Irland - Profiteur einer neuen Zeit?

von Felix Bernhard
05.04.2021 | 17:30 Uhr
Irland war ökonomisch eng mit Großbritannien verbunden. Durch den Brexit befürchtete die grüne Insel wirtschaftliche Einbußen. Doch in einigen Branchen ist das Gegenteil der Fall.
Irlands Fährhäfen florieren nach dem Brexit.Quelle: Imago

Das Wichtigste in Kürze

  • Die irische Wirtschaft hat 2020 im Vergleich zum Vorjahr ein Wachstum von 3,4 Prozent verzeichnet.
  • Die niedrige Körperschaftssteuer zieht viele Unternehmen an.
  • Die Anzahl der Lastwagen, die die Fähre nach Europa als Transportweg nutzen, erhöhte sich zu Beginn des Jahres teils deutlich.
  • Dublin schafft etwa 3.000 neue Arbeitsplätze für Banker und stärkt so seinen Finanzplatz.
  • Fischerei und Landwirtschaft stehen angesichts neuer Handelsbarrieren mit Großbritannien vor großen Herausforderungen.
Seit Großbritanniens Austritt aus der Europäischen Union weckt die Republik Irland bei vielen Firmen mit geschäftlichen Beziehungen nach Europa großes Interesse.
Schließlich können die Iren nun von sich behaupten, der letzte englischsprachige Markt im europäischen Raum - und damit gewissermaßen auch ein Portal für den dort ansässigen Binnenmarkt - zu sein. Was für die einen ein Segen ist, ruft bei anderen große Bedenken hervor.

Steuervorteile wichtiger Anreiz für Konzerne

Die irische Wirtschaft hat sich im vergangenen Jahr beachtlich gut geschlagen. So konnte man allen Widrigkeiten zum Trotz im Vergleich zum Vorjahr ein Wachstum von 3,4 Prozent verzeichnen; ein Ergebnis, das im gesamteuropäischen Umfeld (minus 8,2 Prozent) schon fast unwirklich anmutet. Doch es gibt gute Gründe für diese starken Zahlen.
In Nordirland gibt es nach dem Brexit Probleme bei Ein- und Ausfuhr von Produkten.
Global orientierte Unternehmen, die beispielsweise in den Bereichen Medizintechnik oder Pharma tätig sind und sich in Irland an einer niedrigen Körperschaftssteuer von nur 12,5 Prozent erfreuen, haben die grüne Insel für sich entdeckt. Sie konnten ihre Exportquoten deutlich erhöhen und die Wirtschaftsleistung somit stärken.
Viele der in Irland ansässigen "Multinationals" handeln anders als zuvor nun direkt mit der Europäischen Union, denn der Handelsverkehr zwischen Großbritannien und dem Kontinent ist nach wie vor stark eingeschränkt. BDI-Geschäftsführer Joachim Lang sagte der dpa hierzu bereits im Januar: "Wir rechnen damit, dass die Engpässe mindestens bis zur Jahreshälfte andauern."

Irische Fährhäfen und Banken profitieren

Ein Resultat dieser Entwicklung: Die Anzahl der Lastwagen, welche die Fähre nach Europa als Transportroute nutzen, hat sich in bestimmten Häfen bereits zu Beginn des Jahres deutlich erhöht.
Exemplarisch für diesen Trend steht "Rosslare", ein Fährhafen im Südosten des Landes, welcher die Zahl der Direktverbindungen zum europäischen Festland binnen eines Jahres vervierfachen konnte. Neben dem spanischen Bilbao und vier französischen Häfen sollen die Fähren von "Rosslare" aus in Zukunft auch Ziele in den Niederlanden und Belgien ansteuern. Eine Erweiterung der Kapazitäten sorgt wiederum dafür, dass die Seerouten für Unternehmen noch interessanter werden.
Ein Jahr nach dem Brexit zeigen sich im britisch-europäischen Handel zunehmend Probleme: Schwierigkeiten im Waren-Grenzverkehr – auch trotz des Sonderstatus Nordirlands im EU-Binnenmarkt.
Die Entwicklung der neu angefachten Beziehungen zum europäischen Festland spiegeln sich auch in 80 Prozent mehr Handelsvolumen wider. Auch die britische Finanzbranche hat den Brexit zum Anlass für einen groß angelegten Umzug genutzt, was sich in Dublin mit etwa 3.000 neuen Arbeitsplätzen für Banker abzeichnet und den Finanzplatz damit nachhaltig stärken dürfte.

Verlierer sind Fischerei und Landwirtschaft

Die jüngsten Entwicklungen lösen nicht bei allen Iren einen Sturm der Begeisterung aus. Fischerei und Landwirtschaft stehen als bedeutende Arbeitgeber im ländlichen Raum angesichts neuer Handelsbarrieren mit Großbritannien, dem oftmals einzigen und damit wichtigsten Handelspartner, vor großen Herausforderungen, denn das Vereinigte Königreich hatte im Zuge des EU-Austritts nicht nur die Europäische Union, sondern auch Zollunion und Binnenmarkt verlassen.
Mit Blick auf die nächsten Jahre könnte der Brexit für die Iren also auch negative Folgen haben. Laut Experten des Wirtschaftsforschungsinstituts ESRI wird sich der EU-Austritt Großbritanniens langfristig sogar wachstumsmindernd auf das irische Bruttoinlandsprodukt auswirken. Mit prognostizierten vier Prozent Wachstum in 2021 zeigt sich die Wirtschaft bislang jedoch robust.

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