Von Euphorie keine Spur

von Carsten Behrendt und Sherin Al-Khannak
24.10.2020 | 12:59 Uhr
Für Kleinunternehmer war die Hängepartie am BER ein jahrelanger Kampf um ihre Existenz, nicht alle haben wirtschaftlich überlebt. Ein Besuch am ältesten neuen Flughafen der Welt.
Der siebte Versuch: Am 31. Oktober soll der Flughafen Berlin Brandenburg eröffnen.Quelle: dpa
Béatrice Posch hält inne und muss schlucken. Plötzlich kommt alles wieder hoch: Die schlaflosen ‎Nächte, der Ärger, die Ungewissheit. Sie wischt sich eine Träne von der Wange.
2012 ‎war eine kalte Dusche. Wir hatten alles fix und fertig eingerichtet. Mitarbeiter eingestellt. Dann ‎kam die Absage.
Béatrice Posch
Dabei will die Berlinerin nur Spielzeug verkaufen. Am BER. Am weltberühmten ‎ältesten neuen Flughafen der Welt. Für viele eine Lachnummer. Für Béatrice Posch ein Trauerspiel. ‎Am 31. Oktober soll der Hauptstadt-Airport nun endlich eröffnen. Es ist der siebte Versuch, den ‎‎"Berlin Brandenburg Airport Willy Brandt" an den Start zu bringen.
Ein Projekt, das von vielen nur noch belächelt wurde, kommt nun zum Schluss: In einer Woche soll der Hauptstadtflughafen BER endlich eröffnet werden.

Ein Flughafen als "Fluchhafen‎"

Nach der spektakulär geplatzten Eröffnung 2012 musste Béatrice Posch alles wieder ausbauen. Am ‎Flughafen BER gab es Hunderttausende Mängel. Der Neubau wurde zum Sanierungsfall. In Sachen ‎Pannen und Skandale hat der BER Superlative aufgestellt: Die Brandschutzanlage unbeherrschbar, ‎falsche Dübel, defekte Türen, falsch nummerierte Räume.

Flughafen Berlin-Brandenburg: Schon fast 3.000 Tage Verspätung

Schon vor Jahren hätte der Betrieb starten sollen, doch der Eröffnungstermin verschob sich mehrfach. Der Flughafen BER funktioniert lange nur in der Simulation: Chronik eines Desasters.

Quelle: dpa

Die Baukosten ‎verdreifachten sich von zwei auf sechs Milliarden Euro. Reihenweise haben Verantwortliche den ‎Abflug gemacht. Verantwortung übernommen hat bis heute keiner. Der Flughafen ‎ein Fluchhafen. Für etliche Kleinunternehmer wie Béatrice Posch ein Kampf um die Existenz.‎
Die meisten der Läden und Restaurants am BER sind um den sogenannten Marktplatz gruppiert. ‎Eine Shopping Mall direkt hinter der Sicherheitskontrolle. Die Mieten der Ladenbesitzer und ‎Gastronomen sollen Geld in die Kasse der klammen Flughafengesellschaft spülen.
Die Ladenbesitzer am "Marktplatz" im Flughafen BER hoffen auf Kunden.Quelle: ZDF
Das sogenannte ‎‎"Non Aviation Geschäft", das Shoppen am Flughafen, ist weltweit zur wichtigen Einnahmequelle ‎geworden. Doch nun drohen die Läden zum Ladenhüter zu werden. 16 der 111 Flächen werden zur ‎Eröffnung leer stehen. Einige Mieter haben ihre Verträge gekündigt, andere haben die Hängepartie ‎am BER wirtschaftlich nicht überlebt.‎

Corona: Die größte Krise der Luftfahrt

Béatrice Posch macht weiter. In den vergangenen Jahren hatte sie eine Ausweichfläche am ‎Flughafen Tegel erhalten. Dort lief das Geschäft gut: "Wir hatten Stammkunden, die nach jeder ‎Geschäftsreise zu uns gekommen sind, um für ihre Kinder etwas Schönes mitzubringen", erzählt ‎sie. Aber was passiert jetzt, wenn der alte Flughafen Tegel schließt und der BER eröffnet?

Programmtipp

Quelle: ZDF
Die ZDF.reportage "Flughafen Berlin: Pannen-Airport BER am Start" sehen Sie am 25. Oktober 2020 um 17:55 Uhr im ZDF und ab sofort in der ZDF-Mediathek.
Vor ‎Corona boomte der Flugverkehr in Berlin. Wer fliegt jetzt, wenn der BER ausgerechnet in der ‎größten Krise der Luftfahrt aufmacht? Eigentlich sollten mehr als 100.000 Passagiere jeden Tag am ‎BER fliegen, unter Corona rechnet man nur noch mit 20.000 Gästen. Werden die überhaupt Lust auf ‎Shoppen haben oder direkt zum Flieger laufen?‎
In den letzten Tagen vor der Eröffnung ist Béatrice Posch mit ihrem Umzug beschäftigt. Die Ware ‎muss von Tegel zum BER. "Es ist alles nicht so leicht", sagt sie. Der BER liegt außerhalb der Stadt. In ‎Brandenburg, südlich von Berlin. Für ihre Mitarbeiter wird der Weg zur Arbeit künftig länger sein ‎als nach Tegel.
Die vielerorts steigenden Infektionszahlen und die damit einhergehenden verschärften Reisebeschränkungen treffen die Tourismusbranche hart. Viele Mitarbeiter bangen um ihre Jobs.
Der Mietvertrag schreibt vor, dass das Geschäft geöffnet sein muss, jeden Tag von ‎früh bis spät. Egal, wie gut oder schlecht die Verkäufe sind. Allein die Personalkosten muss ihr der ‎Laden erst einmal einspielen.‎ Von Euphorie ist bei Béatrice Posch kurz vor der geplanten Eröffnung des Hauptstadt-Flughafens ‎wenig zu spüren.
Teilweise hat man den Glauben verloren, dass der Flughafen überhaupt fertig ‎wird. Ich hoffe, dass am 31.10. die Eröffnung ist und dass wir nicht nochmal alles wieder ausräumen ‎müssen.
Béatrice Posch
"Wir müssen das ‎Beste draus machen", sagt sie. Und wieder läuft eine Träne über ihr Gesicht.‎

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