitig eine Rekordknappheit bei Arbeitskräften: In Deutschland sind rund 1,8 Millionen Arbeitsplätze unbesetzt, weil Personal fehlt.
Es fehlt an Handwerkern. Aber nicht nur. Bäckereien, Supermärkte, Metzger - alle suchen Personal.Quelle: dpa
Eine Firma vor den Toren von München. Hier werden Abschleppsysteme für Autos gebaut für Kunden in aller Welt. Die Orderbücher sind voll mit Aufträgen in Millionenhöhe. Doch Georgios Tokmakidis, der Inhaber der Firma, ist verzweifelt. Denn er kann nicht liefern.

Personalmangel quer durch die Branchen

Der Grund: Seit Monaten fehlt das Personal. Hatte er vor Corona rund dreißig Mitarbeiter, sind es jetzt gerade mal zehn. Alles habe er versucht, um neue Mitarbeiter zu finden. Arbeitsamt, Anzeigen, in Berufsschulen habe er Vorträge gehalten, vergeblich.
Ich frage mich, wo sind die Arbeitskräfte bloß?
Georg Tokmakidis, Firmeninhaber
Eine Frage, die sich auch Josefa Schreindl stellt. Die 32-Jährige ist Juniorchefin eines Lebensmittelladens im oberbayerischen Schaftlach. Seit hundert Jahren existiert das Geschäft, sie führt es in vierter Generation. Nur wie lange noch?

In allen Branchen fehlt es an Nachwuchs. Selten gab es so viele unbesetzte Stellen und so wenig Arbeitssuchende. Viele wollen bessere Aufstiegschancen und nicht in die typischen Lehrlingsberufe.

20.01.2023 | 02:05 min
Seit Monaten sucht sie Ersatz für Mitarbeiterinnen, die in Rente gingen. Doch es hagelt nur Absagen. Keiner wolle am Wochenende arbeiten. Überall, so Stammkundin Eva Gassl, das Gleiche: "Im Cafe, beim Metzger oder auch beim Friseur, alle suchen verzweifelt Personal."

Studium statt Handwerk

Tatsächlich sind derzeit 1,8 Millionen Arbeitsplätze unbesetzt, allein im Gastgewerbe gibt es 50.000 offene Stellen. Nachwuchs? Fehlanzeige. Keiner wolle mehr im Handwerk arbeiten, sagt Josefa Schreindl, jeder wolle heute studieren. 
Nachfrage bei einer Abitur-Klasse in der Berufsoberschule in Rosenheim: Die Schüler und Schülerinnen sind zwischen 19 und 22. Alle haben bereits eine Lehre hinter sich. Doch niemand will im erlernten Beruf arbeiten.
Lennard Kolbe hat Schreiner gelernt. Die Arbeit an sich, so der 19-Jährige, hat ihm gefallen. Doch neben der schlechten Bezahlung seien die Möglichkeiten der Weiterbildung zu gering. 40 Jahre im gleichen Beruf, das sei nicht sein Ding, so Mechatroniker Colin Mack. Für den 2O-jährigen Elektroniker Andreas Quitt steht fest:
Wenn man studiert hat, dann hat man gute Chancen im Leben, doch als Handwerker bist du der Knecht.
Alexander Quitt (20), Elektroniker

Andere Strukturen in den Betrieben gefragt

Stefan Schellenberger ist der Leiter der Schule. Um junge Nachwuchskräfte zu gewinnen, müsste dringend ein Umdenken in den Betrieben stattfinden. Manche Betriebe wären noch immer in alten Strukturen verhaftet, in denen der Chef das alleinige Sagen hat. Doch diese Zeiten seien vorbei. So ließe sich kein Nachwuchs gewinnen.
Der Leiter der Münchner Arbeitsagentur, Wilfried Hüntelmann, kann dies nur bestätigen. Der Arbeitsmarkt ist leergefegt. Selten waren hierzulande so viele Menschen in Arbeit wie heute. Und selten gab es so hohe Zahlen an offenen Stellen und so wenig Arbeitssuchende. Die Folge: Die Arbeitnehmer könnten sich aussuchen, in welchen Berufen, unter welchen Konditionen und bei welchem Arbeitgeber sie arbeiten wollen.

Noch größere Lücken durch Babyboomer-Generation

Doch neben dem aktuellen Arbeitskräftemangel droht auch der demographische Wandel. Gehen die Babyboomer in Rente, dann wird der deutsche Arbeitsmarkt bis 2035 um sieben Millionen Arbeitskräfte schrumpfen, prophezeit Arbeitsforscher Professor Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung.
Um diese Lücke zu schließen, so Weber, müssten ältere Menschen und Frauen für das Erwerbsleben gewonnen werden. Und Deutschland müsste auf Zuwanderung und eine sehr gute Integration setzen.

Viele sind in der Pandemie gegangen - und weggeblieben

Wenn das so einfach wäre, sagt Unternehmer Tokmakidis. Während Corona musste er seinen Betrieb monatelang schließen. Viele seiner Mitarbeiter aus Ungarn und Tschechien fuhren damals nach Hause - und kamen nicht mehr zurück. Denn in ihren Heimatländern bleibe ihnen mehr unterm Strich aufgrund der geringeren Steuern, Mieten und Nebenkosten.
Und Tokmakidis sagt, er könne es ihnen nicht einmal übelnehmen. Denn auch er spielt mit dem Gedanken, die Produktion ins Ausland zu verlagern und nur noch ein kleines Büro in Deutschland zu betreiben. Keine guten Nachrichten für den Standort Deutschland.

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